Filmkritik zu Miss Marx

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    Das turbulente Leben einer Revolutionärstochter

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Mit dem Namen Karl Marx sollte nahezu ein jeder, der zu Schulzeiten nur ein klein wenig im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, vertraut sein. Als Begründer des kommunistischen Manifests ging der der deutsche Philosoph in die Annalen der Geschichte ein und gilt dementsprechend auch als der Urvater dieser revolutionären politischen Strömung. Dessen jüngste, englischsprachig-erzogene Tochter Eleanor Marx dürfte hingegen wohl nur den wenigsten ein Begriff sein. Gleichwohl hat diese ein nicht minder spannendes Leben geführt. Unter dem Titel „Miss Marx“ hat die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli der aufgeweckten Tochter des politischen Revolutionärs nun ein filmisches Denkmal gesetzt, dem ein ungeahnt moderner Anstrich verpasst wurde.

    Im Mittelpunkt der filmischen Biografie steht die titelgebende Eleanor Marx (Romola Garai), die auch noch nach dessen Ableben auf Dauer im Schatten ihres einflussreichen Papas steht. Die ähnlich politisch aktive junge Frau möchte aber auch ihren eigenen Ideen und Idealen nachgehen, ohne andauernd mit ihrem Vater assoziiert werden zu müssen. Kurz nach dessen Tod gerät sie jedoch schon von der einen Abhängigkeit in die nächste: sie fängt eine Beziehung zum ebenso sozialistisch gestimmten Edward Aveling (Patrick Kennedy) an, in der ihr jedoch bis zu ihrem Suizid verwehrt bleibt, sich komplett zu entfalten und frei zu sein. Der sehnsüchtige Wunsch nach Unabhängigkeit und Emanzipation scheint noch in der Ferne zu liegen. Die junge Frau setzt trotzdem alles daran, nicht nur den politischen Kampfgeist ihres Vaters aufrecht zu erhalten, sondern auch ihre eigenen feministischen Werte der Nachwelt zu hinterlassen. Erst muss sie sich aber von den Zwängen der streng patriarchalen Gesellschaft des Großbritanniens im späten 19. Jahrhundert befreien.

    Trotz der zeitlichen Zuordnung der Geschichte, wirkt das Biopic unerwartet modern und zeitgemäß. Hier und da ertönen im Hintergrund auf einmal kontemporäre Punk-Songs, Archivaufnahmen der US-Arbeiterproteste des 20. Jahrhunderts werden plötzlich eingeblendet und das Herumreichen einer Opiumpfeife im illustrem Kreise gleicht verdächtig dem einer heutigen Bong mit Cannabis. Regisseurin Nicchiarelli gibt dem Publikum zu jeder Sekunde zu spüren, dass sie an keiner klassisch ablaufenden Filmbiografie interessiert war. Geläufige Erzählregeln werden an jeder möglichen Ecke durchbrochen, um dem Film einen frischen, revolutionären Esprit zu verleihen, der den Geiste der Eleanor Marx passend wiedergibt. Ebendiese ständigen Versuche, die Erzählweise in unkoventionelle Bahnen zu lenken, werden dem Film schlussendlich noch ein wenig zum Verhängnis. Mit seinen ständigen Stilbrüchen – in einer Szene wird gar mir nichts, dir nichts die vierte Wand durchbrochen und die Protagonistin wendet sich direkt an das Publikum – kommt das Biopic zu bemüht anders daher und schafft es nicht ganz, einen angenehmen Erzählfluss herzustellen. Hauptdarstellerin Romola Garai schenkt dem Film mit ihrer hingabevollen und durch und durch charismatischen Darstellung der Eleanor „Tussy“ Marx jedoch die nötige Energie, die einen über manch narrativen Fauxpas hinwegsehen lässt. Auch auf ästhetischer Ebene überzeugt das Drama mit gemäldehaft komponierten Einstellungen sowie einem prächtigen Szenen- und Kostümbild.

    So erfrischend der freche Erzählansatz, mit dem Regisseurin Susanna Nicchiarelli hier ans Werk gegangen ist, auch sein mag: in der Umsetzung weiß dieser nicht hundertprozentig aufzugehen. Sehenswert bleibt die unkoventionelle Biografie über die Marx-Tochter alleinig aufgrund der vordergründigen Schauspieldarbietung und der erstklassigen Schauwerte allemal. Die erhoffte filmische Revolution (die sich auf rein politischer Basis durchaus zuträgt) bleibt aber leider aus.