Filmkritik zu Nobody

Bilder: Universal Pictures International Fotos: Universal Pictures International
  • Bewertung

    Vom Niemand zum Jemand

    Exklusiv für Uncut
    Wenn man sich einen Actionhelden im klassischen Sinne vorstellt, würden wohl die allerwenigsten an Bob Odenkirk denken. Der Schauspieler und eigentliche Comedian, der sich für seine Rolle des gewieften Staranwalts Jimmy McGill alias Saul Goodman in der Erfolgsserie „Breaking Bad“ und dem dazugehörigen Spin-Off „Better Call Saul“ international einen Namen gemacht hat, wagt dennoch den Versuch. Für sein erstes Action-Vehikel mit dem simplen Titel „Nobody“ absolvierte der 58-jährige US-Darsteller ein knapp zweijähriges Training. Und siehe da: die harte Arbeit hat sich ausgezahlt.

    Hutch Mansell (Odenkirk) ist ein kaum auffallender Familienvater, der mit seiner Frau Becca (Connie Nielsen) sowie zwei Kindern in der Vorstadt lebt und sich seine Brötchen mit einem monotonen Bürojob in der Firma seines Schwiegervaters (Michael Ironside) verdient. Die unscheinbare Fassade beginnt aber zu bröckeln, als eines Nachts ein Einbrecher-Pärchen ins Haus der Familie eindringt. Kurz spielt Hutch mit der Idee, den Eindringlingen mit einem Golfeisen eins überzuziehen, lässt die beiden dann aber doch unversehrt davonkommen. Sein Sohn im Teenager-Alter zeigt sich enttäuscht von der Mutlosigkeit seines Vaters. Der Vorfall lässt den angeblichen Durchschnittskerl aber keineswegs kalt. Tatsächlich kommen in ihm dadurch Erinnerungen an seine kriminelle Vergangenheit hervor, der er einst eigentlich den Rücken gekehrt hatte. Früher war er nämlich als gefürchteter Auftragskiller für ein Syndikat im Einsatz. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, findet er sich plötzlich in seinem alten, blutdürstigen Selbst wieder. Bald hat es auch der russische Mafia-Boss Yulian Kuznetsov (Aleksei Serebryakov) auf den Familienvater abgesehen. Der ahnt jedoch nicht, mit wem er es hier zu tun bekommt. Ein einfacher Niemand ist Hutch nämlich in der Tat nicht.

    Inszeniert wurde das blutige Action-Spektakel vom russischen Musiker und Regisseur Ilya Naishuller, der mit seinem komplett aus der POV-Perspektive heraus gedrehten Debütfilm „Hardcore Henry“ bereits seine Genre-Affinitäten zum Besten gab. Das Drehbuch stammt diesmal aus der Feder von Derek Kolstad, der als Schöpfer und Hauptschreiber der äußerst beliebten „John Wick“-Reihe gilt. Ähnlichkeiten in der Handlung sind daher gewiss kein Zufall. Wie es bei den „John Wick“-Filmen bereits der Fall war, wird auch in „Nobody“ der eigentliche Plot zur Nebensache. Die brillant choreografierten Kampfsequenzen geben den Ton an. Das hohe Niveau der „John Wick“-Filme wird dabei zwar nicht ganz erreicht, jedoch besticht auch Naishullers Film mit sauber abgefilmter und dynamisch geschnittener Action, bei der gekonnt auf das in Hollywood gängige Stilmittel der Wackelkamera verzichtet wird. Vor allem ist es aber die grenzenlose Kreativität so mancher Action-Szene, die „Nobody“ zum wahren Fest für Genre-Fans macht. Erinnerungswürdig bleibt vor allem ein erstklassig inszenierter Fight, der sich zur Gänze innerhalb eines Busses abspielt und jedes darin befindliche Objekt unterhaltsam zur Verteidigungswaffe umfunktioniert. Der Soundtrack, der aus Evergreens der Pop- und Rock-Geschichte besteht, harmoniert auch zumeist mit dem Rhythmus und Tempo der Action. Lediglich in den Momenten, in denen Musik auf nondiegetischer Ebene ertönt, wirkt der Soundtrack etwas deplatziert.

    Der Film würde aber nur halb so gut funktionieren, wäre da nicht sein großartiger Hauptdarsteller. Serienstar Bob Odenkirk zeigt sich von einer gänzlich neuen Seite, die ihm erstaunlich gut steht. Gerade in den Kampfszenen überrascht er mit großer physischer Hingabe und intensivem Spiel. In einer Nebenrolle glänzt der durch den Wu-Tang-Clan bekannte Hip-Hop-Musiker und Schauspieler RZA als Hutchs Halbbrüder Harry. Besonderes Lob gebührt auch Hollywood-Legende und „Zurück in die Zukunft“-Star Christopher Lloyd, der mit 82 Jahren jetzt noch sein Glück als Action-Star versuchen möchte.

    Plottechnisch mag vieles vertraut sein, doch im Gegensatz zu den ersten „John Wick“-Filmen lebt „Nobody“ von einem deutlich humoristischeren Ton und einer gesunden Portion Selbstironie. Am Ende bleibt hier ein schön inszeniertes und äußerst spaßiges Stück Action-Kino übrig, das nicht mit Gewaltexzessen geizt und Bob Odenkirk in körperlicher Top-Form präsentiert. Better Call Hutch!