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  • Bewertung

    Die Trennung zweier Schwestern

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Martha Batalha schrieb im Jahr 2016 einen Roman namens „The Invisibel Life of Eurídice Gusmão“, in welchem sie ein Bild vom Brasilien der 50er Jahre zeichnete, welches geprägt war von patriarchalen Strukturen und chauvinistischer Unterdrückung. Viele BrasilianerInnen konnten sich aufgrund ähnlicher familiärer Hintergründe mit der Geschichte um die Gusmão-Schwestern identifizieren. So auch der Regisseur Karim Aïnouz, der mit der gleichnamigen Literaturverfilmung bei den Filmfestspielen von Cannes den Hauptpreis in der Sektion „Un Certain Regard“ gewinnen konnte.

    Rio de Janeiro in den 1950er Jahren: Die Töchter der Familie Gusmão, die sich sehr nahe stehen, könnten unterschiedlicher nicht sein: die quirlige Guida (Julia Stockler) ist frisch verliebt und malt sich eine gemeinsame Zukunft mit dem gutaussehenden Iorgos aus, während die verträumte Eurídice (Carol Duarte) von einer Karriere als Pianistin träumt. Als Guida jedoch ungewollt schwanger wird, verändert sich das Leben der Familie schlagartig. Denn der tyrannische Vater verstößt die schwangere, unverheiratete Tochter und auch Eurídice muss, seinen Erwartungen entsprechend, ihre Träume auf Eis legen und sich der Familiengründung widmen. Die unfreiwillige Trennung belastet die beiden Schwestern sehr, denn ihnen wird auch jedwede Kontaktmöglichkeit verwehrt. Deshalb beginnt Guida Briefe an ihre Schwester zu schreiben – auch wenn sie ahnt, dass Eurídice diese wahrscheinlich niemals zu Gesicht bekommen wird.

    „The Invisibel Life of Eurídice Gusmão“ beginnt in den Wäldern Brasiliens. Inszenatorisch betrachtet, stellt der Einstieg in die Handlung durch die durch den Dschungel tobenden Mädchen einen wahren Augenschmaus dar. Regisseur Karim Aïnouz meinte im Zuge der diesjährigen Viennale, er wollte einen Garten Eden erschaffen, der den regulären Handlungsverlauf umschließt und sich auf diese Weise dem Einstieg in die Thematik nähern. Und das gelingt ihm auf äußerst ansprechende Weise! Aber auch beim restlichen Film wurde sehr viel Wert auf ein romantisches Set Design sowie farbenprächtige Kostüme gelegt, die den Herzschmerz, der einen in den darauffolgenden zweieinhalb Stunden erwarten sollte, noch deutlicher zur Geltung brachten.

    Im Zentrum der Handlung stehen dabei zwei Frauen, die durch die Männer in ihrer Umgebung unterdrückt werden. Der Vater der beiden Mädchen wirkt dabei äußerst engstirnig und hartherzig, der Ehemann von Eurídice hingegen sogar etwas lächerlich. Dargestellt wurde er von dem bekannten Komiker Gregório Duvivier, dem es gelingt, seinem Charakter eine unfreiwillig komische Note zu verleihen. Er ist aber nicht das einzige bekannte Gesicht, denn Fernanda Montenegro, die Grande Dame des brasilianischen Kinos, stellt die ältere Version von Eurídice dar. Und auch ihr bekanntester Film, „Central Station“ von Walter Salles, erwies sich als wichtiger Einflussfaktor was die Ästhetik des Films betraf.

    Der Film lebt allerdings von seinen beiden Hauptdarstellerinnen, Carol Durte und Julia Stocker. Mit einer feinfühligen Nuanciertheit gelingt es ihnen, äußerst authentische Charaktere zu erschaffen, deren getrennte Leben sich dennoch parallel zueinander entfalten – jedenfalls auf der Kinoleinwand.

    Am Ende bleibt dabei sicherlich kein Auge trocken. Denn der Film stellt ein wahnsinnig anrührendes Familiendrama dar, welches aber auch politische Ausmaße annimmt, wenn es die Unterdrückung durch das Patriarchat und den daraus resultierenden Kampf um die Selbstbestimmung der Frau thematisiert. Die Gusmaõs sind starke Frauen. „The Invisibel Life of Eurídice Gusmão“ ist auch ein starker Film.
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    (Marion Schlosser)
    10.11.2019
    23:22 Uhr