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    Soderbergh goes Adam McKay

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Mal ist er da, dann ist er weg, dann ist er wieder da. - So ungefähr ließe sich die Karriere von Filmemacher Steven Soderbergh zusammenfassen. Der US-Filmemacher, der einst mit „Sex, Lügen und Video“ die Indie-Szene eroberte, später dann mit der populären „Oceans“-Trilogie aber auch im Blockbustermarkt Erfolge verbuchen konnte, gab 2012 bekannt dem Filmemachen den Rücken kehren zu wollen. Der Ruhestand war jedoch nicht von langer Dauer, denn bereits 2016 kehrte der Regisseur aus der Rente zurück, um den Heist-Thriller „Logan Lucky“ zu inszenieren. Seither scheint der Filmemacher aktiver wie auch experimenteller denn je unterwegs zu sein und hat zuletzt erst mit den beiden Titeln „Unsane“ und „High Flying Bird“ zwei Filme zur Gänze mit iPhone-Kameras gedreht.

    Nur sechs Monate nach Veröffentlichung seines letzten Werks meldet er sich jetzt schon mit seiner neuen Arbeit „The Laundromat“ zurück, bei der es sich um seine bereits zweite Netflix-Arbeit in Folge handelt. Soderberghs aktuelles Werk ist eine Satire, die auf dem Roman „Secrecy World: Inside the Panama Papers Investigation of Illicit Money Networks and the Global Elite“ von Jake Bernstein basiert und sich episodenhaft dem größten Datenleck der Geschichte, den Panama Papers, widmet. Diese wurden 2016 geleakt und in späterer Folge von Journalisten weltweit veröffentlicht. Mithilfe der Panama Papers wurden einige einflussreiche Personen entlarvt - egal ob nun Juristen, Banker oder gar Politiker - die mit Hilfe gesetzlicher Lücken jahrelang Steuerzahlung vermeiden konnten beziehungsweise zum Teil sogar in Geldwäscheverbrechen verwickelt waren. Diese kriminellen Machenschaften gingen von der in Panama sesshaften Offshore-Dienstleistungsfirma Mossacka Fonseca aus, die vom deutschen Anwalt Jürgen Mossacka (Gary Oldman) und dessen panamischen Partner Ramón Fonseca (Antonio Banderas) geleitet wurde. Das Besondere am Film: die beiden Verbrecher dienen der ‚Handlung‘ des Films mit Hilfe von Fourth-Wall-Breaks als Erzähler, die uns ihre Welt verständlicher näherbringen und die jeweiligen Episoden des Films narrativ begleiten. Darunter unter anderem: die pensionierte Witwe Ellen Martin (Meryl Streep), die die Versicherungsfirma ihres bei einem Bootsunfalls verunglückten Ex-Manns ausfindig machen möchte und dabei zunächst von Briefkastenfirma zu Briefkastenfirma gerät. Es wird aber beispielsweise auch die Geschichte eines wohlhabenden Businessmanns erzählt, der seine Tochter, als diese von der Affäre, die ihr Vater zu ihrer besten Freundin pflegt, Wind bekommt, mit Anteilnahme an wertvoller Aktien zum Schweigen bringen will.

    Dadurch, dass Soderbergh in seinem Film Mossacka und Fonseca andauernd höchstpersönlich zum Publikum sprechen lässt, baut dieser eine Metaebene auf, die dem an sich trockenen Thema erstaunlich viel Energie abgewinnen kenn. Man bekommt aber beim Anschauen das Gefühl nicht los, das Ganze schon mal irgendwo in ähnlicher Form gesehen zu haben. Die Art und Weise, auf die Soderbergh seinen Charakteren die vierte Wand durchbrechen lässt, um den Publikum verspielt und unterhaltsam komplexe Fachbegriffe näherzubringen, erinnert doch sehr stark an die beiden letzten Werke von Regisseur Adam McKay – allen voran dessen Börsensatire „The Big Short“. Obwohl die Fourth-Wall-Breaks mit Mossacka und Fonseca stark an jene aus „The Big Short“ erinnern, wirkt das Gimmick hier trotzdem frisch und wie keine bloße Kopie von McKays Stil. Das mag unter anderem bestimmt daran liegen, dass Gary Oldman (trotz eines obskuren deutschen Akzents) und Antonio Banderas ihre Sache ganz wunderbar machen und durch ihr Intro den Film bereits zu Beginn in ein flottes Erzähltempo bringen, aus dem er nur selten rausfällt. Allgemein hat das aber den einfachen Grund: der Film weiß einfach bestens zu unterhalten. Soderbergh schafft es aus einer seriösen Thematik, aus der man leicht ein Drama machen hätte können, eine hochamüsante Komödie mit smarten satirischen Spitzen zu machen.

    Das starke Schauspielensemble tut dabei ihr Übriges. Neben Oldman und Banderas sei natürlich die gewohnt großartige Meryl Streep hervorzuheben, die als Witwe im Kampf für Gerechtigkeit mal wieder ihre große Bandbreite als Schauspielerin zu präsentieren weiß. Je weniger man jedoch im Vorhinein über das Ausmaß ihrer Rolle weiß, desto besser. Soderberghs Satire ist bis auf die kleinste Nebenrolle exzellent besetzt. So gibt es beispielsweise David Schwimmer und Robert Patrick als Veranstalter der missglückten Bootsfahrt, Nonso Anozie als Familienvater, der seine Tochter nach einer verhängnisvollen Affäre mit Aktien bestechen möchte oder in einer kurzen Szene gar Schauspiellegende Sharon Stone als Immobilienmaklerin zu sehen.

    Leider schafft es der Film aber nicht durchgängig seine episodenhafte Erzählung organisch aufrechtzuerhalten und wirkt ab und an etwas zu sprunghaft. Ein Segment, das sich in China abspielt, wirkt zudem etwas fehl an Platz und kann der Qualität der anderen Teile nicht das Wasser reichen.

    Es wird durchaus Leute geben, die „The Laundromat“ mangelnde Subtilität attestieren werden. Da die Satire aber in erster Linie ein lautstarkes politisches Statement sein will, ist der brachiale Ton schon ziemlich passend. Soderbergh hat hier einen Film gedreht, der auf unterhaltsame und kreative Weise veranschaulicht wie durch ungleiche Verteilung und groben Gesetzeslücken gewisse Teile der wohlhabenderen Bevölkerung mit ihren kriminellen Machenschaften unbescholten davonkommen und die Arbeiterklasse dabei den Dreck einstecken muss.

    „The Laundromat“ gelingt es aus einer furztrockenen und hochkomplexen Thematik eine urkomische und farbenfrohe Satire herauszuholen, die es zudem schafft, sehr spezifische Fachbegriffe verspielt einfach zu erklären und mit einem groß aufspielenden Ensemble-Cast besticht.

    Steven, denk bitte nicht wieder so bald ans Aufhören!
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    (Christian Pogatetz)
    02.09.2019
    14:00 Uhr