Filmkritik zu The Farewell

Bilder: Polyfilm, A24 Fotos: Polyfilm, A24
  • Bewertung

    Eine Lüge zum Abschied

    Exklusiv für Uncut
    Filmemacherin Lulu Wang veröffentlichte im Jahre 2016 eine Kurzgeschichte namens „What You Don't Know“, die von ihrer wahren Großmutter inspiriert worden war. Als ihre echte Großmutter einst an einer unheilbaren Form von Krebs erkrankte, machte sich die gesamte Familie auf den Weg nach China, um die geliebte Nai Nai (Mandarin für „Großmutter“) noch einmal vor ihrem Tod zu Gesicht zu bekommen. Das Dreiste jedoch: Der Großmutter selbst wurde vorenthalten, dass sie in Wirklichkeit sterbenskrank war und eine Fake-Hochzeit arrangiert, um die Zusammenkunft der großen Familie zu erklären – ein Fall, der in China nicht selten eintritt.
    Mit dem von A24 produziertem Indie-Drama „The Farewell“ verarbeitet Wang ihre eigenen Erfahrungen nun auch in filmischer Form und durfte dafür seit der Premiere beim diesjährigen Sundance-Filmfestival allerlei Lob kassieren. Zurecht.

    Auch wenn Wang ihre persönliche Vergangenheit stark in das Drehbuch des Comedy-Dramas mit hineingearbeitet hat, erzählt „The Farewell“ die Ereignisse in fiktionalisierter Form. So widmet sich der Film der jungen chinesisch-amerikanischen Schriftstellerin Billie (Awkwafina), die die Regisseurin klar auf sich selbst basieren ließ. Durch ihre Eltern erfährt Billie eines Tages, dass ihre Nai Nai (Shuzhen Zhao) schwer an Lungenkrebs erkrankt sei und nur noch wenige Monate zu leben hätte. Während jedoch die ganze Familie von ihrer Erkrankung Bescheid weiß, wird ausgerechnet der Großmutter selbst ihr eigenes Schicksal vorenthalten. Damit die Großfamilie aber die in China beheimatete Nai Nai vor ihrem Ableben noch ein letztes Mal sehen kann, wird eine Hochzeit für Billies Cousin organisiert, die der großen Familienzusammenkunft als Vorwand dienen soll. Billie, die sich schon langer Zeit zwischen ihren kulturellen Identitäten als US-amerikanische und chinesische Staatsbürgerin hin und hergerissen fühlt, ist von dieser Entscheidung alles andere als angetan und kann die Lüge nur schwer verkraften. Trotz ihrer moralischer Bedenken, fliegt die in New York beheimatete Autorin trotzdem auch zu der „Fake-Hochzeit“ nach China, um die letzte gemeinsame Zeit mit ihrer geliebten Großmutter noch ausreichend nützen zu können.

    Lulu Wang ist mit ihrer erst zweiten Arbeit als Filmemacherin ein außerordentlich berührendes Drama gelungen, das auf billigen, emotional manipulativen Pathos verzichtet und von rauer menschlicher Emotion angetrieben wird. Dabei werden sich manche ZuschauerInnen bestimmt daran stören, dass sich Wangs Werk keiner klassischen Dramaturgie bedient, sondern vielmehr von den kleinen Beobachtungen des Alltags lebt, in denen sich der Film immer wieder bewusst verliert. Neben dem moralischen Konflikt, den unsere Protagonistin auszubaden hat, sind es oft auch die kulturellen Differenzen zwischen der USA und China (der Film wurde zu weiten Teilen auf Mandarin gedreht), die vom Drehbuch sehr explizit hervorgehoben werden. So gibt es beispiwelsweise Tischgespräche, in denen Billie mit Teilen ihrer Familie über die verschiedenen Moralvorstellungen der beiden Kulturkreise, die unterschiedlicher kaum sein könnten, streitet. Dabei ergreift der Film jedoch nicht direkt Partei für eine der beiden Seiten, sondern lässt seinen Figuren ihre jeweiligen Standpunkte wertfrei ausführen.

    Der emotionale Kern des Films geht jedoch primär von der herzerwärmenden Beziehung zwischen Billie und ihrer Großmutter aus und wird neben dem Skript von zwei großartigen Hauptdarstellerinnen auf den Schultern getragen. Rapperin und Comedian Awkwafina, die hier in ihrer ersten ernsten Rolle zu sehen ist, beeindruckt mit einem außergewöhnlichen Feingefühl ihrer Rolle gegenüber und einer durchgängig authentischen Schauspieldarbietung. Die innere Zerrissenheit ihrer Figur und die unterdrückte Trauer, die Billie aus gegeben Gründen nicht offen zeigen kann, verkörpert die junge Schauspielerin mit einer derart disziplinierten und nachdenklichen Zurückhaltung, dass wenn hier und da emotionale Entgleisungen passieren, diese umso kraftvoller daherkommen. Ihr gegenübergestellt wird die chinesische Darstellerin Zhao Shuzhen, die die liebevolle Nai Nai mit großer Empathie mimt und dadurch die Herzen der ZuschauerInnen binnen weniger Minuten erobert haben wird.

    Auch auf ästhetischer Ebene weiß Wangs Zweitwerk durchaus mitzureißen. Oft sind es genau die absurdesten Momente des Films, in denen die Grenzen zwischen Tragik und Komik verschwimmen und die außergewöhnlichen stilistischen Eigenheiten zum Vorschein kommen. So wird einem besonders die Schlüsselsequenz der Hochzeit selbst im Kopf bleiben. Während das Szenen- und Kostümbild in dieser Szene pompös wie auch farbenfroh gehalten wurde und die erfreulichen Momente der vermeintlichen Hochzeit (wie beispielsweise eine erheiternde Karaoke-Session) ebenso passend transportiert werden, unterliegt dem Event trotzdem eine melancholische Grundstimmung. Diese feine Linie zwischen Tragik und Komik schafft es Wang alleinig durch die – im Vergleich zur sonst geerdeten Inszenierung – über-stilisierte Bildsprache dieser Szene in Kombination mit den unterschiedlichen Gefühlsausbrüchen der Gäste auf unvergesslichem Wege zu vermitteln.

    Abschließend lässt sich sagen, dass Lulu Wang mit „The Farewell“ ein beachtliches Drama mit tragikomischen Zügen gelungen ist, das durch seinen Verzicht auf eine Erzählstruktur im klassischen Sinne und sporadische Verwendung von Metaphern sicherlich nicht für jeden Zuschauer geeignet ist. Wer jedoch nicht immer zwingend einen roten Faden benötigt, bekommt unter anderem eine sehr fein ausgearbeitete und versiert in Szene gesetzte Beobachtungsstudie der Eigenheiten chinesischer Traditionen geboten. Durch das berührende und tiefmenschlich verkörperte Verhältnis zwischen Enkelin und Großmutter, das im Vordergrund des Films steht, erhebt sich dieser im Laufe seiner 98 Minuten Spielzeit zum kraftvollen Charakterdrama, das versucht, komplexen Fragen wie der der eigenen kulturellen Identität oder auch dem persönlichen Sinn für Moral nachzugehen.