Uncut live von der Berlinale 2019

Filmkritik zu Tremors

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Wenn die eigene Sexualität zum Verhängnis wird

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2019
    In den letzten Jahren kam es immer häufiger vor, dass Regisseure aus Ländern, in denen LGBT-Themen noch tabuisiert werden, eben diesen Themenbereich in filmischen Beiträgen behandelten. Erst im letzten Jahr konnte das chilenische Drama „Eine fantastische Frau“, das sich dem Alltag einer jungen Transfrau widmete, den Oscar für den „Besten fremdsprachigen Film“ mit nach Hause nehmen. Im guatemaltekischen Drama „Temblores“ (international „Tremors“)erzählt Regisseur Jayro Bustamente von einem Mann, dessen sexuelle Ausrichtung in seiner Heimat als Sünde angesehen wird.

    Pablo (Juan Pablo Olyslager) ist der Vater zweier Kinder und mit der wohlhabenden Isa (Diane Bathen) verheiratet. Umso tiefer sitzt der Schock in seinem familiären Umkreis als er ihnen bekanntgibt, dass er sich in einen Mann verliebt hat. Seine Familie ist strenggläubig und betrachtet dessen neuentdeckte Homosexualität als unverzeihliche Sünde. Während Pablo zu seinem Freund Francisco (Mauricio Armas Zebadúa) zieht, setzt seine Familie alles daran, ihn wieder „auf die richtige Spur“ zu bekommen.

    Eröffnet wird der Film von einer beeindruckenden Sequenz, in der Pablo ob seiner vermeintlich sündhaften Sexualität von sämtlichen Familienmitgliedern konfrontiert und verpönt wird. Die anfängliche Sequenz endet mit einem Erdbeben (auf Englisch: Tremor), das im Haus der Protagonisten deutlich zu spüren ist. Das Erdbeben dient dem Film als titelgebende Metapher, die die Erschütterung von Pablos Familie in Folge der Bekanntgabe seiner Homosexualität passend umschreibt und sich durch den gesamten Film zieht.

    Leider schafft es der restliche Film nicht das Niveau der starken Eröffnungsszene zu halten und kaut oft nur dieselben Thematiken wieder, ohne je wirklich in die Tiefe zu gehen. So wechselt die erste Hälfte des Films weitestgehend zwischen Szenen, in denen Pablo von seiner Familie Dreck abgekommt und anderen, in denen er Zeit mit seinem Liebhaber verbringt hin und her, die schon sehr bald repetitiv wirken können. Zudem lässt Bustamente die homophoben Mitglieder seiner Familie in ihren Ansichten schon fast zu Karikaturen vorkommen, was den intendierten Realismus etwas ins Lächerliche zieht. Immerhin handwerklich gesehen ist der Film solide gemacht und punktet auch mit einer überzeugenden Darstellerriege. Vor allem Hauptdarsteller Juan Pablo Olyslager gibt eine beachtliche Performance ab, die durch ein mehr in die Tiefe gehendes Skript vermutlich noch an Subtilität gewonnen hätte.

    Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Jayros Bustamentes LGBT-Drama „Tremors“ zwar mit interessanten Ansätzen und starken Schauspieldarbietungen besticht, thematisch aber schon nach kurzer Zeit in Leerlauf gerät und das zwiegespaltene Gefühlsleben seines Protagonisten nur lose anschneidet. Bei der brisanten Thematik wäre mehr drin gewesen!
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    (Christian Pogatetz)
    09.02.2019
    00:29 Uhr