Filmkritik zu Glass

Bilder: The Walt Disney Company Fotos: The Walt Disney Company
  • Bewertung

    Shyamalansche Dekonstruktion des Superhelden-Genres

    Exklusiv für Uncut
    M. Night Shyamalan - Wohl kaum ein anderer Hollywood-Regisseur hat eine derart holprige Karriere hinter sich. Zu Beginn noch für bahnbrechende Welterfolge wie „The Sixth Sense“ als frische heiße Stimme am Regie-Himmel gefeiert und vom US-amerikanischen „Newsweek“-Magazin gar als „der nächste Spielberg“ betitelt, begann die Qualität seiner Werke nach einer Zeit von Film zu Film kontinuierlich zu sinken. Seinen bisherigen Tiefpunkt erreichte Shyamalan dann 2010 mit „The Last Airbender“, der vielfach gescholtenen Realverfilmung der gleichnamigen preisgekrönten Animationsserie. Der einstige vermeintlich neue Meister des Horror-Kinos war plötzlich zu einer einzigen Punchline innerhalb der Filmwelt verkommen. Nach dem ebenfalls zerissenen Sci-Fi-Spektaktel „After Earth“, zeichnete sich bei Shyamalan auf einmal ein radikaler Sinneswandel ab. Es schien so, als hätte der indisch-amerikanische Filmemacher genug vom ganzen Spott, den er mittlerweile erntete, und entschied sich für sein Folgewerk - der Horrorkomödie „The Visit“ (2015) - dazu, seine finanziellen Mittel drastisch zurückzufahren, um wieder komplette kreative Kontrolle über seine Projekte zu gewinnen. Und siehe da: Tatsächlich war die Low-Budget-Horrorkomödie ein großer Erfolg und stieß selbst bei Kritikern weitestgehend auf positive Reaktionen. Der Aufwärtstrend in der Karriere des Regisseurs schien auch im Anschluss keinen Halt einzulegen, denn mit dem 2017 erschienen Psychothriller „Split“ war sich auf einmal (fast) jeder einig: Shyamalan ist zurück in alter Form. Die jedoch größte Überraschung am Film? Bei Split handelte es sich um keinen einfachen Psychothriller, sondern tatsächlich um eine geheimgehaltene Quasi-Fortsetzung zu Shyamalans eigenem oft vergessenen Meisterwerk „Unbreakable“ (2000), zu dem der Film in seinen letzten Minuten eine Brücke schlägt. Mit seinem neuen Werk „Glass“ rundet Shyamalan seine selbsternannte „Eastrail 177 Trilogy“ ab und verbindet das Universum von „Split" direkt mit der Welt und den Charakteren von „Unbreakable“.

    Die Rahmenhandlung von „Glass" ist nur kurze Zeit nach dem Ende von „Split“ angesetzt und 19 Jahre nach den Geschehnissen in „Unbreakable“. Sicherheitsmann David Dunn (Bruce Willis), der vor Jahren als einziger Überlebender eines Zugunglück herausfand, dass er einen unzerbrechlichen Körper hat und auch weitere Superkräfte in ihm stecken, bekommt es in der Fortsetzung mit Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) zu tun. Crumb, in dem 24 Persönlichkeiten und ebenfalls übernatürliche Fähigkeiten schlummern, ist nach den Ereignissen von „Split" immer noch auf freien Fuß. Als Dunn kurz davor steht Crumb das Handwerk zu legen, werden beide von der Polizei überwältigt und in eine Irrenanstalt überliefert. In dieser bekommen es David und Kevin mit der Psychiaterin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) zu tun, die der festen Überzeugung ist, dass die beiden sich ihre übernatürlichen Kräfte lediglich einbilden. Doch dort trifft Dunn auch auf einen alten Bekannten: Comicfanatiker Elijah Price (Samuel L. Jackson), der sich wegen seiner Glasknochenkrankheit selbst den Spitznamen „Mr. Glass“ gegeben hat.


    Mit „Unbreakable“ wurde noch lange bevor das Genre überhaupt so richtig in Mode war, ein Superheldenfilm kreiert, der nicht einmal auf einer Comicvorlage basierte und sein Konzept in Realismus grundieren ließ. Umso spannender nun also die Frage, ob Shyamalan es gelungen ist den Realismus von „Unbreakable“ mit den Psychothriller-Elementen von „Split“ zu einem funktionierenden Ganzen zusammenzufügen?

    Zweifelsohne darf man sagen, dass es sich bei „Glass“ um eines der ambitioniertesten und formvollendetsten Projekte Shyamalans handelt, dessen Story-Entscheidungen aber sehr stark polarisieren werden.

    Auf rein stilistischer Ebene kann der Film jedenfalls auf voller Linie überzeugen. Die farbenfrohe Bildsprache, derer sich Shyamalan hier bediente, komplementiert die einzelnen Charaktermotive und hat einen jeden der drei Protagonisten mit einem passenden Farbcode ausgestattet. Die Kameraarbeit von Mike Gioulakis (u. A.: „It Follows“) ergänzt Shyamalans visuellen Stil tadellos und sorgt für ein paar eindrucksvolle Aufnahmen. Mir hat sich vor allem eine bereits im Trailer angeteaserte Einstellung, in der die drei Hauptfiguren in einem Raum in wundervoll hervorgehobener pinker Farbe sitzen, der gleichzeitig auch der Figur des Mr. Glass als absolut passender Introduction-Shot dient, ins Gedächtnis eingebrannt. Shyamalan beweist, dass er immer noch versteht, wie man mit inszenatorischen Tricks raffiniert Spannung erzeugen kann, die besonders im klaustrophobischen Mittelteil toll zur Geltung kommt. Eine wichtige Rolle darin spielt auch der hektische Score, der einen an Hans Zimmers „Uhrticken“ aus „Dunkirk“ erinnern lässt. Lediglich in den wenigen Kampf-Szenen zeigt Shyamalan leider - wie auch in seinen gescheiterten Blockbuster-Projekten, dass die Inszenierung von Action nicht gerade zu seinen Stärken gehört.

    Dies bringt mich gleich zu einem großen Punkt, an dem sich beim Schauen vermutlich viele Leute stören werden. Bei „Glass“ handelt es sich nämlich nicht - wie das Marketing suggerieren möchte - um einen episch aufgebauschten Action-Blockbuster, sondern viel eher um ein ungewöhnliches Superhelden-Drama mit Psychothriller-Elementen, das zudem mit einem sehr limitierten Setting auskommt.

    Der zweite große Punkt, der die Zuschauer spalten und weshalb der Film vermutlich auch von zahlreichen Kritikern bis jetzt verhalten aufgenommen wurde, sind die Entscheidungen, die Shyamalan auf der Story- und Charakter-Ebene des Films getroffen hat. Nicht umsonst hat Shyamalan über die Jahre hinweg den Plottwist als sein Markenzeichen erhoben, was bedeutet, dass man auch hier wieder mit einigen Wendungen konfrontiert wird. Ob der Film für einen funktioniert oder vollkommen in sich zusammenfällt, hängt schlussendlich absolut davon ab, wie sehr man mit den Richtungen, in die der Film gelenkt wird, konform geht. Ich kann an dieser Stelle, ohne in spoilerhafte Gefilde abzurutschen, betonen, dass die Twists und Turns - wenn auch ab und an vorhersehbar - für mich ihren Zweck erfüllten und auch mit den zuvor etablierten Charaktermotiven vereinbar waren.

    Allgemein lässt sich sagen, dass es Shyamalan problemlos gelungen ist, die beiden Protagonisten des 19 Jahren alten Vorgängerfilms glaubwürdig wieder auf die große Leinwand zu bannen - auch wenn Konversationen zwischen David Dunn und Mr. Glass leider etwas zu kurz kommen. Die innere Zerissenheit von Mr. Glass und dessen Besessenheit wahre Superhelden in der Welt zu finden, wird einmal mehr großartig von einem selten ruhigen Samuel L. Jackson dargestellt. Willis hingegen kann seine schauspielerische Glorie von damals leider nicht wiederbeleben und wirkt streckenweise gar etwas gelangweilt. Auf schauspielerische Ebene seien aber noch James McAvoy, der die verschiedenen Persönlichkeiten seiner Figur abermals preisverdächtig auf den Punkt bringen konnte, sowie die neu in den Cast gerückte Sarah Paulson zu erwähnen. In Nebenrollen wird die Besetzung von Anya Taylor Joy, Spencer Treat Clark und Charlayne Woodard ergänzt, die nochmal in ihre jeweiligen Rollen aus „Split“ oder „Unbreakable“ geschlüpft sind. Es sei zudem lobenswert zu erwähnen, dass sich Shyamalan hier - wie in seinen meisten Filmen - keiner klassischen Gut-Böse-Gefilde bediente, sondern für seine Charaktere einen Graubereich erzeugt, dem man im heutigen Superhelden-Kino oft vermisst.

    Die Szenen des Films, die größtenteils leider gar nicht funktionieren können, sind gewollt humoristischen Aspekte. Vor allem ein Cameo-Auftritt von Shyamalan selbst, in dem er selbstreferentiell auf seinen eigenen Karrierverlauf anspielen möchte, wirkt völlig deplatziert und nahezu schon selbstgefällig. Zudem versucht der Film an manchen Stellen den klassischen Verlauf von Superhelden-Filmen und -Comics auf einer Meta-Ebene durch den Kakao zu ziehen, was oft jedoch auch eher peinlich als passend rüberkommt.

    Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass es Shyamalan - wie bereits in „Unbreakable“ - gelungen ist, das Superhelden-Genre für einen realistischeren Rahmen auseinanderzunehmen und dabei Charakterdrama über Bombastkino setzt. Viele Leute werden mit einzelnen Entscheidungen, die für den Film getroffen wurden, rein gar nichts anfangen können und Shyamalan besonders für das letzte Drittel Größenwahn attestieren. Wenn man sich jedoch auf den Story-Verlauf einlässt, kann man auf emotionaler Ebene schlussendlich stark belohnt werden.

    Im Grundkern ruft „Glass“ dazu auf, dass Leute, die von der Norm abweichen oder von der Gesellschaft als Sonderlinge verstoßen wurden, sich nicht mehr länger zu verstecken brauchen und sich der Welt in ihrer vollen Pracht präsentieren sollten. Eine simple Botschaft, die aber effektiv verpackt wurde.

    Ein meiner Ansicht nach gelungener Abschluss für die wohl ungewöhnlichste Superhelden-Trilogie aller Zeiten, der jedoch definitiv nicht jedermanns Geschmack treffen wird.

    What a twist, Mr. Shyamalan!
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    (Christian Pogatetz)
    16.01.2019
    22:59 Uhr