Das große Uncut-Special von der Viennale 2018

Filmkritik zu Thunder Road

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Jim Cummings’ One-Man Show

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    „Thunder Road“ stellt Jim Cummings Langfilmdebut dar, in welchem er nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb. Außerdem übernahm er die Hauptrolle und stahl durch seine Performance allen anderen Darstellern regelrecht die Show. 2016 produzierte er bereits einen Kurzfilm desselben Namens, der lediglich aus einer der Schlüsselszenen des nun erschienenen Spielfilms bestand. Dank der Crowdfunding-Plattform „Kickstarter“ klappte es mit der Finanzierung des Langfilms und Cummings konnte sein Projekt umsetzten - und wenig später den Großen Preis der Jury beim South By Southwest Festival gewinnen.

    Der Polizist Jim Arnaud (Jim Cummings) befindet sich in einer persönlichen Krise: Auf der Beerdigung seiner Mutter lässt er dann, sichtlich mitgenommen, seinen Emotionen freien Lauf – wenig später kann man diesen Ausbruch dann anhand eines Handyvideos im Internet bewundern. Als wäre das nicht schon schlimm genug, eröffnet ihm seine Frau, von der er getrennt lebt, dass sie die Scheidung will. Ein Sorgerechtsstreit um die gemeinsame Tochter beginnt und Officer Arnaud sieht sich plötzlich mit allerhand privaten und beruflichen Problemen konfrontiert.

    „Thunder Road“ ist eine Tragikomödie im wahrsten Sinne des Wortes: Einerseits zeigt sie eine sehr emotionale Sichtweise auf Themen wie Familie und Verantwortung, andererseits wartet das Drehbuch mit einigen amüsanten Einlagen auf. Manche Szenen funktionieren in diesem Sinne gut, bei anderen wirken Cummings Mimik und Gestik allerdings auch etwas übertrieben. Dies erinnert dann eher an eine Jim-Carrey-Hommage, als an eine erinnerungswürdige Darbietung eines sonst recht humoristischen Stoffes. Trotzdem ist Jim Cummings Performance das, was einem im Gedächtnis bleibt. Gerade anhand der vielen Monologe, die er immer wieder vor Arbeitskollegen oder Dorfbewohnern hält, werden die zentralen Gedanken der Hauptfigur zum Ausdruck gebracht.

    Der Titel „Thunder Road“ bezieht sich auf das gleichnamige Lied von Bruce Springsteen, welches zwar nicht zu hören ist, dafür aber ausgiebig beschrieben und sogar pantomimisch nacherzählt wird. Musik spielt in Cummings Werk abgesehen davon keine tragende Rolle, sondern wird lediglich als Übergangsmittel zwischen einzelnen Szenen verwendet. Was wiederum durch die Kameraführung ergänzt wird, die nach einem Szenenwechsel häufig einleitend über den neuen Schauplatz gleitet und uns so ein noch tieferes Eintauchen in Arnauds Heimatstadt und Alltagsleben möglich macht.

    Für viele aus dem Filmteam stellt „Thunder Road“ den ersten Langspielfilm dar – für ein Erstlingswerk erscheint die Tragikomödie immerhin ziemlich solide. Jim Cummings ist sicherlich ein komödiantisches Talent, welches man in den kommenden Jahren im Auge behalten sollte. Aber auch hinter der Leinwand bewies er einen guten Blick für eine eher minimalistische Filmästhetik im Zeichen des American Independent Cinemas. „Thunder Road“ ist jedenfalls ein sehr ehrlicher Film, bei dem vor allem die Botschaft, die Jim Arnauds Hauptmission darstellt, hängen bleibt: Seiner Tochter ein guter Vater zu sein.
    neu
    (Marion Schlosser)
    03.11.2018
    22:04 Uhr