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Berlinale 2007
>Interview mit Karl Markovics

Interview mit Karl Markovics

Uncut im Gespräch mit dem Hauptdarsteller des deutsch/österreichischen Berlinale-Beitrags „Die Fälscher“.
Als wir uns zu Dritt zum Interview hinsetzen, bittet Karl Markovics um einen Aschenbecher, weil in dem Zimmer nirgends einer zu finden ist.

Frage eines Kollegen: Das mit dem Rauchen, war das etwas, das Sie sich beim Schauspielen angewöhnt haben?

Karl Markovics: Nein, das war wirklich beim Bundesheer, wo die meisten zum Saufen anfangen. Das war eine von diesen Situationen, wo Dir einer eine Zigarette anbietet und nicht locker lässt, bis Du selber eine nimmst. Natürlich hätte ich auch nein sagen, können, keine Frage. Ich würde das aber nie mit jemandem tun, von dem ich weiß, dass er nicht raucht, so dieses “Na geh.. “. NEIN! Ich hätte mir nie gedacht, dass man von einer Zigarette am Tag zum Raucher werden kann. Irgendwann hab ich mir das erste eigene Packerl gekauft, und es war aus.

War das schon das Interview? (lacht)

Uncut: Nein, natürlich nicht. Hat es für sie länger gedauert, nachdem Sie das Drehbuch gelesen hatten, bis Sie bereit waren, die Rolle zu übernehmen? Stefan Ruzowitzky hat im Interview angedeutet, es wäre ja auch eine Rolle, die man sich gut überlegt.

Karl Markovics: Es hat mich sofort fasziniert. Ich fand es ganz toll und aufregend, die Chance, eine solche Figur zu spielen, bekommt man nicht jeden Tag. Außerdem handelte es sich in diesem hervorragenden Drehbuch um eine exponierte Figur, aus deren Sicht der Zuschauer die Geschichte verfolgen muss und keine sozusagen zwingend positive Identifikationsfigur, der Strahleheld, mit dem alle mitfiebern, weil er so gut und so toll ist, dass man ihn einfach mögen muss. Ich habe aber darum gezögert, es anzunehmen, weil ich mir sofort die Frage gestellt habe, ob man, ob ich diese Anmaßung mir zutraue, über diese Zeit, dieses Schicksal von Menschen in dieser Form eine Darstellung zu finden. Das ist ein ganz persönliches Problem gewesen für mich. Natürlich auch im Zuge der Verharmlosungsdebatte rund um den Film “Der Untergang” und der inflationären Aufarbeitung dieser Zeit.

Uncut: In ihrem Film “Mein Mörder” hatten Sie die andere Seite der Skala verkörpert. War es ein ähnlicher Prozess? Oder gab es da einen Unterschied für Sie als Schauspieler?

Karl Markovics: Ja, dort war natürlich im Grunde ähnlich, es war aber kurioserweise auf der Täterseite für mich leichter. Weil man sich ja auch leichter hinter dem Prinzip der Täter verstecken kann, so nach dem Mechanismus des Befehlsempfängers. Ich muss mich hier in diesem Film dem Mechanismus stellen und mir die Frage stellen: “Ich hier in diesem friedlichen, vereinten Europa im Jahre 2006, soll diese Rolle spielen? Ich soll also vor mich hin leiden und die Leute leiden mit mir mit?” Jede Rolle aus diesem Themenbereich ist eine andere Rolle, aber bei jeder fällt es gleich schwer, das zu empfinden. Aber im Grunde ist jede Rolle eine Anmaßung, weil ich vorgebe, etwas zu sein.

Uncut: Diese Figur des Sorowitsch ist ein Mensch, der seine Emotionen völlig außen vor hält, alles, was im KZ mit ihm passiert, über sich ergehen lässt, weil er den nächsten Tag erleben möchte. “Entweder Du passt Dich an, oder Du gehst drauf.” sagt er in einer Szene im Film. In einer ganz emotional besonders dichten Szene, wo Sorowitsch von einem Aufseher gedemütigt wird und vor lauter Wut ein Waschbeckern aus der Wand reißt. Wie sind Sie an diese Szene heran gegangen? Sind Sie persönlich auch ein eher äußerlich ruhiger oder auch wütender Mensch?

Karl Markovics: Ich konnte mich in die Szene sehr gut hinein versetzen. Das Einzige, das ich mir für diese Szene vorgenommen hatte, war, sie auf mich zukommen zu lassen und zuviel dabei nachzudenken. Gerade emotionale Sachen sind dann, wenn sie nicht spontan passieren, selten gut. Wichtig war mir, dass es auch IHM (dem Sorowitsch) passiert in diesem Moment, dass er seine Wut erst bemerkt, nachdem sie ihm passiert ist. Als er über den Hof geht, merkt er gar nicht, wie er aussieht, und eigentlich vorhat, sich das Gesicht zu waschen, dass dieses das Becken aus der Wand Brechen kein Willensakt ist, um damit irgendwo hin zu kommen, sondern dass er erst danach bemerkt, was für eine Überspannung in sich hat, welche Emotion wie ein Klumpen aus ihm heraus kommt. Das war klar, wie das für einen solchen Menschen aussehen müsste. Wichtig war mir dabei aber, dass es kein geführter Akt ist, so wie ein Ausbruch, bei dem er quasi, weil er niemanden töten kann, dieses Waschbecken tötet. Der Ansatz bleibt für ihn:”ich wollte mir doch eigentlich nur die Hände waschen.”

Uncut: Gleichzeitig zeigt sich hier aber, dass er sich selbst in einer solchen emotionalen Ausnahmesituation auf den Respekt und die Loyalität seiner ihm Anvertrauten in der Fälscherei sicher sein kann. Einer davon beobachtet ihn bei seinem Wutanfall, kümmert sich aber sofort darum, dass niemand davon etwas erfährt.

Karl Markovics: Das hat damit zu tun, weil er schon so weit ist. Das ist ganz besonders toll in dem Drehbuch: ab einem gewissen Zeitpunkt muss quasi der König von den anderen gespielt werden. Er ist für das Gelingen der Aufgabe so wichtig, dass selbst dann, wenn er sich zu einem bestimmten Moment als schwach und nicht König zeigt, die anderen den Vorhang zuziehen, um zu sagen: “Hier ist der König. Der muss jetzt in Ruhe gelassen werden, den dürft Ihr so nicht sehen.” Er hat eine solche Wichtigkeit, weil das Leben aller von ihm abhängt. Er ist der Einzige, der das, was die Nazis von ihm wollen, schaffen kann, weil er ein Profifälscher ist. Sie müssen seine Profirolle anerkennen, schon alleine aus Selbstzweck. Sie tragen ihn durch die Aufgabe.

Uncut: Wie geht es Ihnen mit Ihrer Rolle aus Kommissar Rex? Stört es sie, auf diese Zeit angesprochen zu werden?

Karl Markovics: Es ist ein Punkt meiner Fernsehkarriere, der mir zu großer Popularität verholfen hat. Natürlich kann es sein, dass manche Produzenten deshalb davon zurück schrecken, mich für einen Kinofilm zu besetzen. Deshalb freu ich mich sehr, über dieses Festival mit diesem Film als Filmschauspieler unter den Produzenten bekannter zu werden. Meine Karriere wäre ohne die Fernsehserie sicherlich anders verlaufen, wenn es sie nicht gegeben hätte, auch nicht am Theater. Meine großen Rollen im Theater an der Josefstadt zum Beispiel hatten auch damit zu tun, ein bekanntes Gesicht zu haben, das die Bude filmt. Das ist natürlich alleine zuwenig, das ist dann schon auch meine Sache als Schauspieler, das zu beweisen. Ich könnte dankbar sein, ich empfinde es nicht so, mit Sicherheit wäre meine Karriere aber anders verlaufen?

Uncut: Wie war die Zusammenarbeit mit Robert Dornhelm bei dem jüngst im TV gezeigten Mehrteiler über Kronprinz Rudolf?

Karl Markovics: Völlig anders. Das war so ein Riesending, dieser “Rudolf”, mit sehr wenig Drehzeit, weil meine Rolle nicht so umfangreich war. Man kommt sich viel schneller verloren vor. Diese Produktion hatte einen Haufen Komparsen, ein schönes, großes Set und so. Für die Detailarbeit am Set bleibt da viel weniger Zeit. Das war ein Projekt, das musste einfach funktionieren. Hier bei “Die Fälscher” haben wir einen ganzen Monat geprobt, bis wir überhaupt zu drehen begonnen haben. So hatten wir die Möglichkeit, genauer daran zu arbeiten und es gab mehr Freiheit, die Rollen am Set noch weiter zu entwickeln.

Uncut: Viele der Charaktere, die Sie zuletzt gespielt haben, waren schwierige oder konfliktreiche Personen, die nicht immer nur als Helden beliebt sind und Brüche haben, so dass das Publikum sie liebt und hasst zugleich?

Karl Markovics: Das sind die Figuren, die mich interessieren. Sie müssen in irgendeinem Moment einen ganz tiefen Blick nach unten zulassen, pathetisch ausgedrückt, auf den Boden ihrer Seele. Wenn sie für einen Moment lang absolut verletzlich sind. Das kann sich entwickeln von der Verletzlichkeit zu einer Stärke oder umgekehrt, aber dieser Augenblick muss für mich in einer Figur möglich sein, ganz egal, ob das ein positiver oder negativer Charakter ist. Wenn das auf eine originelle, nicht schon hundert Mal da gewesene Art und Weise inszeniert wird, nicht so wie:”Jetzt lass ich ihn mal weinen”, sondern wenn das zwingend auf den Grund führt, finde ich das spannend.

Uncut: Wenn Sie Sorowitsch versuchen würden, als Guter oder Böser zuzuordnen, wo würden Sie ihn hintun? Geht das überhaupt?

Karl Markovics: Nein, denn das ist etwas, das er schon lange abgelegt, verdrängt und vergessen hat. Das sind keine Kriterien, die für ihn wichtig sind. Vielleicht wird er sich eines Tages, hinter dem Film, wo er im Kino endet, darüber Gedanken machen...

Uncut: Eine andere Frage noch: wenn Sie sich selber auf der Leinwand sehen und sie das fertig Produkt sehen? Schließen Sie die Dreharbeiten dann, wenn Sie den fertigen Film sehen, für sich selber ab?


Karl Markovics: Ich würde sie sehr gerne abschließen. Ich tu es auch dann automatisch irgendwann, wenn ich den Film, wie zum Beispiel bei diesem in einem kleinen Kinosaal in der Lugnercity in Wien, gemeinsam mit dem Regisseur und dem Produzenten sehe. Es war früher nicht so einfach, jetzt mit der Zeit geht das schon leichter. Vor allem, wenn der Film ein guter ist. Dann sehe ich mich als einen Teil an etwas Gutem, zu dem ich einen Beitrag geleistet habe. Diese Figur als eine neutrale Figur zu sehen, war am Anfang sehr, sehr schwer. Zu Kommissar Rex-Zeiten viel es mir sehr schwer, Muster zu sehen, das Team musste mich sogar dazu zwingen. Inzwischen sehe ich mich in einem Film als etwas, von dem ich sagen kann, ob es gelungen ist oder nicht.

Uncut: Was wünschen Sie sich für diesen Film? Wie soll er, wenn es nach Ihnen geht, aufgenommen werden?

Karl Markovics:
(lacht) Tja, das klingt jetzt so wie dieser berühmte Sager von Hans Krankl, wo er, befragt nach seinem Wunschresultat beim Ländermatch, gemeint hat: “100:0”. Alles wäre toll, natürlich wünsche ich mir für diesen Film, dass er von möglichst vielen Menschen gesehen wird und dass er möglichst wenig Leute kalt lässt. Das Schlimmste wäre, wenn die Leute nach dem Film der Meinung sind, sie hätten sich den Film sparen können. Wenn sie sagen, dass sie mit diesem Aspekt dieser Zeit noch nie konfrontiert wurden, dann ist es für mich noch schöner.

Uncut: Haben Sie Vorbilder unter Ihnen Schauspielerkollegen?

Karl Markovics: ich habe Schauspieler, die ich wahnsinnig gerne sehe. Aber niemanden, von dem ich mir etwas abschaue, oder von dem ich etwas in meiner Art, zu spielen, unterzubringen. Ich habe Leute, die ich sehr schätze, aber nur privat. Schon kann es passieren, dass ich einen Film mit einem solchen Schauspieler sehe, wo ich mir wünsche, auch so einen ähnlichen Film zu drehen.

Uncut: Umgekehrt gefragt: gibt es etwas, das Sie niemals spielen würden wollen?

Karl Markovics: Nein. Was ich nicht ausstehen kann, sind schlechte Drehbücher.

Uncut: Wenn die Promotion für diesen Film vorbei ist, was planen Sie danach?

Karl Markovics: In Wien spiele ich zur Zeit noch Theater (“Mein Nestroy”). Das nächste Projekt wird aus der Feder von Elisabeth Scharang (“Mein Mörder”) über den Briefbomber Franz Fuchs handeln, eine Mischung aus Dokumentation und Spielfilm. Ich werde dort Franz Fuchs spielen. Der Film startet dort, wo der Prozess beginnt.

Uncut: Dann Alles Gute und vielen Dank für das Gespräch.

Karl Markovics: Danke auch!

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Die Fälscher - Karl Markovics

Forum

  • Tolles Interview - Teil 2

    Das habe ich gemeint - Interviews mit Tiefe und Seele! Der Einstieg mit der "Raucherfrage" ist wirklich witzig ;-)
    leander-caine
    11.02.2007, 15:12 Uhr
    • Kann mich nur anschließen!

      Ein super Interview!
      HilleMax
      11.02.2007, 15:27 Uhr
  • Hallo an das Uncut-team

    Muss mich einmal für eure ausführliche Berichterstattung von der Berlinale bedanken. Die gesamten Kritiken, Interviews und Fotos. Wie macht ihr das zeitlich? Ein Wahnsinn. Vielen herzlichen Dank und weiter so. Liebe Grüße nach Berlin!
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    10.02.2007, 22:58 Uhr