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Heidi@Home: Am Scheitern nicht gescheitert

Von Prekarisierung & Uber ohne App – das Revival der Gilmore Girls auf Netflix
Ich bin kein Freund von Sequels. Wie ich bereits in meiner Kolumne vom Februar geschrieben habe, als das „Gilmore Girls“ Revival auf Netflix fixiert wurde, hatte ich große Vorbehalte dagegen, eine erfolgreiche Serie zehn Jahre nach ihrem Ende wiederzubeleben. Nachdem ich aber ein großer Fan der „Gilmore Girls“ war, hat das Revival von mir eine Chance bekommen, und mein Fazit lest ihr hier. Wenn Ihr die neuen Folgen „Winter“, „Frühling“, „Sommer“ und „Herbst“ noch nicht gesehen habt, warne ich Euch, dass Ihr ab hier Dinge lesen werdet, die die Handlung betreffen – auch wenn ich das Ende nicht spoilern werde.

Zunächst zur Struktur und Besetzung: die nunmehrige Mini-Serie nennt sich als Ganzes „A year in the life“. Das erinnert mich an meinen Lieblingssong der Beatles („A day in the life“), was mich schon einmal positiver gestimmt hat. Auch die Idee, das Revival – wenn man es schon in 90 Minuten Folgen pressen möchte – nach Jahreszeiten zu gliedern fand ich ansprechend. Das bietet erstens die Möglichkeit, eine Entwicklung der Figuren über 12 Monate zu verfolgen, andererseits, die traditionellen Stars Hollow Happenings (Freibad-Eröffnung, Frühlingsbazar, Eislaufen) malerisch in Szene zu setzen. Mit von der Partie sind praktisch alle handelnden Personen der Serie, mit Ausnahme von Richard Gilmore, dessen Darsteller Edward Hermann leider im Vorjahr verstorben ist. Das jeweilige Ausmaß ihrer Auftritte ist allerdings sehr unterschiedlich: während die schlaue Nervensäge Paris Geller relativ viel Sendezeit zur Verfügung bekommt, schaut Sookie wirklich nur auf einen kurzen Sprung vorbei. Immer noch eine Klasse für sich ist für mich Kirk. Ich mag seine skurrilen Auftritte einfach.

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Die Ausgangslage des Revivals ist: Lorelai und Luke leben nach wie vor (kinderlos) zusammen, Emily verarbeitet den Tod ihres Mannes und Rory jobbt zwischen Großbritannien und den USA, wirkt dabei aber etwas verloren und ziellos.

Speziell an der Figur der Rory entzündeten sich auf diversen Social-Media-Kanälen hitzige Diskussionen. Der O-Ton war, und dieser wurde auch in manchen Reviews aufgenommen, dass Rory eine einzige Enttäuschung sei. Rory sei als Mädchen so belesen, ehrgeizig, klug und zielstrebig gewesen und was ist aus ihr geworden? Sie hat keine feste Wohnung und zieht (vorübergehend, wie sie betont) wieder zu ihrer Mutter. Sie hat einen Artikel im „New Yorker“ veröffentlich, auf den alle stolz sind, hat es aber nicht geschafft, an diesen Erfolg anzuschließen und hat somit keine feste Anstellung und kein geregeltes Einkommen. Oder anders gesagt: Rory ist mitten im Prekariat gelandet. Dazu hat sie einen mehr oder weniger festen Freund, den sie allerdings kaum sieht und der ihr auch kaum etwas bedeutet. Dafür hat sie eine „verbotene“ Affäre. Passt das nun alles zusammen?

Tatsache ist: ohne das „Scheitern“ der mit Erwartungen überfrachteten Rory Gilmore wäre das Revival sehr langweilig geworden. Dann würde quasi nur Idylle in Stars Hollow herrschen. So aber haben wir eigentlich Glück und Rorys Orientierungslosigkeit ist der Garant für Spannung und Handlungsimpulse. Wie Billy Joel schon über seinen Song „Scenes from an italian restaurant“ sagte, in dem er über erfolgreiche Menschen in High Schools erzählt: „They peak to early.“ Quasi: den größten Erfolg feiern manche schon während sie noch die Schule besuchen. Es ist sehr schwer, das in der wirklichen Welt zu toppen. Damit schlägt sich Rory nun wirklich heftig herum. Viele meinen, das passe nicht zu ihrem geradlinigen Charakter. Da möchte ich allerdings widersprechen: Rory war auch in der Originalserie nie ganz durchsichtig und hat auch da Handlungen gesetzt, die ihrem „braven“ Image klar zuwiderliefen, beispielsweise hat sie mit dem verheirateten Dean geschlafen hat und ihr Studium abgebrochen hat. So straight war Rory also damals gar nicht, auch wenn man das nachträglich gerne verklärt. Jedenfalls bietet ihr Leben genug Identifikationspunkte für Zusehern zwischen 30 und 40, die sich vielleicht auch gerade fragen ob alles in ihrem Leben so rund läuft wie sie sich das wünschen würden.

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Nach wie vor toll in GG sind die Dialoge – speziell zwischen Mutter und Tochter Gilmore. Hier ist es den Autoren tatsächlich gelungen, die Spritzigkeit und Schlagfertigkeit in die Gegenwart zu überführen: Brexit, Linked in, Bodyshaming, Uber, Pop Up Stores, all das und viel mehr ist Thema, Lorelai sortiert ihre Zeitschriften nach dem jeweiligen Mitglied der Kardashian Familie auf dem Cover und sagt, Rorys Ex-Apartment sei eine Mischung aus Shtetl Behausung und „Trainspotting“ Baracke. Solche (pop)kulturellen Anspielungen sind das, wofür die Fans die Gespräche zwischen Lorelai und Rory lieben. Auch die freundliche Ironie, mit der über Stars Hollow gesprochen wird, etwa als Lorelai meint, der Handyempfang wäre hier so schlecht, weil das Städtchen von einer gigantischen Schneekugel umgeben sei, ist immer wieder nett anzusehen. Die neu konzipierte Gay Pride Parade scheitert übrigens daran, dass es zu wenige Homosexuelle in der Stadt gibt.

Natürlich ist nicht alles an diesem Revival gelungen: manche Handlungsstränge sind wenig plausibel und/oder zu lang. Man fragt sich beispielsweise, wieso Lorelai mit ihren nun 48 Jahren erst draufkommt, mit Luke das Thema Familienplanung zu besprechen. Erfreulicherweise wird aber nicht so getan, als wäre eine natürliche Empfängnis jetzt noch möglich. Das Musical, das in Stars Hollow geplant wird, und für das Auditions veranstaltet werden, nimmt zu viel Raum im „Sommer“ ein. Der Plot rund um die Stars Hollow Gazette ist ebenfalls eher verzichtbar.

Dafür fand ich persönlich etwas toll, was viele Zuseher vermutlich hassen, nämlich die „Entführung“ von Rory Gilmore durch Logan und die Life and Death Brigade. Fast wie im Filmmusical „Moulin Rouge“ in Szene gesetzt, fand ich die Darstellung des nächtlichen, dekadenten Ausflug geheimnisvoll und sinnlich. Lorelais Trip, der dem Film „Wild“ nachempfunden ist, hat mich ebenfalls begeistert, weil er so ungekünstelt lustig ist, und im pointierten Zusammentreffen mit Peter Krause gipfelt (der in Wirklichkeit Lauren Grahams Lebensgefährte ist).

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Zu den berühmten letzten vier Worten (die hier nicht verraten werden) ist zu sagen: sie waren ursprünglich vor zehn Jahren konzipiert worden, als Ende der regulären Serie, doch die 7. Staffel wurde damals von anderen Personen produziert. Amy Sherman-Palladino war erst bei Netflix wieder an Bord. Vor zehn Jahren hätten die Worte eine vollkommen andere Wirkung gehabt. Sherman-Palladino hat sie trotzdem so beibehalten. Also werden wir sie so nehmen müssen, wie sie jetzt nun eben sind.
Ob dieses Revival ein weiteres Sequel bekommen wird und soll? Eigentlich wäre das nun als Ende eine abgeschlossene Sache. Aber ein bisschen Blut geleckt habe ich jetzt ja schon…

Wie hat euch das GG-Revival gefallen?
Die Autorin
heidi
Heidi@Home


Forum

  • Sookie

    Also dass Melissa McCarthy nur noch eine kleine Rolle hat liegt sicher daran, dass sie wohl mittlerweile die erfolgreichste der Schauspielerinnen ist und wohl nicht mehr so viel Zeit hat. Oder dass Netflix nicht genug Geld für eine größer Rolle hatte ;)
    Toller Artikel BTW.
    treadstone71
    07.12.2016, 23:07 Uhr
    • Sookie

      Ich habe vor längerer Zeit gelesen, dass Melissa McCarthy sich bei ihren KollegInnen sehr unbeliebt gemacht hat, da sie eine wesentlich höhere Gage verlangt hat, als alle anderen. Liegt eben daran, dass sie selbst so erfolgreich ist.

      Ich finde den Artikel auch toll :-) ich habe bis jetzt nur negatives über das Revival gelesen. Ein bisschen hinein geschnuppert habe ich auch schon, es bis jetzt aber nicht über die erste Folge hinaus geschafft. Mein generelles Gefühl aber ist gut. Ich habe auch keine übernatürlichen Erwartungen an die Serie (liegt wahrscheinlich daran, dass ich bei Fuller House so enttäuscht wurde). Ich freue mich eher darauf, alle wieder einmal zu sehen, immerhin hat mich die Serie sehr lange Zeit über begleitet. Ich bin gespannt was mich erwartet und vermute, dass die Geschichte vielleicht doch noch nicht ganz zu Ende erzählt ist ;-) wer weiß, was noch so auf uns zu kommt.
      IMG_0315
      08.12.2016, 18:47 Uhr
    • Danke

      Es freut mich, dass Euch der Artikel gefällt!

      Ihr liegt vermutlich richtig, dass es eine Geldfrage war. Es wurde ja auch berichtet, dass einige geplante Szenen (keine Spoiler hier, hehe) bescheidener ausgefallen sind, weil das Budget zu klein war.
      heidi
      08.12.2016, 23:00 Uhr