Bilder: Constantin Film Fotos: Constantin Film
  • Bewertung

    Vom Ende und seinen Anfängen

    Exklusiv für Uncut
    Irgendetwas ist anders. Ja, stimmt, wir befinden uns im Genre der Tragikomödie nicht im Frankreich der Fünfzigerjahre, sondern in einem kleinen Dorf im Westerwald, in welchem die Zeit stillzustehen scheint, wo keine Smartphone-Technik die verschrobenen Verhaltensweisen der Bewohner verzerrt oder sonst ein Trend den Lauf der Dinge vorwegnimmt. Dieses Dorf gibt es nicht, kann es nicht geben, in seiner Schlichtheit und Unmissverständlichkeit, die sich bereits an den Schildern über den Geschäften manifestiert. Da gibt es einen Optiker, einen Buchladen, ein Eiscafé. Hier ist alles so, wie es ist. Man möchte fast meinen, in einem Sammelsurium aus Janoschs Feder einzutauchen, nur ohne Bären und ohne Tiger, sondern mit charakterlich unverwechselbaren Menschen, die einmal griesgrämig, dann traurig oder einfach sehnsüchtigen Herzens sind. Es ist eine Welt wie aus einem Märchen von Roald Dahl, und dann wieder wie aus dem bizarren, ins Metaphysische eintauchenden Panoptikum von Jean Pierre Jeunets fabelhafter Welt der Amelie. Im Zentrum steht die Liebe, doch die ist nicht so zu verstehen, wie wir sie kennen, nämlich als Schnulze, Romanze oder kitschige Lovestory. In Was man von hier aus sehen kann sind die in den Herzen getragenen Träumereien und Wahrheiten fast schon offene Geheimnisse, deren Verbalisierung gar nicht vonnöten scheint, die sich nur durch Taten zu erkennen geben und meist zum richtigen Zeitpunkt erscheinen. Dabei wird so viel positive Energie freigesetzt, dass man als Zuseher, zu Tränen gerührt, auch noch ein großes Stück davon abbekommt.

    Dieses kleine Dorf also, mit seinen seltsamen Bewohnern wie der notorisch miesgelaunten Marlies, dem jähzornigen Palm oder der abergläubischen Elsbeth, gerät in muntere Panik, wenn Oma Selma mal wieder von einem Okapi träumt. Was das bedeutet? Nun, meist ereignet sich dann Tags darauf ein Todesfall. Aber was heißt; meist. Immer. So ist es verankert. So funktioniert diese Welt. Und immer dann, wenn das Okapi seinen Auftritt hatte, wird den Bewohnern das Ende ihres Lebens bewusst. Sie versuchen, den Tag zu leben, als wäre er ihr letzter. Inmitten dieser Ereignisse steht Luise (Luna Wedler, u. a. aus „Je suis Karl“ bekannt), die auf zwei Zeitebenen so ihre Erfahrungen macht. Einmal als Kind, dann als junge Erwachsene. Auch sie wird von Visionen heimgesucht, die aber anderer Natur sind und manchmal das Ableben ihres Hundes Alaska illustrieren. Wie Luise also ihren Platz im Leben findet, und wie jede der hier in diesem versponnenen Lummerland existierenden Seelen das Prinzip des Miteinanders zu verstehen lernt – davon erzählt der wohl beste deutsche Film des Jahres 2022, der noch so kurz vor Ende eines ereignisreichen Kinojahres über die Leinwände hereinschneit.

    Wer hätte gedacht, dass das Genre der leichtfüßigen Tragikomödie nicht nur den Franzosen vorbehalten bleibt. Mittlerweile scheint es, als könne es das deutsche Kino genauso. Denn Was man von hier aus sehen kann beweist diesen Umstand dank der Fähigkeit, weit um platten Kitsch herumzuschiffen und Kino-Poesie, wie man sie selten sieht, in all ihrer bescheidenen Strahlkraft einzufangen. Bescheiden deswegen, weil sich Poesie wie diese zwischen den Zeilen liest. Die anders sichtbar wird, die aber von einem Ensemble getragen werden muss, dass keinerlei Vorbehalte untereinander hat. Aron Lehmann (Highway to Hellas, Jagdsaison) kann sich voll und ganz auf Schauspielgrößen wie Corinna Harfouch oder Karl Markovics verlassen. Beide liefern Glanzleistungen ihrer Karrieren ab und schaffen so nebenbei einen der schönsten Kinomomente der letzten Jahre. Beide harmonieren so wunderbar miteinander, dass sie den Film wohl ganz allein getragen hätten. Mit schillernden Nebenrollen wie die von Rosalie Thomass oder Peter Schneider aber ist das gar nicht notwendig. Sie bereichern den Ensemblefilm um so skurrile wie melancholische Nuancen. Alle gemeinsam bestücken einen Film, der nicht unbedingt einen dicken roten Erzählfaden durch das Gesehene hindurchführt, sondern der mehrere Blickwinkel zugleich bedient, fast zeitlos, und die allesamt auf eines hinauslaufen: Auf das Glück im Leben, nicht allein sein zu müssen. Diese Zweisamkeiten gelingen in der stillen Betrachtung am Besten; ohne viel Worte, mit vielen Geheimnissen, die es zu bewahren gilt. Bis ans Ende eines Lebens, wenn sich neue Anfänge eröffnen, wo das Alte in sich zusammenfällt und bislang Verborgenes sichtbar wird. Und man kann gar nicht anders, als seine Liebsten, die man mitgenommen hat in diesen Film, schon während des Abspanns in den Arm zu nehmen. Wenn Kino die Nähe so sehr triggert, dann ist das etwas ganz Besonderes.
    Mehr Reviews und Analysen gibt's auf filmgenuss.com!