Filmkritik zu Nuclear Family

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Der amerikanische Albtraum

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Den eigenen Familienfilm vom Roadtrip als Dokumentation ins Kino bringen? Leider nicht so unschuldig wie es sich anhört.

    Vor etwa 30 Jahren nahm seine Mutter Travis auf eine Reise durch die USA mit, allerdings nicht für einen banalen Familienausflug, sondern mit dem Ziel die Abschussorte der amerikanischen Atomraketen zu besuchen. Sie war regelrecht von der Thematik des Atomkrieges besessen, was ihm von Kindheit an Albträume beschert hat. Ursprünglich waren diese verschwunden nachdem er einen Film darüber gemacht hatte, doch jetzt leidet er plötzlich wieder darunter. Also packt er just seine eigene Familie ein, um an denselben Stationen Halt zu machen, in der Hoffnung, dass ihm eine erneute filmische Verarbeitung helfen könnte. Eine Schnitzeljagd des Schreckens.

    „Nuclear Family“ lässt hauptsächlich seine Bilder sprechen. Getreu seinem Konzept als Urlaubsbericht fühlt er sich im Grunde genommen wie eine Diashow an, untermalt vom Voice-over des Regisseurs, der uns die Hintergrundinformationen zum Gesehenen vermittelt. Dazwischen eingestreut die gewaltigen Bilder von nuklearen Detonationen. Zu der windigen Soundkulisse der Prärien, gesellt sich noch eine Art tiefer Unterton, der eine unheimliche Aura erzeugt. Die schlafende Bedrohung ist spürbar. Sonst herrscht Stille, außer Travis kommt niemand zu Wort. Nahezu alle Aufnahmen werden menschenleer gehalten. Ein Vorbote was uns blühen könnte?

    Niemand würde glauben, dass ein Atomkrieg in einer Kleinstadt in Colorado beginnen würde, so heißt es im Film. Aber irgendwo darunter schlummert eben einer der zahlreichen Sprengköpfe, von denen jeder einzelne schon die vielfache Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe aufweist. Verteilt sind die vielen Silos dieses sogenannten „Nuklearen Schwamms“ möglichst weitläufig. Und alle sind bekannt und man kann da einfach hinfahren. Von außen doch nur unscheinbare Grasfelder, weist lediglich die Umzäunung darauf hin, was da unten lauert. Travis und Erin Wilkerson nehmen uns mit auf diese Tour, festgehalten in wunderschönen Landschaftsaufnahmen, die jedes noch so gute Urlaubsfoto in den Schatten stellen.

    Diese Dualität von Schönheit und Brutalität wird uns auch anhand der Geschichte der Ureinwohner nähergebracht. Das Paar entführt uns auch zu einer Reihe von Schauplätzen, deren nun so verhaltene Atmosphäre nicht mehr auf die horrenden Massaker schließen lässt, die hier einst stattgefunden haben. Das Thema Massenmord scheint untrennbar mit der US-Geschichte verbunden zu sein. Egal ob Menschenstämme oder ganze Tierpopulationen, viele wurden an den Rand des Aussterbens gebracht.

    Und wie ungeniert mit dem Thema Atomkrieg kokettiert wird. Das lokale Baseball-Team trägt schlicht den Namen „Isotopes“. Nur befinden wir uns dabei leider nicht im fiktiven Springfield sondern mitten in der wohl mächtigsten Nation der Welt. Freiluftmuseen in denen man sich mit Raketen fotografieren lassen kann sind zahlreich anzufinden und ziehen Touristen an. Krieg gehört offenbar zur Nation wie Baseball und Barbecue. Angeblich soll sogar Hitler sein Atomwaffenprogramm aufgegeben haben, weil ihm ein Wissenschafter die möglichen Folgen vorgerechnet hat. Die USA nicht. Das muss man erstmal verdauen.

    Man kann nur hoffen, dass es bei Albträumen bleibt und uns nicht irgendwann die bittere Realität einholt.
    (Markus Toth)
    25.10.2022
    18:59 Uhr
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