Filmkritik zu The Eternal Daughter

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  • Bewertung

    Ein Haus voller Erinnerungen

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Tilda Swinton und Joanna Hogg verbindet eine Freundschaft, die schon seit vielen Jahren besteht. Die beiden Frauen arbeiteten bereits in den 80er-Jahren zusammen, unter anderem für Hoggs Uni-Abschlussfilm „Caprice“, bevor sie 2019 den Überraschungserfolg „The Souvenir“ drehten, in dem Tildas Tochter Honor Swinton-Byrne die Hauptrolle übernahm. Nun kam es zu einer erneuten Kollaboration, in Form von „The Eternal Daughter“, in dem Swinton - mal wieder - in einer Doppelrolle zu sehen ist.

    Die Filmregisseurin Julie Hart (Tilda Swinton) reist gemeinsam mit ihrer Mutter Rosalind (ebenfalls Tilda Swinton) aufs Land. Das Hotel, in dem sie übernachten, kennt die Mutter bereits aus ihren Kindertagen. Der Aufenthalt soll dabei mehrere Zwecke erfüllen: Rosalinds Geburtstag steht an, Julie will sich aber auch an einem neuen Drehbuch versuchen. Je mehr Zeit die beiden Frauen in dem alten Herrenhaus verbringen, desto stärker wird ihre Beziehung auf die Probe gestellt. Das Hotel scheint zudem von einer geheimnisvollen Macht umgeben zu sein.

    Autofiktionalität ist ein wichtiger Bestandteil in Joanna Hoggs filmischem Werk. Ähnlich wie in „The Souvenir“ basiert auch die Hauptfigur in „The Eternal Daughter“ – erneut eine Person mit dem Namen Julie - auf der Regisseurin selbst. Immer wieder kommt es innerhalb des Films zu Überschneidungen mit der Realität, wobei gerade die Beziehung zur Mutter zentral ist. Hoggs metareferentieller Zugang tritt aber vor allem dann in den Vordergrund, wenn die Protagonistin mit dem Schreiben an dem Drehbuch zu genau dem Film beginnt, den wir gerade sehen.

    „The Eternal Daughter“ ist aber nicht nur eine sehr persönliche Geschichte, sondern auch eine Gruselgeschichte. Beeinflusst durch Geistererzählungen – Hogg nennt vor allem Rudyard Kipling als großen Einfluss – scheint den Film stets eine übernatürliche Präsenz zu umgeben, die zwar nicht unbedingt greifbar ist, dadurch jedoch nichts an seiner Effektivität einbüßt. Das Mystery-Drama erschafft dadurch eine besondere Atmosphäre, die bereits in der ersten Szene, wenn ein Taxifahrer von fotografischen Gespenstererscheinungen erzählt, festgesetzt wird.

    Das alte Herrenhaus, der ständige Nebel, die dämmrigen Lichtungen, die stets in grünes Licht getauchten Hotelgänge: vor allem durch das Szenenbild entsteht ein düsteres Ambiente, das den gesamten Film durchzieht und welches durch die spezielle Farbgebung (mit Fokus auf Rot und Grün) nur noch verstärkt wird. Wenn die Hauptfigur dann auch noch nachts seltsame Geräusche hört oder in Fenstern Umrisse von merkwürdigen Gestalten erkennt, erhält man endgültig den A24-Arthouse-Grusel, wie man ihn gewohnt ist.

    Tilda Swinton spielt triumphal und beweist aufs Neue, wie sehr ihr Mehrfachrollen liegen. Angefangen bei der unterschiedlichen Tonalität der Stimmen, die sie für ihre beiden Charaktere verwendet, bis hin zu bestimmten Merkmalen, die die jeweilige Figur im Speziellen ausmacht – jedes Charakteristikum wirkt durchdacht und ist hinsichtlich seiner entsprechenden Wirkung glaubhaft dargestellt. Für den Comic Relief sorgt wiederum die Rezeptionistin des Hotels (Carly-Sophia Davis, in ihrer ersten Filmrolle), die gleichzeitig auch als Kellnerin im hausinternen Restaurant fungiert und deren indifferentes Getue fast schon zum Running Gag jeglicher Interaktion wird. Auch Davis entpuppt sich als großartig und gliedert sich perfekt in den mysteriösen Charakter des Hotels ein, in dem scheinbar alle Zimmer belegt sind, aber trotzdem nie ein anderer Gast zu sehen ist.

    „The Eternal Daughter“ ist ein Film, den man fühlen muss. Für manches Publikum in seiner Erzählweise möglicherweise zu behäbig, verspricht er vor allem in seinen gestalterischen Mitteln zu überzeugen. Das Highlight der autobiografischen Annäherung macht aber doch Tilda Swintons doppelter Schauspieleinsatz aus, die wie immer begeistert. Gothic Horror trifft hier auf ein Familiendrama, in dem die Geister der Vergangenheit scheinbar nicht zur Ruhe kommen. Für Fans von Swinton/Hogg ein absolutes Must-See! Trotzdem werden im Laufe der Handlung leider zu viele Themen und Fragestellungen angedeutet, die nicht zu Ende gedacht werden. Gerade die Mutter-Tochter-Dynamik würde eigentlich einen fruchtbaren Boden für die Auseinandersetzung innerfamiliärer Konflikte liefern, die aber nie aufgelöst werden sollen. Die bezweckte Vergangenheitsbewältigung wirkt dann manchmal sogar frustrierend.
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    (Marion Schlosser)
    10.11.2022
    17:09 Uhr