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    Ein Leben zwischen Kunst, Leid und Aktivismus

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Die Filme der US-Dokumentaristin Laura Poitras scheuen sich nicht vor politischen Diskursen, die vielerorts als tabuisiert gelten. In ihrer 2006 erschienenen Doku „Irak - Mein fremdes Land“ beschäftigte sie sich mit der Besetzung des Iraks - und das aus der Perspektive der dort heimischen Bevölkerung. Für die kritische Auseinandersetzung mit amerikanischen Militärtruppen wurde die Regisseurin vom US-Außenministerium auf die Watch List gesetzt und als terrorverdächtig eingestuft. Poitras war zudem eine der allerersten Personen, der Zugriff auf die skandalträchtigen Dokumente der Überwachungorganisation NSA gewährt wurde - eben jene digitalen Dokumente, die der weltweit berühmte Whistleblower Edward Snowden 2013 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Den Weg dorthin porträtierte sie anhand intimer Gespräche mit Snowden und Wegbegleitern in ihrer oscarprämierten Doku „Citizenfour“. Als einer der Mitbegründerinnen der Freedom of Press Foundation macht sich Poitras für Meinungs- und Pressefreiheit stark macht. Die 58-Jährige ist gewiss nicht nur Filmemacherin, sondern auch eine waschechte Investigativjournalistin. Ein Umstand, der in ihrer neuesten Arbeit „All the Beauty and the Bloodshed“ wieder klar erkennbar wird.

    Im Vordergrund steht einmal mehr eine Kämpfernatur, die sich gegen Probleme systematischer Natur auflehnt: Nan Goldin. Die heute 69-jährige Fotografin ist seit Jahrzehnten ein kaum wegzudenkender Teil der New Yorker Undergroundszene. Aus konservativem Haus in Washington entsprungen, zog es sie in ihren Zwanzigern in die US-Metropole, wo sie rasch ein emanzipatorisches Erwachen erlebte und Teil progressiver Bewegungen wurde. Der Aktivismus der Künstlerin umfasst neben feministischen und queerfreundlichen Themen auch einen ganz besonderen Schwerpunkt. Als Begründerin der Gruppe P. A. I. N. (Prescription Addiction Intervention Now) leitet sie seit wenigen Jahren eine Kampagne gegen die einflussreiche Sackler-Familie. Die Sacklers sind im Besitz des mächtigen Pharmaunternehmen Purdue. Warum es Goldin und ihre Gefolgschaft auf den Konzern abgesehen haben? Purdue brachte in den Neunzigern das Schmerzmittel Oxycontin auf den Markt, das als Auslöser der Opioidkrise in den USA betrachtet wird. Das Pharmaunternehmen, das damals das vermeintlich geringe Suchtpotential der Droge bewarb, wird seit geraumer Zeit an den Pranger gestellt. Wichtig ist es den Aktivist*innen vor allem, den Namen Sackler von namhaften Kunstinstitutionen, die mit dem Clan in Assoziation stehen, entfernt zu bekommen.

    „All the Beauty and the Bloodshed“ lässt sich in zwei Hälften untergliedern, zwischen denen der Film frivol hin- und herspringt. Die eine widmet sich den frühen Jahren und dem künstlerischen Werdegang Nan Goldins. Die andere skizziert den gegenwärtigen Kampf gegen die Sackler-Familie. Es sind zwei Hälften, die einander komplementieren und ohne die jeweils andere wohl kaum so packend wäre. Durch Goldins lebhafte Fotografie wird das aufregende Leben der Post-Punk-Ikone adäquat bebildert. Der Film setzt aber keineswegs auf plumpe Emotion, sondern zeichnet ein über allen Dingen hinaus vielschichtiges Porträt einer großen Künstlerin und Aktivistin, das dieser mit großer Empathie begegnet. Es sind nämlich gerade humane Momente zwischendurch, eben die raren Momente der Schönheit, die zwischen all dem Schmerz, dem der Künstlerin widerfahren ist, herausragen. Und diese runden den neuen Film von Laura Poitras zu einem atemberaubenden Zeitdokument ab, in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinander zerfließen. Eine Doku, die zwischen all den losen Enden, all den Momenten der Verzweiflung und Ausweglosigkeit, genuine Hoffnungsschimmer aufblitzen lässt. Eine Doku, die die allgegenwärtige Dringlichkeit aktivistischer Gruppierungen exemplarisch vor Auge führt. Eine Doku, die informiert, bewegt und einen in ihrer Sogkraft schlussendlich auch nicht mehr wieder loslässt. Bravo!