Filmkritik zu Memoria

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Magisch-einsame Momente eines Expats

    Exklusiv für Uncut vom Karlovy Vary Film Festival
    Die Filme des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul sind bekannt dafür, in einer langsamen, ruhigen Filmsprache einen dermaßen hinein zu ziehen und mitzureißen, dass selbst die mysteriösesten Elemente, so etwa die Präsenz der Toten oder außerirdisches Leben, sich völlig natürlich in das Umfeld einfügen. „Memoria“ spielt nicht nur mit diesen Elemente, es verzaubert auch mit seiner entschleunigten Art, der Zelebrierung von Konversation und emotionalen Momenten. Der Film war beim Karlovy Vary Film Festival in der Sektion „Horizonte“ zu sehen.

    Für Weerasethakul ist es der erste Film, den er außerhalb Thailands und mit einem nicht thailändischen Cast gedreht hat. Seine Hauptfigur ist die Engländerin Jessica (Tilda Swinton), die als Expat in Kolumbien, in der Stadt Medellín lebt. Dort führt sie einen Blumenladen. Zu Beginn des Films hält sie sich in Bogotá auf, die Stadt in der ihre Schwester Karen (Agnes Brekke) und deren Mann Juan (Daniel Giménez Cacho) wohnen. Karen liegt aufgrund einer mysteriösen Atemerkrankung im Krankenhaus, Jessica leistet ihr Gesellschaft. Eines Nachts wird Jessica aus dem Schlaf gerissen, als sie einen lauten, metallenen Knall hört. Ein Ursprung dessen lässt sich nicht erörtern, nur Jessica kann das Geräusch hören.

    Als Karen aus dem Krankenhaus entlassen wird, und die Familie gemeinsam essen geht, ertönt das Geräusch noch mehrere Male, aber wieder kann nur sie es hören. Vollkommen gestresst, muss sie Contenance bewahren und ihr Abendessen fortsetzen. Auch wenn man als Zuschauer merkt wie sehr sie unter dieser mysteriösen akustischen Belästigung leidet. Um der Situation auf den Grund zu gehen, besucht sie den Studenten eines Freundes in einem Aufnahmestudio. Hernán (Juan Pablo Urrego) soll ihr dabei helfen, das Geräusch zu rekreieren.

    Die beiden verbringen mehr Zeit miteinander, und gerade als es scheint, als würde sich etwas zwischen den beiden anbahnen, scheint Hernán von einem Moment auf den anderen verschwunden zu sein. Seine Kollegen ihm Tonstudio haben sogar noch nie von ihm gehört. Wenig später trifft sie jedoch einen älteren Mann, der ebenfalls Hernán (Elkin Diaz) heißt, und eine Art wiedergeborener Geist des jüngeren Hernán innehaben könnte. Dieser Hernán meint jedoch, dass er sein Dorf nie verlassen habe, dass er sich an alles erinnern könnte, was ihm je passiert sei, und dass er sich nicht zu vielen Einflüssen aussetzen dürfe, da er sonst überwältigt wird. Während Jessica sich lange mit ihm unterhaltet, beginnt ihr Gedächtnis mit Erinnerungen überflutet zu werden, von denen aber fraglich ist, ob das überhaupt ihre sind. Hernán identifiziert einige als seine, doch wer er ist, ist zu dem Zeitpunkt auch nicht geklärt.

    „Memoria“ ist ein seltsam anmutendes, poetisches Puzzle, das sich einer logischen Schlussfolgerung entzieht, und doch immer wieder zu fesseln vermag. Das Ende, das sich aus dem mystischen heraus ins fantastische, Science-Fiction-lastige bewegt mag Geschmackssache sein. Dennoch sprengt es die von dem Film vorgelegten Erwartungen. Weerasekathul will hier die Gedanken anregen, die eigene Reflexion. Und appelliert doch gleichzeitig an die grundlegendsten Wahrheiten der Existenz. An das Kommen und Gehen auf dieser Welt und die Geheimnisse, die da draußen noch lauern und vielleicht nie gelöst werden können.
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    (Susanne Gottlieb)
    09.10.2021
    21:00 Uhr
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