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  • Bewertung

    Das Schicksal (oder der Zufall?) ist ein mieser Verräter

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2021
    Ryusuke Hamaguchi gilt als eine der wichtigsten Stimmen des kontemporären Kinos Japans . Schon für sein 2015 erschienenes und über fünf Stunden langes Mammutwerk „Happy Hour“ durfte der 42-jährige Filmemacher einiges an Lob kassieren. Sein neuestes Werk mit dem Titel „Wheel of Fortune and Fantasy“ (OT.: „Gūzen to sōzō“) war Teil des Wettbewerb-Programms der diesjährigen Berlinale. Vergangene Woche wurde das in drei Episoden untergliederte Drama im Rahmen der Online-Edition des Festivals mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

    Die drei Liebesgeschichten, die der Film erzählt, sind lediglich thematisch miteinander verbunden, in sich selbst aber abgeschlossen und voneinander unabhängig. In der ersten Episode namens „Magic (or something less assuring)“ berichtet die junge Frau Tsugumi (Hyunri) zunächst ihrer besten Freundin Meiko (Kotone Furukawa) während einer Taxifahrt von einem vielversprechenden Date mit einem Mann. Als Tsugumi weiter begeistert von der besagten Verabredung erzählt, realisiert Meiko nach und nach, dass es sich bei dieser wohl um ihren Ex-Freund Kazu (Ayumu Nakajima) handeln dürfte. Meiko verheimlicht diese Tatsache jedoch vor ihrer Freundin und entscheidet sich kurzerhand dazu, ihrem ehemaligen Partner, den sie damals mehrfach betrogen hatte, an seinem Arbeitsplatz einen nächtlichen Überraschungsbesuch abzustatten. Was folgt ist eine aufgeheizte Konfrontation, bei der Wunden der Vergangenheit wieder aufgemacht werden und alte Gefühle zum Vorschein kommen.

    In der mittleren Episode mit dem Titel „Door Wide Open“ soll eine selbstbewusste Frau den ehemaligen Uni-Professor ihres Geliebten zu Fall bringen. Nao (Katsuki Mori) ist eigentlich verheiratet, hat es jedoch nicht so mit der Treue in der Ehe. Nebenbei hat sie eine Affäre mit dem jüngeren Sasaki (Shouma Kai), der sie darum bittet, sich für ihn an seinem einstigen Universitäts-Professor Segawa (Kiyohiko Shibukawa) zu rächen. Sie soll Sagawa, der mittlerweile auch erfolgreich als Autor tätig ist, in seinem Büro aufsuchen und versuchen, ihn durch das Vorlesen einer exzessiven Passage aus seinem preisgekrönten Roman zu verführen. Der Besuch nimmt einen anderen Verlauf, als zunächst erwartet.

    „Once Again“, die dritte und letzte Episode des Films, erzählt von einer vermeintlichen Wiedervereinigung zwischen ehemaligen Freunden, die sich als die erste Begegnung zweier einsamer Seelen entpuppt. Die zwei Frauen Nana (Aoba Kawai) und Moko (Fusako Urabe) schauen einander auf entgegensetzten Rolltreppen an und sind sich zunächst sicher darüber, im jeweiligen Gegenüber eine einstige Bekanntschaft erkannt zu haben. Wie sich aber bald herausstellt, handelte es sich hierbei um ein Missverständnis, denn die beiden sind einander in Wahrheit tatsächlich völlig fremd. Die zwei einander Unbekannten kommen sich nichtsdestotrotz Schritt für Schritt näher und sehen in der schicksalshaften Begegnung eine Möglichkeit, über verpatzte Chancen und den Schmerz der Vergangenheit zu reflektieren.

    In Hamaguchis sehenswerten Episodendrama regiert der Zufall. Nichts ist so wie es anfangs scheint. Jede der drei von Liebeskummer und Intrigen durchdrungenen Geschichten wird durch eine unerwartete Wendung dramaturgisch auf den Kopf gestellt. Obwohl der Handlungsverlauf der jeweiligen Episoden vielmehr vom Schicksal als von purer Logik kontrolliert wird, fühlt sich das Geschehen trotzdem durchwegs authentisch und realitätsnah an. Der beobachtende Blick Hamaguchis verhilft dem Film zu einer Reihe glaubhafter Charaktere, die nie ins Überzeichnete kippen. In Anbetracht der Tatsache, dass Hamaguchi manchmal sogar die Grenzen zwischen Fiktion und Realität ineinander verschwimmen lässt (zumindest in Episode 1), ist dies eine beachtliche Leistung.

    Auf emotionaler Ebene fühlen sich die drei vom Zufall geprägten Geschichten roh und nahbar an. Ein Fakt, der sich vermutlich auf die omnipräsente Intimität des Dramas zurückführen lässt. Die räumlichen Limitierungen des Stoffes und die zumeist begrenzte Anzahl an Akteuren pro Geschichten kommen dem Film daher bestimmt gelegen. Das vor Natürlichkeit nur so strotzende Schauspiel tut dafür das Übrige. Die Chemie zwischen den Darsteller*innen stimmt.

    Kinematografisch beeindruckt das Werk mit hypnotischen Aufnahmen Tokios, die zum Staunen einladen und einen problemlos in die dargestellte Lebensrealität eintauchen lassen.

    Mithilfe einer dramaturgisch oft ähnlich aufgebauten Spannungskurve und denselben Thematiken, die wiederholt angeschnitten werden, gehen die drei Geschichten in Ryusuke Hamaguchis neuestem Werk nahtlos ineinander über. Das Episodendrama besticht mit gefühlsechter Emotion, großem Schauspiel und angenehmer erzählerischer Ambiguität. Ein Glückstreffer!