Filmkritik zu Jumbo

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Strange Love - eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2020
    Wir befinden uns in einem leergefegten Vergnügungspark, der etwas unheimlich anmutet. Eine junge Frau putzt während ihrer Nachtschicht die Glühbirnen an einer der Attraktionen. Plötzlich fängt eines der Lichter zu flackern an und ein Ruck geht durch die Maschine. Die Frau erschrickt, nur um im nächsten Moment eine unerklärliche Anziehung zu dem Fahrgeschäft zu erleben.

    Im Debüt „Jumbo“ von Zoé Wittock verliebt sich die junge Jeanne in ein Fahrgeschäft. Jeanne kann nicht viel anfangen mit den schlüpfrigen Männergeschichten ihrer Mutter und deren Versuchen, sie mit dem Chef des Vergnügungsparks zu verkuppeln. Als sie versucht, ihrer Mutter von dem ungewöhnlichen Objekt ihrer Begierde zu erzählen, stößt sie auf Ablehnung, die Mutter hat keinerlei Verständnis für das was in ihrer Tochter vor sich geht und schmeißt sie kurzerhand aus dem Haus.

    Jeanne sucht Zuflucht bei ihrer neuen Liebe im Vergnügungspark.
    Jumbo, so nennt sie das Fahrgeschäft liebevoll, erwacht in ihrer Gegenwart zu leuchtendem, fast schon magischem Leben. Sie unterhält sich mit ihm und er antwortet ihr, indem er seine Glühbirnen in unterschiedlichen Farben erstrahlen lässt. Die Inszenierung der Vergnüngungspark-Attraktion, die durch eine besondere Art der Bewegung und Beleuchtung fast schon menschliche Züge entwickelt, ist wirklich beeindruckend. In der Interaktion mit Jeanne scheint sie zum Leben zu erwachen. Unterstützt wird diese bildliche und choreografische Personifizierung durch ein futuristisch anmutendes Sounddesign, das die Emotionen der Maschine untermalt.

    Die Protagonistin klettert auf Jumbo, schmiegt sich an ihn und betrachtet gemeinsam mit ihm den Sternenhimmel. In krassem Kontrast zu dem nächtlichen Rausch aus Liebe — und Lust —, den sie mit Jumbo erlebt, steht die Tristesse in Jeannes Alltag. Ein neuer Liebhaber der Mutter sorgt schließlich dafür, dass bei ihr ein Umdenken einsetzt. Aus diesem Grund ist „Jumbo“ auch in narrativer Hinsicht besonders. Denn die größte Charakterentwicklung findet nicht bei der Protagonistin statt.

    So merkwürdig die geschilderte Liebesbeziehung auch erst mal klingen mag, so normal wird sie porträtiert. Obwohl die Bilder und die Handlung absurd wirken, schafft Noémie Merlant (Porträt einer jungen Frau in Flammen), die wundervoll sonderbare Jeanne und ihre Liebe so darzustellen, dass man keine Sekunde an deren Authentizität zweifelt. Trotz der intimen Darstellung ihrer Ticks und der Pathologisierung durch ihre Mitmenschen, bewahrt der Film stets eine unvoreingenommene und achtsame Perspektive.

    „Jumbo“ ist nicht zuletzt auch eine Coming-of-Age-Story und Jeanne auf der Suche nach ihrer Identität. Es geht um den Kampf einer jungen Erwachsenen, als das akzeptiert zu werden, was sie ist, beziehungsweise dafür, wen sie liebt. Der Film macht auf eindrückliche Weise deutlich, wie wichtig Auseinandersetzungen um Toleranz sind, ganz egal welcher Art.
    (Felix Geiser)
    28.02.2020
    15:38 Uhr
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