Bilder: Warner Bros Fotos: Warner Bros
  • Bewertung

    Auf den Spuren von King und Kubrick

    Exklusiv für Uncut
    Immer wieder kommt es vor, dass bei Buchverfilmungen der Originalstoff sehr frei adaptiert wird. Ein populäres Beispiel dafür ist Stanley Kubricks hoch angesehene Verfilmung von Stephen Kings „The Shining“. Aufgrund all der kreativen Freiheiten, die sich Meisterregisseur Kubrick bei der Adaption des Horrorromans nahm, verachtet King Kubricks Film (trotz seines außerordentlich hohen Status) bis zum heutigen Tage. Ein Grund für Kings Hass könnte man aber auch darauf zurückführen, dass einige Leute meinten, Kubrick hätte die Prämisse seines ursprünglichen Romans gar aufgewertet und um ein Vielfaches verbessert. Mit „Doctor Sleep“ erscheint nun eine Quasi-Fortsetzung zu „The Shining“ in den Kinos, die daran versucht ist, die völlig konträren Visionen der beiden Herren unter einem Hut zu bekommen. Die Fortsetzung orientiert sich demnach nicht nur an Kubricks Adaption, sondern ist zur selben Zeit auch eine Verfilmung des gleichnamigen Romans „Doctor Sleep“, den Stephen King im Jahre 2013 veröffentlichte.

    Im Regiestuhl nahm hier der talentierte Mike Flannagan Platz, der sein Können im Horrorbereich zuletzt erst mit der gelobten Netflix-Miniserie „The Haunting of Hill House“ unter Beweis stellen durfte. Da eine Verfilmung eines Romans, der eine Weiterführung von Kings „The Shining“-Geschichte darstellen soll, ob des ikonischen Status von Kubricks Film natürlich nicht gänzlich ohne Anleihen darauf auskommen kann, wurde Flannagan die schwierige Aufgabe zuteil, sowohl Kings Roman getreu zu adaptieren, als auch eine Brücke zur Kubrick-Verfilmung zu schlagen.

    Bevor Ihr aber erfährt, ob dieses Experiment denn tatsächlich geglückt ist: Worum geht es denn überhaupt?

    „Doctor Sleep“ ist (genauso wie das Buch, auf dem er basiert) 40 Jahre nach den Geschehnissen von „The Shining“ angesetzt und widmet sich dem erwachsenen Danny Torrance (Ewan McGregor). Auch im hier und jetzt hat Torrance noch immer unter seinem Kindheitstrauma zu leiden, das entstand als sein Vater Jack während eines gemeinsamen Aufenthalts im gespenstischen Overlook Hotel in den Wahnsinn getrieben wurde und versuchte, seine Frau Wendy und seinen Sohn zu töten. Ähnlich wie sein Vater ist Danny jedoch mittlerweile auch selbst dem Alkoholismus verfallen. Auch seine persönliche Gabe, das sogenannte Shining, konnte er nie wirklich in Einsatz bringen. Das Shining befähigt ihn dazu die Gedanken anderer Leute zu lesen und Vorstellungen zukünftiger wie auch vergangener Ereignisse zu empfangen. Nachdem er es endlich geschafft hat clean zu werden, entschließt sich Danny dazu, seine Gabe zu verwenden, um Patienten eines Hospizes kurz vor ihrem Ableben noch den nötigen Trost zu schenken. Als er auf das Teenager-Mädchen Abra (Kyliegh Curran) trifft, die ebenfalls das Shining besitzt (sogar noch stärker ausgeprägt als bei ihm), nimmt sein Leben eine unerwartete Wende. Eine Sekte, die von der toughen Rose (Rebecca Ferguson) angeführt wird und sich (ähnlich wie Vampire) von der Lebenskraft von Kindern mit Shining ernährt, hat es nämlich auf das Mädchen abgesehen. Danny versucht daher Abra dabei zu helfen, die Mitglieder des abscheulichen Kults, die selbst das Shining besitzen, auszuschalten. Dabei wird Danny jedoch auch mit Geistern seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert...

    Wie im Vorhinein befürchtet gelingt es der Verfilmung nicht zu 100% die unterschiedlichen Visionen Kings und Kubricks organisch aufeinanderprallen zu lassen und wirkt erzählerisch daher oft uneben. Dennoch schafft es die Fortsetzung schlussendlich noch die Kurve zu kratzen und im Großen und Ganzen sogar zu funktionieren.

    Woran liegt das?

    Tatsächlich handelt es sich ausgerechnet bei den Momenten, die sich nostalgisch auf Kubricks „Shining“ berufen, um die wohl effektivsten. Flannagan verteilt über den gesamten Film hinweg (ästhetische wie auch narrative) Anleihen auf Kubricks Adaptation und hat streckenweise sogar einzelne Szenen nahezu ident nachgefilmt. Was in den Händen weniger erfahrener Filmemacher wahrscheinlich nach hinten losgegangen wäre und in einen billigen Nostalgierausch resultiert hätte, erfüllt unter Flannagans Aufsicht jedoch völlig seinen Zweck. Anstatt just auf digitale Greenscreen- und CGI-Effekte zu setzen, hat man sich hier die Arbeit angetan, gesamte Sets nachzubauen und präsentiert diese beim finalen Showdown in ihrer vollen Pracht. Zwar wird ab und an etwas zu sehr auf die Nostalgietube gedrückt, Flannagans beachtliche inszenatorische und detailgenaue Arbeit lässt einen aber darüber hinwegsehen.

    Leider sind es jedoch aber genau die neuen Elemente (die Kings 2013 erschienenem Roman entstammen), die sich beim Schauen wie ein Fremdkörper anfühlen. Die „X-Men“-ähnliche Grundprämisse mag sich auf Papier zwar spannend anhören, braucht in der Umsetzung jedoch Zeit um so richtig in Fahrt kommen und verliert sich zusätzlich oft in Repetitionen – etwas, was bei einer Laufzeit von 152 Minuten besonders spürbar wird. Das Schockpotenzial, das dem Konzept eines kinderfressenden Kults entspräche, wird nur in einer einzigen Sequenz, die für zartbesaitete ZuschauerInnen schwer zum Anschauen ist, so richtig ausgeschöpft. Weitestgehend artet der Mittelteil von „Doctor Sleep“ leider in ein fades Katz-und-Maus-Spiel aus, dem rasch die Luft ausgeht (bis es vom höchst spannenden Showdown gerettet wird). Dabei ist der anfängliche Aufbau des Ganzen als Drama über Überwindung des eigenen Traumas durchaus interessant aufbereitet, widmet sich später aber viel zu sehr den weniger funktionierenden Elementen.

    Es sei jedoch zu erwähnen, dass die Chemie zwischen Haupdarsteller Ewan McMacgregor und Jungdarstellerin Kyliegh Curran prima funktioniert, und dem Film - selbst in seinen schwächsten Momenten – eine gewisse Power verleiht. Auch Rebecca Ferguson zeigt sich als exzentrische Sektenführerin, deren Kleidung fast schon Hippie-Klamotten gleicht, in schauspielerischer Topform. Schade ist jedoch, dass die restlichen Sektenmitglieder – trotz anfänglicher Ansätze – zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird und diese weitestgehend flach bleiben.

    Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es in wohl kaum einen anderen Film, der dieses Jahr in die Kinos kam, gleichermaßen viel Licht und Schatten zu finden gab wie hier. Der Versuch, die Vorstellungen zweier Künstler, die ungleicher kaum sein könnte, miteinander zu vermischen, resultiert leider nur selten in einen angenehmen erzählerischen Fluss und kann bei einer Lauflänge von knapp 2,5 Stunden durchaus mühsam werden. Die technische Finesse von Regisseur Mike Flannagan, die Leistungen der Darstellerriege, die spannenden Ansätze zum Charakterdrama und der phänomenale finale Showdown machen „Doctor Sleep“ aber - trotz all seiner Schwächen - am Ende des Tages noch zu einer empfehlenswerten Fortsetzung.

    Bevor Ihr euch also ins Zimmer 237 verirrt, könnt Ihr hierfür auf jeden Fall noch einem nah-gelegenen Kino einen Besuch abstatten. Denn wie man so schön sagt: „All work and no play makes us all dull boys and girls“. Oder so irgendwie.
    chrostv_39178447dd.jpg
    (Christian Pogatetz)
    21.11.2019
    11:44 Uhr