Filmkritik zu Queen & Slim

Bilder: Universal Pictures International Fotos: Universal Pictures International
  • Bewertung

    Auf der Flucht vor einem korrupten System

    Exklusiv für Uncut
    Das prototype Gangster-Duo „Bonnie & Clyde“, das einst auch im realen Leben existierte, gilt auch im Kino als eines der berühmt-berüchtigtsten und meist-zitierten Paare der Filmgeschichte. Was aber nun, wenn man dieses alt-bewährte Konzept in die Moderne verfrachtet und diese nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch vor sozialer Ungerechtigkeit fliehen lässt? Dann dürfte man wohl „Queen & Slim“, das furiose Langfilm-Debüt von US-Regisseurin Melina Matsoukas, die sich zuvor größtenteils für Musikvideos verantwortlich zeichnete, aufgetischt bekommen. 
     
    Das Roadmovie handelt von den beiden Afroamerikanern Ernest alias „Slim“ (Daniel Kaluuya) und Angela alias „Queen“ (Jodie Turner-Smith), die sich im Zuge eines Tinder-Dates in einem Diner kennenlernen. Die abendliche Verabredung nimmt jedoch eine unerwartete Wendung, als die beiden am Weg nach Hause aufgrund eines minimalen Verstoßes gegen das Verkehrsgesetz von einem weißen Polizisten angehalten werden. Obwohl das Ausmaß der ‚Gesetzwidrigkeit‘ eigentlich kaum der Rede wert ist, werden die beiden vom klar rassistisch motiviertem Cop auf brutale Art und Weise genötigt, bis zu dem Punkt, an dem die Situation eskaliert, Ernest dem Polizisten die Waffe entnehmen kann und diesen in Notwehr erschießt.  Anstatt sich aber den Beamten zu stellen, entscheiden sich die beiden dazu, die Flucht zu ergreifen. Unterdessen wird das Duo von den Medien als Polizisten-Mörder gezeichnet, jedoch taucht online auch schon bald ein Video auf, das zeigt wie sich die Situation tatsächlich zugetragen hat. Aus diesem Grund sammelt sich schon bald eine große Gruppe an Unterstützern und Aktivisten zusammen, die sich hinter Queen & Slim stellt und die beiden zu Symbolfiguren der ‚Black Lives Matter‘-Bewegung macht.

    Matsoukas beweist mit ihrem Debüt-Werk großes Fingerspitzengefühl als Filmemacherin und legt dabei den Spagat zwischen politisch brisantem Drama und Genre-konformer Roadmovie-Romanze ohne allzu grobe Schnitzer hin. Das Drehbuch zum Film wurde von Lena Waithe beigesteuert, die noch vor wenigen Jahren für ihre Arbeit an der großartigen Netflix-Serie „Master of None“ mit einem Emmy ausgezeichnet worden war. Waithe stellt hier einmal mehr ihr Gespür für authentischen Dialog unter Beweis und kreiert zwei dreidimensionale Protagonisten, mit denen das Publikum direkt ab der ersten Szene im Diner gerne Zeit verbringt. Besonders die anfänglichen Dialog-Szenen, bei denen sich unsere titelgebenden Charaktere im Rahmen ihres Tinder-Dates kennenlernen, wirken so feingeschliffen und pointiert, als wären diese direkt aus dem echten Leben gegriffen. Mantzoukas' Inszenierung unterstreicht diese Konversationen durch eine bildliche Nähe zu den Charakteren, die uns als Zuschauer unmittelbar an deren Interaktionen teilhaben lässt. Allgemein funktioniert der Film am besten, wenn er sich in ruhigen Momenten befindet, die sich anbahnende Romanze zwischen Ernest und Angela thematisiert und die beiden sich in Dialogszenen einander annähern lässt.

    Man könnte dem Film (und dies werden einige Leute auch tun) bestimmt vorwerfen, dass ab der zweiten Hälfte ein beachtlicher Teil des zu Beginn angestrebten Realismus über Bord geworfen wird und die Hauptcharaktere plötzlich von einem an den Haaren herbeigezogenen Szenario ins nächste verfrachtet werden. Da sich aber auch die Inszenierung des Ganzen zunehmend aufbauscht und größer wird, wirkt die spätere 'larger than life'-Attitüde gepaart mit dem bewusst kaum subtil dargestellten politischen Konflikt im Kontext angebracht und passend.

    In erster Instanz wird der gesamte Film aber ohnehin von seinem hervorragenden Schauspielduo auf den Schultern getragen. Daniel Kaluuya, der spätestens seit seiner Oscar-nominierten Rolle im Horror-Thriller „Get Out“ als einer der talentiertesten Charakterdarsteller unserer Zeit gelten darf, stellt auch hier wieder seine Vielseitigkeit und Ausdrucksstärke als Schauspieler bestens unter Beweis. Sein Gegenüber Jodie Turner-Smith, der hier als Angela ihre erste große Filmrolle zuteil wurde, beweist sich als ähnlich beachtliches Jungtalent, das man definitiv im Hinterkopf behalten sollte. Zumal die Chemie zwischen den beiden DarstellerInnen auch wunderbar funktioniert und deren sich entwickelnde Beziehung zueinander glaubwürdig dargestellt wird.

    Trotz all der zu lobenden Aspekte, muss man leider auch zugeben, dass sich der Sozial-Thriller in seinen letzten Minuten etwas verhaspelt und in ein melodramatisches Ende mündet, das zu penibel auserzählt wirkt. Es wäre schön gewesen hätte man hier dem Publikum etwas Interpretationsfreiraum überlassen und den Ausgang nicht ganz genau gezeigt.

    Dennoch handelt es sich bei „Queen & Slim“ um eine ästhetisch wie auch narrativ weitestgehend überzeugende und hervorragend gespielte Roadmovie-Romanze mit soziopolitischer Note, die auf eine vielversprechende Hollywood-Karriere für zwei weibliche Filmemacherinnen hoffen lässt.