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  • Bewertung

    Mitreißender Konzertfilm mit hypnotischem Sog

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Roger Waters dürfte den meisten wohl als eines der Gründungsmitglieder der legendären britischen ‚Progressive Rock‘-Truppe Pink Floyd ein Begriff sein. Der Musiker, der einst nur als Bassist der Gruppe tätig war, wurde später auch zum Co-Vokalisten sowie auch zum führenden Songwriter der Kultband. Waters ist jedoch seit geraumer Zeit auch als Solokünstler unterwegs. Bei seiner letzter Welttournee mit dem Titel „Us + Them“, benannt nach dem gleichnamigen Hitsong von Pink Floyd, wurde der Vollblutmusiker von einem Kamerateam begleitet. Das daraus entstandene Material gibt es jetzt im Konzertfilm „Roger Waters: Us + Them“ zu sehen. Dabei handelt es sich um eine 122-minütige Aneinanderreihung von Aufnahmen, die während drei Amsterdam-Konzerten von Waters entstanden sind und so aneinandergereiht wurden, dass diese oft den Eindruck eines flüssigen Konzerts machen.

    Auf filmischer Ebene lässt sich das Werk eher schwer beurteilen, da es sich schlicht und einfach um Konzertmitschnitte handelt, die streckenweise zudem etwas wackelig aufgezeichnet wurden. Als immersives Erlebnis, das Zuschauer praktisch an einem unvergesslichen Auftritt der Musik-Legende teilhaben lässt, erfüllt das Ganze aber durchaus seinen Zweck. Dem Publikum wird dabei ein Repertoire an sowohl aktuellen eigenen Songs als auch klassischen Hits von Waters' Band Pink Floyd geboten (z.B.: „Another Brick In The Wall, Part II“), die teilweise sogar in ein frisches Gewand gesteckt wurden. Abgesehen vom Gesang bleibt Waters jedoch bis zu den finalen Minuten des Konzertfilms völlig wortkarg und lässt die universelle Sprache seiner Musik für sich selbst sprechen. In erster Linie handelt es sich beim Konzert und dementsprechend auch beim Film – wie man es beim für seinen Aktivismus bekannten Waters mittlerweile schon erwarten kann – nämlich um ein aufbrausendes und lautstarkes politisches Statement, das im Anschluss definitiv nachhallt. Vor allem die Flüchtlingskrise und die bis heute oft empathielose Fehlbehandlung flüchtender Mitmenschen wird - unter anderem mithilfe von Einblendungen des Musikvideos „The Last Refugee“ - thematisiert. Ebenso wird beispielsweise auch der titelgebende Song „Us + Them“ hier so umgemünzt, dass das Lied zur hochaktuellen Allegorie avanciert, mit der fremdenfeindliche wie oft auch egomanische Unterteilungen zwischen 'uns' und 'denen da' auseinandergenommen und hinterfragt werden. Besonders politisch geht es aber zu, wenn dann auf großen Bildschirmen abwechselnd Aussagen des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump eingeblendet werden, die einander in der Regel widersprechen und exemplarisch dessen kleinkarierten Geist offenlegen. Auf audiovisueller Ebene wird das Konzert von spektakulären Lichtspielchen und einer enorm aufwändigen Bühnenshow begleitet, deren nahezu psychedelischer Effekt einen kaum mehr loslässt und förmlich in den (mit Recht) wütenden Kopf Waters' hineinblicken lässt.


    Als eigenständiges filmisches Werk lässt sich „Roger Waters: US + Them“, dadurch, dass es sich schließlich ‚nur‘ um einen mitgefilmten Konzertfilm handelt, schwer beurteilen. Nichtsdestotrotz wird hier vor allem aber alteingesessenen wie auch jüngeren Fans von Rogers und seiner gesamten Pink Floyd-Truppe ein Konzert als Leinwanderlebnis geboten, das einen durch seine Immersionskraft gefühlt am Geschehen teilnehmen lässt. Über allen versprüht das gezeigte Konzert jedoch in erster Linie eine politische Kraft, die - in Zeiten, in denen Korruption und Fremdenhass weltweit Einzug in Führungspositionen gefunden haben - dazu aufruft, wach zu werden und gegen diese Ungerechtigkeiten vorzugehen.

    Und wie man via Nahaufnahmen von jungen Zuschauern deutlich zu spüren bekommt, schwappt der zeitlose politische Geist Waters‘ Musik langsam auch auf die neue Generation über. Die Hoffnung scheint also noch nicht ganz verloren zu sein.
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    (Christian Pogatetz)
    06.09.2019
    22:41 Uhr