Bilder: Prokino, Thim Filmverleih Fotos: Prokino, Thim Filmverleih
  • Bewertung

    Rebell

    Exklusiv für Uncut
    „Alexander McQueen“ ist eine etablierte Marke in der Modewelt - auch heute noch, acht Jahre nach dem Tod ihres Gründers und Namensgebers. „Alexander McQueen“ wurde im Vergleich zu anderen Modehäusern wie „Gucci“ oder „Givenchy“ – bei denen McQueen zeitweise sogar als Chefdesigner fungierte – immer etwas stiefbrüderlich behandelt, was vor allem an der exzentrischen Persönlichkeit des Modeschöpfers und seiner polarisierenden Arbeit lag. Die Dokumentation von Ian Bonhôte und Peter Ettedgui zeichnet das Leben einer Ausnahmeerscheinung der Modewelt nach und gibt dabei auch tiefe Einblicke in die zerrissene Persönlichkeit eines Mannes, der zeit seines Lebens mit allerhand inneren Dämonen zu kämpfen hatte.

    Lee Alexander McQueen wächst unter einfachen Verhältnissen in London auf. Nach seinem Abschluss am „Central Saint Martins College of Art and Design“ gründet er sein eigenes Modelabel, welches er „Alexander McQueen“ nennt - auf Anraten seiner Förderin und Muse Isabella Blow lässt er seinen Vornamen Lee weg, da Alexander etwas nobler klingt. Nach einigen imposanten Modeschauen, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nach sich zogen, wurde McQueen Chefdesigner beim französischen It-Label „Givenchy“ und erhielt somit Einzug in die Welt der Haute Couture. Der vermehrte Reichtum und der daraus resultierende Drogenkonsum, der Tod von Isabella Blow und letztendlich der seiner Mutter führten dazu, dass Lee Alexander McQueen im Alter von 40 Jahren Selbstmord beging.

    Ein junger Lee sitzt in seinem Wohnzimmer und kündigt schmunzelnd die „McQueen Tapes“ an: Was unter anderen Umständen wie ein lustiges Momentum aus vergangenen Zeiten wirken würde, erhält in „McQueen“ eine besondere Einleitfunktion. Private Videoaufnahmen stellen die Basis der Dokumentation dar, deren chronologischer Aufbau eine Unterteilung in fünf Kapitel – den zuvor genannten „Tapes“ – beinhalten. Benannt sind die Tapes nach McQueens bekanntesten Modeschauen, u.a. „Jack the Ripper Stalks His Victims“, „Voss“ oder „Highland Rape“.

    Die Zwischensequenzen erscheinen stylisch, der für Alexander McQueen typische Totenkopf wird in unterschiedlichen Ausführungen animiert. Neben den Homevideo-Aufnahmen finden auch zahlreiche Videos von den Modeschauen Verwendung, die einen weiteren Schwerpunkt darstellen. Nicht Alltagskleidung und deren praktischer Gebrauch stehen hier im Zentrum, sondern Kleidung wird hier zum Kunstwerk graduiert. Alexander McQueen war sicherlich jemand, bei dem dies besonders stark hervorging. Modeschauen waren hier regelrecht Events, die imposant inszeniert und choreographiert wurden, bei denen auch Roboter zum Einsatz kamen oder ein Auto in Flammen aufging.

    Untermalt wird die Erzählung von Interviews mit Lees Wegbegleitern und Freunden, die einen privaten Einblick in die Welt des Modeschöpfers geben. McQueen, der immer als extravaganter Modemacher zwischen Genie und Wahnsinn dargestellt wurde, erhält so viel mehr Tiefe: Lee, der in den Anfangszeiten sein gesamtes Arbeitslosengeld für Stoffe ausgab. Lee als Familienmensch, der in seinen Entwürfen auch gerne Bezüge zu seiner Heimat, dem Londoner East End oder zur schottischen Herkunft seiner Familie herstellte. Lee, der als Kind von einem Bekannten der Familie missbraucht wurde, daraus resultierend eine sehr verletzliche Seite entwickelte und deshalb immer mit Verlustängsten zu kämpfen hatte. Lee, der sich auch im Erwachsenenalter noch eine kindliche Seite bewahrte und dessen Schüchternheit vor allem dann zum Ausdruck kam, wenn er am Ende seiner Modenschauen den Applaus des Publikums entgegennahm.

    Bei „McQueen“ handelt es sich um eine solide Doku, bei der es vordergründig darum geht, Lee Alexander McQueens Leben nachzuzeichnen. Dies ist zwar gelungen, auch wenn ich mir persönlich bei so einem besonderen Charakter der Modewelt vielleicht eine etwas interessantere Inszenierung abseits des 08/15-Schemas gewünscht hätte – passend zu den speziellen Modeschauen des Designers. Die Musik fällt in diesem Sinne teilweise auch etwas kitschig aus. Alles in allem liefert „McQueen” allerdings einen interessanten Einblick in das turbulente Leben eines Mannes und seiner großen Liebe: der Mode.
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    (Marion Schlosser)
    10.01.2019
    10:36 Uhr