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    Griechischer Wein – aber bitte mit Sahne!

    Exklusiv für Uncut
    Nur wenige Jahre vor seinem plötzlichen Herzinfarkt-Tod wurde das große Schaffen der österreichischen Schlager-Ikone Udo Jürgens mit einem eigenen Musical geehrt. Die Bühnenshow „Ich war noch niemals in New York“ (benannt nach dem Erfolgssong des Künstlers) erzählte mithilfe eines großen Repertoires an Liedern von Jürgens eine passend kitschige Geschichte und entwickelte sich rasch zum Sensationserfolg. Da sich der Hype rund um das Jürgens-Musical, an dessen Entstehung der Sänger zu Lebzeiten noch selbst beteiligt war, durch den gesamten deutschsprachigen Raum hinweg verbreitete, ist nun ein äußerst seltener Fall eingetreten: eine Musical-Verfilmung aus deutschem Hause. Unter Regie des deutschen Filmemachers Philipp Stölzl, der einst Musikvideos für Künstler wie Rammstein oder Madonna drehte, wurde das Jukebox-Musical nun für die große Leinwand adaptiert und erinnert in seiner außerordentlich aufwändigen Produktion tatsächlich an amerikanische Genrevertreter wie das Abba-Musical „Mamma Mia“. Und das ist durchaus als Kompliment zu verstehen.

    Vorerst aber: Worum geht es hier denn überhaupt?

    Genau wie auch schon die Vorlage handelt es sich hier um keine Erzählung von Jürgens' Leben, sondern verwendet dessen unsterbliche Songs lediglich dazu, um eine eigene Geschichte zu erzählen. Die Musical-Adaption handelt von der Fernsehmoderatorin Lisa Wartberg (Heike Makatsch), die ihren Beruf und die Reputation in der Medienwelt über alles andere stellt. Als ihre Mutter Maria (Katharina Thalbach) in Folge eines Unfalls das Gedächtnis verliert und sich nur mehr daran erinnert, dass sie unbedingt nach New York möchte, wird das vermeintlich perfekte Leben der abgehobenen Moderatorin von einem auf den anderen Tag auf den Kopf gestellt. Aus dem Nichts flieht Maria nämlich aus dem Krankenhaus und steigt kopflos dem Kreuzfahrtschiff MS Maximiliane zu, das sich in Richtung der Stadt ihrer Träume bewegt. Um ihre Mutter von der angeblich blödsinnigen Tat abzuhalten, rennt ihr Katharina mit Unterstützung ihres Maskenbildners und guten Freunds Fred (Michael Ostrowski) hinterher, aber leider zwecklos: denn noch bevor die beiden Maria davon überzeugen können, das Schiff wieder zu verlassen, legt dieses mit den dreien als blinde Passagiere ab. Um die unbezahlte Fahrt finanzieren zu können, werden die drei schon bald dazu verdonnert, gemeinsam mit anderen Reisenden, die sich illegal aufs Schiffs geschlichen haben, Putzdienst zu leisten. Auf der Fahrt über den Atlantik entwickeln sich jedoch drei unerwartete Liebesgeschichten: Während Maria auf den Eintänzer Otto (Uwe Ochsenknecht) trifft, der meint sie noch aus früheren Zeiten zu kennen, an die sie sich aber wegen ihres momentanen Gedächtnisverlusts nicht erinnern kann, zeigt sich Fred vom griechischen Zauberkünstler Costa (Pasquale Aleardi) angetan und selbst die sonst so genervte Lisa nähert sich dem Vater Axel (Moritz Bleibtreu) an, der sich in Begleitung seines Sohns Florian (Marlon Schramm) am Deck des Schiffs befindet.

    Anfangs ist Stölzls Musical-Verfilmung auf erzählerischer Ebene noch etwas holprig unterwegs. Man wird als Zuschauer mitten in den Alltag unserer Protagonistin hineingeworfen und hinter die Kulissen ihrer Show geführt – dies wirkt alles im Vergleich zu dem, was später folgt, aber etwas zu hektisch etabliert und nervtötend aufgesetzt. Man könnte zwar meinen, dass diese narrative Hektik bewusst gewählt wurde, um den stressigen Alltag unserer Hauptfigur zu unterstreichen – jedoch weiß das als Stilmittel nicht wirklich zu funktionieren. Bei den Startschwierigkeiten kann auch eine durchaus launige Neuinterpretation von „Vielen Dank für die Blumen“ nicht wirklich aushelfen.

    Spätestens aber dann, als unsere Figuren das Schiff erreichen und die Kreuzfahrt begleitet von „Aber bitte mit Sahne“ losgehen kann, wandelt sich der Film zum kunterbunten Feel-Good-Musical, dessen ansteckender Energie man sich nur schwer entziehen kann.

    Woran liegt das?

    Ja, hier handelt es sich ohne den geringsten Zweifel um einen riesigen Haufen Kitsch, der künstlicher kaum sein könnte. Da das Musical während seiner Kreuzfahrt jedoch seinen eigenen märchenhaften Mikrokosmos aufbaut, an dem jegliche Träume der Figuren in Erfüllung gehen können, wirkt all der Pathos und Kitsch völlig angemessen. Zugegeben: an einigen Momenten stößt die Adaption gerade an die Grenzen der Peinlichkeit und wird durch den ein oder anderen misslungenen Gag ein gewisses Schamgefühl in manch Zuschauer auslösen. Wer sich jedoch dieser quietschbunten Traumwelt hingibt, wird den Kinosaal in bestgelaunter Stimmung wieder verlassen können.

    Einer der größten Stärken ist die audiovisuelle Qualität der Produktion. Obwohl leicht ersichtlich wird, dass der Großteil der Musicalverfilmung nicht an echten Locations, sondern im Studio entstanden ist, schaut das Werk nicht im Ansatz wie ein ästhetisch fades Bühnenspiel aus, sondern besticht mit einer Hochglanzoptik, die sich auch vor amerikanischen Prestige-Musicalfilmen nicht zu verstecken braucht. Neben dem herrlich bunten und aufwändig gestalteten Szenen- und Kostümbild, gebührt besonders dem österreichischen Kameramann Thomas W. Kiennast großes Lob. Kiennasts fabelhafte Aufnahmen, deren satte Farben teilweise gar an ein Projekt wie „La La Land“ erinnern, verleihen dem Ganzen das finale Fünkchen an Künstlichkeit, das dem Film über weite Teile hinweg zum Märchen werden lässt. Hinzu kommen noch toll choreographierte Tanz- und Musical-Einlagen, in deren Zentrum ein merklich gut gelauntes Schauspielensemble steht. Zwar konnten die meisten der Darsteller im Vorhinein nur bedingt Gesangserfahrung sammeln, dafür macht der Großteil des Casts stimmlich aber einen absolut soliden Job, wobei vor allem Heike Makatsch, Katharina Thalbach, Uwe Ochsenknecht und unser Austro-Export Michael Ostrowski positiv herausstechen. Lediglich Moritz Bleibtreu merkt man in seinen Auftritten die fehlende Expertise an und dessen eher mittelprächtigen Darbietungen (u.A. der ESC-gewinnende Klassiker „Merci Cheri“) lassen Flashbacks an Pierce Brosnans ähnlich fragwürdigen Gesangseinlagen aus dem ersten „Mamma Mia“ zurückkommen.

    Zu den Highlights unter den Musical-Sequenzen zählen die stimmungsvoll inszenierte Neuauflage von „Griechischer Wein“, die sich im Untergrund des Schiffs abspielt und wortwörtlich vom griechischen Bordzauberer performt wird, sowie eine mit beachtlichem Aufwand choreographierte und positive Energie verbreitende Version von „Zeig mir den Platz an der Sonne“.

    Leider geht dem Film bei seiner deutlich gestreckten Laufzeit von 129 Minuten gegen Ende hin ein wenig sein Sprit aus und besonders die Momente, die sich außerhalb des Schiffsdecks abspielen, fühlen sich neben dem sonst so märchenhaften Getümmel wie ein Fremdkörper an.

    Dennoch entpuppt sich die Leinwand-Adaption von „Ich war noch niemals in New York“ als positive Überraschung. Herausgekommen ist hier nämlich ein kunterbuntes und aufwändig in Szene gesetztes Gute-Laune-Musical, das in einem Maximum an Kitsch und Pastiche getränkt wurde, sich seines schrulligen Pathos aber die meiste Zeit über völlig im Klaren ist und Udo Jürgens' Oeuvre angemessen zelebriert.

    Wer einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen möchte, dürfte hier wohl an der richtigen Adresse stehen.