Filmkritik zu Bumblebee

Bilder: Constantin Film Fotos: Constantin Film
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    „Transformers“ mit Herz und Seele

    Exklusiv für Uncut
    Rassistische Stereotypen, sexistische Frauenfiguren und sinnentleerte Explosionen im Sekundentakt. Dinge wie diese sind es, die die „Transformers“-Realfilme unter der Riege von Krachbumm-Spezialist Michael Bay auszeichneten und für viele Leute zu einer der unausstehlichsten Blockbuster-Reihen des 21. Jahrhunderts machten. Dabei steckt in den vom amerikanischen Unternehmen Hasbro in die Welt gesetzten Alien-Robotern, bei denen es sich zu Beginn lediglich um Spielzeug-Figuren handelte, weit mehr Potential als die Bay’schen Explosions-Orgien vermuten lassen würden. Besonders die in den 80er-Jahren entstandene Cartoon-Serie und der daraus resultierende Zeichentrick-Film konnten vor allem in den USA massenweise Fans für sich gewinnen und hatten neben Roboterkämpfen das zu bieten, was den Realfilm-Auswüchsen Bays gehörig fehlte: Herz und Seele. Mit „Bumblebee“ veröffentlicht Paramount nun das der erste Prequel zur „Transformers“-Realfilm-Reihe und bewegt sich damit drastisch von Bays Herangehensweise an das Franchise weg. Anstatt Bay nahm diesmal Travis Knight im Regiestuhl Platz, der sich als führender Kopf hinter dem Stop-Motion-Studio Laika vor zwei Jahren für den zweifach Oscar-nominierten „Kubo - Der tapfere Samurai“ verantwortlich zeichnete und bekennender Fan des „Transformers“-Universums ist.

    „Bumblebee“ widmet sich – wie der Titel schon verrät – der Hintergrundgeschichte des gleichnamigen gelb-schwarzen Autobots. Als die Autobots den Kampf um ihre Heimat Cybertron gegen die Decepticons verlieren zu scheinen, wird der Transformer B-127 im Jahre 1987 zur Erde entsandt. Dort angekommen findet er Zuflucht auf einem Schrottplatz, an dem er sich in einen gelb-schwarzen VW-Käfer transformiert, um nicht auszufallen. Als sich die rebellische Teenagerin Charlie (Hailee Steinfeld) an ihrem 18. Geburtstag ebendiesen Käfer kauft, staunt sie nicht schlecht, als sie herausfindet, dass es sich hierbei um kein einfaches Auto handelt. Die Außenseiterin, die seit dem Tod ihres Vaters immer noch an den traumatischen Folgen zu leiden hat, begegnet dem Alien-Roboter jedoch nicht mit Panik, sondern mit Toleranz und Liebe. So entwickelt sich schon bald eine enge Freundschaft zwischen Charlie und dem von ihr liebenswürdig „Bumblebee“ getauften Autobot, auf den es jedoch schon bald das Militär abgesehen hat…

    Der Regiewechsel wird bei diesem Film deutlich bewusst, denn Travis Knight ist es hier tatsächlich gelungen, einen Live-Action „Transformers“-Film zu drehen, der wenig mit der seelenlosen Materialschlacht eines Michael Bays gemein hat. Orientiert hat man sich hierfür klar an der zurzeit erfolgreichen Welle an 80er-Jahre-Nostalgie und hat diese glorreiche Dekade einmal mehr gekonnt in Szene gesetzt. Überzeichnete High-School-Tussen, ein flippiger Soundtrack, bei dem von „Take on Me“ bis hin zu Rick Astleys „Never Gonna Give You Up“ kaum eine 80er-Hymne ausgelassen wird oder gar Anspielungen an John Hughes-Klassiker ala „The Breakfast Club“ – das 80er-Setting ist dem Film zu jeder Sekunde anzumerken. Alteingesessene Hardcore-Fans bekommen in einer Szene, in der plötzlich „The Touch“, der als Titelsong vom animierten „Transformers: The Movie“ (1986) bekannt wurde, ertönt, ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

    Die eigentliche Rahmenhandlung des Films, die definitiv maßgeblich von Genre-Klassikern wie „E.T.“ oder „The Iron Giant“ inspiriert wurde, glänzt zwar bestimmt nicht mit Innovation, erfüllt aber durchaus seinen Zweck und überzeugt vor allem mit einem Aspekt, der in den Bay’schen „Transformers“-Filmen viel zu kurz kam: Emotion. Der emotionale Kern des Films basiert auf der herzerwärmenden Freundschaft zwischen Bumblebee und Charlie, die zwar manchmal an der Grenze zum Kitsch schrammt, aber über die meiste Zeit hinweg funktionieren kann. Durch die Verzweiflung und Einsamkeit, die die Figur der Charlie seit dem Ableben ihres Vaters verspürt und der Tatsache, dass ihre Freundschaft zu Bumblebee dieses große Loch in ihrem Herzen nun wieder füllen kann, konnte dem emotionalen Kern noch zusätzliche Antriebskraft verliehen werden. Einen maßgeblichen Beitrag dafür leistet jedoch bestimmt auch Hauptdarstellerin Hailee Steinfeld, die nach ihrer Oscar-nominierten Performance im Coen-Western „True Grit“ (2010) und ihrer beachtlichen Schauspielleistung im Coming-of-Age-Drama „The Edge of Seventeen“ (2016) einmal mehr beweisen darf, dass sie zu den vermutlich talentiertesten JungdarstellerInnen dieser Zeit zählt.

    Auch das Comedy-Level befindet sich hier auf einem völlig anderen Niveau als der juvenile Fratboy-Humor, der die bisherigen „Transformers“-Filme durchzogen hatte und punktet besonders mit dem Charme der beiden Hauptfiguren. Überraschenderweise wurden auch Ex-Wrestler John Cena, der in seiner Rolle des Soldaten Jack Burns völlig aufgeht, einige der witzigsten Lines des Films zuteil.

    Am Ende des Tages lässt sich also sagen, dass „Bumblebee“ zwar definitiv nicht in die Annalen der Filmgeschichte wird, Travis Knight hier aber nichtsdestotrotz ein unterhaltsamer, mit soliden Effekten ausgestatteter, herzerwärmender und in bittersüßer 80er-Nostalgie getränkter Sci-Fi-Streifen gelungen ist, der einem Michael Bay zeigen sollte, wie man eine „Transformers“-Realverfilmung denn richtig macht!

    Ein willkommener Schritt in eine hoffentlich neue Richtung für das Franchise!
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    (Christian Pogatetz)
    20.12.2018
    09:27 Uhr