Bilder: Einhorn, Splendid Film Fotos: Einhorn, Splendid Film
  • Bewertung

    Hereditary

    Exklusiv für Uncut
    Zwei Logos, anschwellende bedrohliche Musik, ein Text erscheint, die sachliche Einladung an einem Begräbnis teilzunehmen. Dann ein Schnitt auf ein Fenster. Wir sehen aus dem Fenster und beobachten ein Baumhaus, die Kamera beginnt zu schwenken und richtet sich nach und nach auf ein Modelhaus. Im Querschnitt sehen wir ein großes Haus, einer anscheinend wohlhabenden Familie. Wir können in alle Zimmer blicken. Die Kamera beginnt auf eine der Räumlichkeiten zuzugehen bis das Modellzimmer zu einem realen Zimmer wird, ein Mann betritt den Raum und weckt seinen Sohn. Annie (Toni Collette), ihr Mann Steve (Gabriel Byrne) und ihre Kinder Charlie (Milly Shapiro) und Peter (Alex Wolff) verarbeiten den Tod der dementen und unzugänglichen Großmutter. Während Annie nach und nach merkwürdige Dinge über ihre Mutter herausfindet, droht die Familie an sich selbst zugrunde zu gehen.

    Es sind Filme wie „Hereditary“, die einen daran erinnern warum das Horrorfilmgenre sich trotz ewiger Wiederholungen und Flops, so großer Beliebtheit erfreut. Ari Aster inszeniert hier ein faszinierendes Horrordrama, das noch lange nach dem Besuch nachhallt. Aster verwebt geschickt reale Schrecken mit übernatürlichen Symbolsimen. So konzentriert sich Aster, welcher Regie führt und auch das Drehbuch geschrieben hat, am Anfang hauptsächlich auf die interfamiliäreren Beziehungen und Gefühlswelten. In erschreckender und ergreifender Form visualisiert der Film, Trauer, Verzweiflung und Schuld.

    Eine unglaublich kreative Form des doppelbödigen Beobachtens, erschafft der Film durch die Mutterfigur Annie. Annie ist Künstlerin und baut Miniaturmodelle. Schnell merkt man das die kleinen Räume, die sie erschafft, von tiefer persönlicher Bedeutung sind. Das Krankenzimmer in dem die Mutter lag, dass eigene Schlafzimmer oder der erste Kindergarten der Tochter. Wir als Zuschauer beobachten nun Annie dabei, wie sie ihr eigenes Leben beobachtet und verarbeitet. Ohne ein Wort zu sagen schaffen es Aster und sein Kameramann Pawel Pogorzelski ganze Gefühlswelten von Annie zu zeigen, in ihrer Form von Reaktion auf ihre eigene Kunst. Die Kamera bleibt kühl und distanziert auf den Modellen. Den Menschen in diesem Film nähert sie sich dann schon, lässt uns teilhaben an den aufwühlenden Gefühlen der Protagonisten, fällt dann jedoch wieder in eine modellartige Kompositen zurück. Wie eine Gottheit betrachtet die Kamera die Menschen, versucht sich ihnen zu nähern, sie zu verstehen, nur um am Ende wieder alles als konstruiertes Modell wahrzunehmen.

    Der Film wird über die zwei Stunden Laufzeit von einer verängstigend guten Toni Collette getragen. Ihr Schmerz und wie sie mit ihm umgeht wird durch eine nuancierte und unheimliche Darstellung an manchen Stellen so real, dass es weh tut. Ihr Sohn gespielt von Alex Wolff, welcher vor kurzem noch in „Jumani: Willkommen im Dschungel“ zu sehen war, beweist sich als überzeugender und vielversprechender Schauspieler, der sich die meiste Zeit über ohne Probleme neben Collette behaupten kann. Ein minimalistischer aber umso effektivere, pulsierender Soundtrack von Colin Stetson untermalt den ganzen Film und kreiert mit der geschickten Kameraführung von Pogorzelski ein konstantes unangenehmes Gefühl in der Magengegend.

    „Hereditary“ lässt sich im Gegensatz zu den meisten anderen Horrorfilmen momentan genug Zeit seine Spannung, seine Stimmung und vor allem seine Charaktere zu etablieren. Dies führt zwar zu einigen Pastingproblemen, speziell in der ersten Hälfte, jedoch ziehen sie den Film nie runter und die Geduld macht sich auf jeder Ebene bezahlt. Weiters bedient sich „Hereditary“ keiner Jump-Scare-Paraden um das Publikum in Stimmung zu bringen, sondern zieht seinen Schrecken aus nervenauftreibenden Szenen und einem spannenden Gesamtwerk. Die Jump-Scares die es gibt, sind klug inszeniert und nie unnötig platziert.

    Es ist schwer all die Themen be-, bzw. anzusprechen, ohne essentielle Ereignisse vorweg zu geben. Gesagt sei jedoch, dass es sich hier um einen vielschichtigen Film handelt, den man eigentlich gleich nochmal schauen muss (und will). Es ist ein Film bei dem, selbst wenn am Ende nicht alles klar ist, es glasklar ist, dass der Regisseur genau gewusst hat was er macht. Die realen und mystischen Elemente ergänzen sich wundervoll und ergeben ein komplexes Gesamtwerk über Familie, Trauer und die Frage nach einer Wahl im Leben.
    _MG_1372 (1)
    (Daniel Prem)
    06.06.2018
    16:33 Uhr