A Beautiful Day

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Forumseintrag zu „A Beautiful Day“ von DanyBoy

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DanyBoy (26.04.2018 17:36) Bewertung
You were never really here
Exklusiv für Uncut
Es sind Filme wie dieser, bei denen es besonders schwer ist, eine Kritik zu schreiben. Dies liegt primär daran das der Film sehr, sehr wenig Plot hat und dabei so unendlich viel erzählt. All die Gründe warum der Film ein großartiges Kinoerlebnis war, müsste man eigentlich Szene für Szene aufarbeiten, dies kann hier an diese Stelle natürlich nicht tun, da ich ihnen keineswegs diese Erfahrung nehmen möchte. Da der neueste Film von Lynne Ramsey sich jedoch deutlich mit Genrekonvention und Erwartungshaltungen spielt, kann ich mir gut vorstellen, das viele Leute diesen Film nicht besonders mögen werden, oder noch schlimmer, dass nur wenige den Weg in den Kinosaal finden werden. Deswegen begreife ich diese Kritik an dieser Stelle primär als eine Filmempfehlung und vielleicht noch wichtiger als eine Empfehlung wie sie diesen Film schauen könnten.

Joe (Joaquin Phoenix) kriegt Geld dafür, dass er Leute rettet, speziell gehandelte Mädchen. Bei diesen Rettungen geht Joe nicht unbedingt zimperlich mit jenen um, die ihm im Weg stehen. Nach seinen nächtlichen Ausflügen kehrt Joe in sein Elternhaus zurück, dass er sich mit seiner Mutter teilt. Bei einem Auftrag gerät jedoch einiges aus dem Ruder und Joe muss sich nun mit den Konsequenzen auseinandersetzten.

Lynne Ramsay gehört ohne jenen Zweifel, zu den spannendsten und interessantesten Köpfen der Indiefilmszene. Kleine Meisterwerke wie ihr letzter Spielfilm „We need to talk about Kevin“ oder Kurzfilme wie „Gasman“ sind leider nicht halb so bekannt wie sie es verdient hätten. In allen gibt es jedoch ein Konstante in der Art wie die Schottin ihre Geschichten erzählt: durch Details.

Details auf den Händen, in der Umgebung der Charaktere, in ihren Gesichtern, in der Bildkomposition ihm Schnitt, ihm Ton, in der Musik und ihn den Dialogen. Ramsay macht Filme, die einzig und allein als Filme funktionieren. Sie schafft es, die Besonderheiten des Mediums Film bis zur Perfektion auszuführen. Wenn ich an dieser Stelle von Details rede, meine ich keineswegs eine unerträgliche Anzahl an Close-ups. Sondern Details in der Welt, die Ramsay erzählt, die so gekonnt und bewusst in Szene setzt, dass sie es schafft mit einigen wenigen Bildern und Schnitten, das zu erzählen wofür andere einen ganzen Film brauchen.

Das Joaquin Phoenix einer der faszinierendsten Schauspieler dieser Zeit ist, war schon lange klar. Hier zeigt er nun erneut, wie viel er zu bieten hat, gerade wenn er mit einer genialen Regisseurin zusammenarbeitet. Einfach nur wie sich dieser gebrochen Charakter durch die Welt bewegt, ist eine Schauspiel-Regie Lehrstunde für sich. Der Punkt, der das ohnehin schon beklemmende Spiel von Phoenix, nicht nur untermalt, sondern auf eine ganz andere Eben hebt, ist der genial Schnitt von Joe Bini. Er und Ramsay schneiden kleine Fragmente aus der Vergangenheit in die Haupthandlung, die nicht nur als Hintergrundgeschichte dienen, sondern trotz ihrer Kürze, ein ganzes Leben aufzeigen - weniger mit konkreten Daten und Ereignissen, sondern mit Gefühlen, kleinen Schnappschüssen aus dem Leben von Joe, die alles erklären was erklärt werden muss. Bini arbeitet feinfühlig und sensible und versteht es ganz genau, wann er auf wen schneidet und unterstreicht das Schauspiel von Phoenix auf eine Art und Weise wie sie sehr selten geworden ist.
Der andere Teil den der Schnitt grandios macht, ist wie er mit Erwartungen spielt. Wie von Ramsay nicht anders zu erwarten war, ist „A Beautiful Day“ kein typischer Genrebeitrag, sondern in seiner Struktur bereits wieder Film über das Genre selbst. Bekannte Muster und Spannungsbögen werden aufgebaut nur um dann nie so eingelöst zu werden wie wir es erwarten. Die Gewalt findet oft nicht einmal On-Screen statt, ist aber in ihren Konsequenzen allgegenwärtig. Ramsay lässt sich jedoch nie dazu verleiten einen reinen, zwar für Filmfans spannenden jedoch für den Rest uninteressanten, Meta-Film zu machen, der nur davon lebt, nicht so zu sein wie andere. All die Spiele mit Erwartungshaltungen dienen dazu, uns weiter in die Welt von Joe zu saugen und uns, wie er selbst, mit ihm zu konfrontieren. Die Balance aus Genrekonvention und Brüchen eben jener, erzeugt weiters eine ganz eigene Dynamik und Spannung. Der Stil des Film wird grandios von Jonny Greenwoods Score untermalt und begleitet, der für Filme wie „The Master“ oder „There Will be Blood“ die Musik gemacht und natürlich am bekanntesten ist, als einer der Gründer von Radiohead.

Wer nun nach dem Trailer denkt, hier handelt es sich um einen klassischen Thriller/Actionfilm in dem ein Kraftprotz sich durch die Welt prügelt, wird fürchte ich eher enttäuscht sein. Dies wird kein Film zum zurücklehnen sein und auch kein Film, der einem wortlos das gibt was man vielleicht gerne hätte. Gerade deswegen lege ich es jedem an die Hand, sich gerade diesen Film auf der großen Leinwand anzusehen. Nehmt euch die 89 Minuten, geht ganz bewusst ins Kino und lasst euch von diesem Film entführen. Achtet auf die Details und gebt dem Film eine Chance, auch wenn er nicht immer das macht was man gerne hätten. Ihr werdet bald selbst merken, dass hinter allem ein Gedanke und ein System steckt. Ich versichere euch, diesen Film werdet ihr in seiner simplen Komplexität immer wieder sehen können. Genießt grandioses Schauspiel, feinfühlige Regie, wunderschöne Bilder, und ein Werk das einfach für das Medium Film kreiert wurde.
 
 

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