Kritik
Bilder:
  • Bewertung

    Manege frei! – Hier kommt Billy

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2017
    LGBT: Lesbian. Gay. Bisexual. Transexual. In den letzten Jahren hat sich die mediale Verwendung dieses Begriffs immer weiterverbreitet. Durch eine Regenbogenflagge gekennzeichnet setzen sich LGBT-Aktivisten weltweit seit geraumer Zeit dafür ein, den vorhin erwähnten sexuellen Orientierungen mehr Akzeptanz in unserer Gesellschaft zu verleihen. Auch in Film und Fernsehen genießt die Thematik durch den Einbau von Transgender-Charakteren, wie unter anderem in der beliebten Netflix-Produktion „Orange is the New Black“ oder in der preisgekrönten Amazon-Prime-Serie „Transparent“ seit ein paar Jahr immer mehr Anerkennung. Sting-Ehefrau Trudie Styler widmet sich in ihrem Regie-Debüt „Freak Show“ nun auch dem Thema und erzählt dabei die Geschichte vom Teenager Billy Bloom. Billy ist homosexuell und hebt sich durch seinen außergewöhnlichen Kleidungsstil, der von Lady Gaga-artigen Kleidern hin zu einem Meerjungfrauen-Kostüm reicht, sehr von anderen Gleichaltrigen ab. Als er an eine neue konservative High School kommt, dauert es nicht lange bis er zum Mobbing-Opfer erkoren wird. Nachdem eine Situation mit einem Mitschüler brutal eskaliert, beschließt er trotz seines Geschlechts spontan als Homecoming-Queen zu kandidieren, um ein Zeichen für Toleranz gegenüber Leuten, die nicht der Norm entsprechen, zu setzen.

    Styler ist mit ihrem Film ein wirklich schönes Portrait eines Jugendlichen gelungen, der sich nichts mehr wünscht, als von seiner Umwelt als die Person, die er nun mal ist, akzeptiert zu werden. Hauptdarsteller Alex Lawther gelingt es, sämtliche Facetten der komplexen Persönlichkeit des Billy Bloom eindrucksvoll darzustellen. Auf der einen Seite haben wir den provokanten Billy, der durch sein Auftreten bewusst aneckt und Bezeichnungen, wie „theatralisch“, als Kompliment auffasst.

    Gegenübergestellt ist dem Ganzen auf der anderen Seite Billys verletzliche Seite, die sich wie ein Fremdkörper auf diesem Planeten fühlt und einfach nur von seinen Mitschülern und der eigenen Familie akzeptiert werden möchte.

    Unter den Nebendarstellern wäre insbesondere der einstige Kinderstar Abigail Breslin („Little Miss Sunshine“) hervorzuheben, die in der Rolle der Schuldiva und Homecoming-Queen-Konkurrentin Lynette scheint. Besonders in einer unterhaltsamen Sequenz, in der sie einer Transgender-Reporterin erklärt, weshalb man ausgerechnet sie wählen sollte, kauft man ihr den konservativ dümmlichen Charakter wirklich ab und schöpft durch das Rezitieren der bekannten Phrase „Let’s make America great again!“ gar Parallelen zu Präsident Trump.

    Auch die Ästhetik des Films weiß zu überzeugen und bietet durch das kreativ gestaltete Set- und Kostümdesign eine breite Palette an grellen Farben, die durch die tolle Lichtgebung noch mehr in den Fokus gerückt werden.

    Der Film ist aber nicht frei von Problemen: Ein Punkt, durch den das Drama zumindest auf narrativer Ebene Qualität einbüßt, ist die episodenhafte Erzählweise: Viele Sideplots, die anfangs etabliert werden, wie z.B. Billys Freundschaft zum Jungen Flip oder dessen Verhältnis zu seiner Familie, verlieren im Mittelteil ihren Fokus. Zwar probiert die Regisseurin es noch, gegen Ende sämtlichen Nebensträngen einen Abschluss zu geben, was mir jedoch sehr dahingeklatscht vorkam. Der Film findet gleichzeitig noch im letzten Drittel mit Billys ehrfurchtgebietender Homecoming-Queen-Rede, in der er auf mehr Akzeptanz gegenüber dem uns Unbekannten plädiert, seinen emotionalen Höhepunkt, der ein paar der narrativen Ungereimtheiten vom Mittelteil verzeihlicher macht.

    Somit lässt sich sagen, dass trotz der erzählerischen Problematik Trudie Styler’s „Freak Show“ dennoch ein sehr gut gespieltes und schön gemachtes Coming of Age-Drama geworden ist, das dazu aufruft, gesellschaftlichen Normen und Zwängen zu trotzen und unseren inneren Freak rauszulassen!
    chros
    (Christian Pogatetz)
    17.02.2017
    15:51 Uhr