Filmkritik zu Downsizing

Bilder: Constantin Film Fotos: Constantin Film
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    Liebling, wir haben unsere Sorgen geschrumpft! Oder?

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Filmemacher Alexander Payne hat sich besonders mit seinen Charakter-fokussierten Tragikomödien einen Namen gemacht. Mit mehrfach ausgezeichneten Filmen wie „Sideways“ (2004), „The Descendants“ (2011) oder „Nebraska“ (2003) hat der 56-jährige Regisseur sein Gespür für feinfühlige Darstellungen interfamiliärer Konflikte unter Beweis gestellt. Für sein neuestes Werk „Downsizing“ hat Payne nun seine erzählerische Komfortzone verlassen und bedient sich eines Konzepts, das klingt, als würde es aus einer Episode der „Twilight Zone“ oder „Black Mirror“ stammen.

    In einer nicht allzu fernen Zukunft will die Menschheit gegen die eigens ausgelöste Verschwendung sämtlicher natürlicher Ressourcen ankämpfen. Um den Erdbewohnern ein weniger verschwenderisches Dasein zu ermöglichen, ist norwegischen Wissenschaftlern ein phänomenaler Coup gelungen: das sogenannte „Downsizing“. Beim „Downsizing“ handelt es sich um eine Prozedur, bei der die Teilnehmer auf Insektengröße geschrumpft werden und im Anschluss in einer Miniatur-Community namens Leisureland leben. Auf diese Weise soll den Menschen ermöglicht werden, auf der einen Seite kostenfreier zu leben und gleichzeitig der Umwelt weniger Schaden zu zufügen. Paul Safranek (Matt Damon), ein Mitte 40-jähriger Bürger der Arbeiterklasse, ist von seinem eintönigen Alltag gelangweilt und fühlt sich von den Versprechen eines aufregenderen Lebens angesprochen. Als dieser sich gemeinsam mit seiner Frau Audrey (Kristen Wiig) schlussendlich dazu entschließt, dem Downsizing-Prozess beizuwohnen, verläuft das Vorhaben nicht ganz nach Plan …

    Als Paynes neuester Streifen im August die 74. Filmfestpiele von Venedig eröffnete, stieß der Film auf recht gemischte Reaktionen. Auch bei der vor kurzem stattgefundenen Österreich-Premiere in Rahmen der Viennale war das Publikum nicht durch die Bank begeistert. Auch wenn ich mehrere Kritikpunkte „Downsizing“ gegenüber durchaus nachvollziehen kann, konnte ich Alexander Paynes neuestem Werk dennoch weit mehr Positives abgewinnen, als Negatives.

    In seinem Grundton strahlt „Downsizing“ einen Optimismus aus, der manchen sicher zu pathetisch rüberkommen wird, für mich jedoch die meiste Zeit über funktionierte. Der Grund hierfür ist die märchenhafte Atmosphäre, die der Film besonders seiner technischen Umsetzung verdanken kann. Ein Soundtrack, der in ähnlicher Form aus einem Pixar-Film stammen könnte, tut hierfür das Übrige. Die Musik in Symbiose mit den nur so vor Farbe sprühenden Hochglanzbildern ließ mich problemlos in die Vision von Payne eintauchen. Es gibt insbesondere zwei Momente, die als Sinnbild für die ästhetische Faszination, die der Film auf mich ausstrahlte, dastehen können. Zum einen wäre dies der Downsizing-Prozess selbst, der visuell mit solch einer Liebe zum Detail ausgestattet wurde, dass einem die futuristische Prozedur beim Schauen nicht allzu realitätsfern vorkommt. Ebenfalls unvergesslich bleibt für mich die Partysequenz des Films, während der dem Protagonisten synthetische Drogen eingeflößt werden. Dessen MDMA-Trip wurde in Form eines rasant geschnittenen und von rot-fluoreszierenden Lichtern hervorgehobenen Bilderrausch eingefangen, der einen als Zuschauer ähnlich benebelt wie Matt Damons Figur.

    Narrativ gesehen ist der Film jedoch weit holpriger unterwegs, als auf ästhetischer Ebene. Es werden in einigen Momenten Ansätze für Ideen aufgegriffen, die jedoch oft nicht weitergedacht wurden. Im Laufe des Films werden beispielsweise der soziale Klassenkampf zwischen den ‚Normalbürgern‘ und den geschrumpften Bewohnern des Leisureland sowie auch Themen wie Umweltschutz angeschnitten, die jedoch nie weiter elaboriert wurden. Einerseits hätte ich mir in ein paar Momenten mehr Fokus gewünscht. Andererseits passt der teils willkürlich anmutende Szenenaufbau zur grundsätzlichen ‚Anything can happen‘-Stimmung des Films und lässt die Dramaturgie des Drehbuchs erfrischend unvorhersehbar erscheinen. Was man sich als Zuseher jedoch in manchen Momenten wünscht, ist mehr Konfrontation zwischen den geschrumpften Bürgern und der normalgroßen Außenwelt. Warum eine Person in Insektengröße zum Beispiel völlig normal durch klassischen Regen spazieren kann, wird unter anderem leider außen vor gelassen.

    Abseits der erzählerischen Stolpersteine, hat immerhin der talentierte Cast dem Drehbuch mehr Antriebskraft verliehen. Matt Damon zeigt sich als Kleinbürger (*pun ahead*) Paul Safranek spielfreudig wie schon lang nicht mehr und konnte die Facetten seines Charakters mit Bravour meistern. Christoph Waltz mimt hier zwar mal zur Abwechslung mal nicht den Bösewicht, jedoch wirkt dessen grundsolide Darstellung des serbischen ‚Partyboys‘ Duran aufgrund des gekünstelten Akzents zu Teilen ein wenig irritierend. An dessen Seite steht die deutsche B-Movie-Legende Udo Kier, der als Durans Feierkumpane Joris durchaus eine gute Figur gemacht hat. In den bisherigen Rezensionen wurde zumeist Newcomerin Hong Chau hervorgehoben, die ab der zweiten Hälfte die tragende Rolle der Vietnamesin Ngoc Lan einnimmt. Obwohl ihre schauspielerische Darbietung durchaus als bravourös zu betrachten ist und ihre Figur in dem sowieso schon reichlich pointierten Streifen für einige der größten Lacher sorgen konnte, kann einen der Fake-Akzent aus dem Konzept bringen. Der klar gekünstelte Asia-Akzent lässt ihren Charakter in ein paar Momenten zur Karikatur verkommen, was Chau immerhin mit ihrem feinfühligen Mimen-Spiel zu weiten Teilen retuschieren konnte.

    Da der Film sich einem Hotchpotch verschiedenster Ideen bedient, ist die Grundbotschaft von „Downsizing“ schwer herauszufiltern. Meiner Ansicht nach wollte Payne hiermit aufzeigen, dass egal wie sehr man von seinen Problemen wegrennen möchte, diese einen schlussendlich dennoch einholen und man sich trotz vieler Schattenseiten, auf das Positive im Leben konzentrieren sollte.

    Es sei zu guter Letzt noch als kleiner Disclaimer gesagt, dass Leute, die an der Grundidee interessiert sind und sich im Vorhinein ein Bild von der allgemeinen Stimmung des Films machen wollen, auf alle Fälle nur den ersterschienen Trailer anschauen sollten. Der kürzlich erschiene zweite Trailer spoilert nämlich einen der dramaturgisch wichtigsten Punkte des Films.

    „Downsizing“ ist schrill, komisch und nur so mit humoristischen Spitzen gefüllt.

    Der optimistische Ton von Alexander Paynes neuester Tragikomödie wird den einen Teil des Publikums abschrecken und wiederum andere Leute verzaubern. Trotz manch narrativer Unzulänglichkeit zähle ich meine Wenigkeit dennoch zu letzterem Lager hinzu und hatte einer der einzigartigsten Kinoerlebnisse der letzten Monate.

    Enjoy the ride – or don’t!