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    Die dreizehnte Fee

    So oft sind Filme im Kino vorhersehbar geworden. Selten werden die Erwartungen des Publikums unterwandert, denn das wäre schließlich ein Risiko, welches Zuschauerzahlen kosten und das Box Office einbrechen lassen könnte, würde man routinierte Kinogänger vor den Kopf stoßen. Ein Versuch wäre das allerdings wert, doch bei großem Franchise bekommen die Verantwortlichen kalte Füße, wenn’s um Kino-Releases geht. Bei Independentfilmen ist das anders. Hier wagt man sich freudig aus Glatteis, auf die Gefahr hin, selbst zu straucheln, aber der Ritt über die Ebene war’s wert: The Menu ist so ein Film. Ein Schlittern übers Eis, und während man schlittert, weht der erfrischende Wind des Unerwartbaren ins Gesicht, denn man weiß nie, wann man stürzt oder ob man stürzt oder ob man es bis zur nächsten rutschfesten Gummimatte schafft. Dieser Freude am Probieren stellt sich Regisseur Mark Mylod mit reichlich Hunger für ein mehrgängiges kulinarisches Programm und auch jeder Menge Trinkgeld in der Tasche für die servierende Entourage, die in einem Nobelrestaurant auf einer abgelegenen Insel den Gästen nicht nur die Karte vorliest, sondern auch die Leviten.

    Auf dieser Insel herrscht Küchenchef Julian Slowik über eine fanatisch aufkochende Gruppe auserlesener Köchinnen und Köche und kredenzt der gut betuchten Elite ausgefallene Kreationen der Gourmetkunst, verbunden mit theatralischen Elementen und Erzählungen aus den eigenen Biografien. Die Elite selbst ist wild zusammengewürfelt aus Bankern, Lokalkritikerinnen, Möchtegern-Gourmets, affektierten Filmstars oder einfach nur stinkreichen Bonzen, die gar nicht wissen, wofür sie hier ihr Geld ausgeben. Sie alle kommen eines Abends zusammen, und fast sieht es so aus, als eröffnete sich uns ein routinierter Whodunit im Stile eines Agatha Christie-Krimis. Doch wie schon eingangs erwähnt: Nichts ergibt sich so, wie es den Anschein hat. Dieses Spiel mit den Erwartungen torpediert auch die junge Margot (Anja Taylor-Joy), die eigentlich gar nicht hier sein dürfte, denn sie ist der Ersatz für die Begleitung von Nicholas Hoult, der versessen darauf ist, sein Wissen über Kochkunst unter Beweis zu stellen. Margot steht also nicht auf der Gästeliste, ganz so wie die dreizehnte Fee, die dem Gastgeber in die Suppe spuckt. Mit dieser unbekannten Variablen kommt auch der Küchenchef durcheinander, hat der doch den Abend und das mehrgängige Menü penibel geplant, bis auf den letzten Tropfen Emulsion auf dem Experimentierteller. Und was als schickes Erlebnisdinner beginnt, wird schon bald zu etwas ganz Anderem, Verstörendem, zu einem wüsten Happening, das vor nichts zurückschreckt. Außer vielleicht vor Anja Taylor-Joy, die, einmal mehr faszinierend, den ganzen Ist-Zustand hinterfragt.

    Nichts wird so heiß gekocht, wie es serviert wird. Hier könnte man den Umkehrschluss ziehen: Nichts wird so heiß serviert, wie es gekocht wird. Denn Ralph Fiennes macht den Abend zur Sternstunde des Unvorhersehbaren, des Herumrätselns, wie es weitergehen könnte, des staunenden Zusehens, was nun als nächstes serviert werden könnte und ob sich die kuriose Wahl an Zutaten noch wilder zusammenmixen lässt. Was anfangs tatsächlich wie eine Satire auf die noblen Künste der Haute Cuisine verstanden werden will, könnte Minuten später ganz anderes Gedeck auf den Tisch drapieren: Vielleicht auch die gallige Kritik an der Heuchelei eines vorgeblich interessierten Establishments, das den Kern der Sache aber längst nicht mehr wertschätzen kann, genauso wenig wie jene, die das Establishment bedienen. Geben und Nehmen wird im selben Topf zu Tode gekocht. Zwischen denen, die eine oberflächliche Gesellschaft füttern, und denen, die den Fraß schlucken, weil sie meinen, die Dinge verstehen zu müssen, gibt es kaum mehr Differenz. Die Autoren Seth Reiss und Will Tracy kreieren einen Lokalbesuch, in welchem der Tischtuch-Trick auch nicht mehr funktioniert, da Tabula rasa gemacht werden muss: Mit der hohlen Existenz der Mächtigen und den verkauften Seelen derer, die diese Mächtigen erst zu dem gemacht haben, was sie sind. Meister und Diener wechseln am Drehtisch die Seiten, mal verleitet der Aberwitz skurriler Szenen zum Lachen, mal bleibt dieses einer Fischgräte gleich im Halse stecken. Mal wird man eingelullt vom jovialen Tonfall eines manisch guten Ralph Fiennes, mal schrickt man aus der Convenience-Blase, wenn dieser zum nächsten Gang klatscht. Zwischen Fiennes und Taylor Joy entspinnt sich ein Duell der erlesensten Sorte. Dieses Duell hält die ganzen 108 Minuten an, ohne durchzuhängen. Um dieses Duell herum bleibt die Spannung straff, und mit dieser Spannung schlägt das Duell als kurios-perfider Mix aus Thriller und Groteske, die längst schon unbequeme gesellschaftskritische Spitzen erreicht wie aus einem Film von Ruben Östlund, in konstanter Intensität in seinen Bann.

    Mag sein, dass The Menu manchmal selbst nicht mehr ganz weiß, was es eigentlich ausdrücken will und wohin seine Kritik anbranden soll, doch der Film bleibt ein Faszinosum, mit Leichtigkeit und Spielfreude inszeniert und so unvorhersehbar gut wie ein Dinner in the Dark.

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    24.11.2022
    08:19 Uhr
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    Das feine Essen und ein Cheeseburger

    Sehr deliziös, was da von Mark Mylod für die Leinwand kreiert wurde! Ralph Fiennes ist phantastisch in seiner Rolle als „Chef“. John Leguizamo als alter Filmstar spielt sich quasi selbst. Nicholas Hoult‘s Charakter ist vom sektenhaftigen Meisterkoch begeistert und himmelt den Maestro an, welcher nur mit Kopfschütteln sowie strengen Maßregelungen den Believer in ein tragisches Ende befiehlt. Aber die (Koch-)Show wird von Anya Taylor-Joy getragen, die offensichtlich in diesen illustren Kreis von „Reich und Schön“ nicht richtig hineinpasst …
    THE MENU ist kritisch, witzig, kreativ und sehr lange mysteriös, aber schon beim 1. Gang der etwas anderen Menükarte bekommt man als Zuschauer bereits ein Gefühl, was an diesem exklusiven Event besonders und einzigartig ist: das Essen erzählt eine unvergessliche Geschichte!
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    19.11.2022
    22:12 Uhr
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    Welcome to Hawthorne

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Anya Taylor-Joy wird seit ihrem Durchbruch mit „The Witch“ (2015) als eine der vielversprechendsten Schauspielerinnen ihrer Generation gehandhabt. Nach der Zusammenarbeit mit hochkarätigen Regisseuren wie Edgar Wright und dem Erfolg der Netflix-Serie „Das Damengambit“ widmete sie sich nun dem neuesten Projekt von Mark Mylod, der vor allem durch seine Regietätigkeit bei Serien wie „Game of Thrones“ oder „Succession“ bekannt ist. Die Uraufführung von „The Menu“ fand auf dem Toronto International Film Festival statt.

    Margot (Anya Taylor-Joy) begleitet den Feinschmecker Tyler (Nicholas Hoult) zu einem Essen nach Hawthorne. Die Insel beheimatet das Gourmet-Paradies des renommierten Chefkochs Slowik (Ralph Fiennes), das nicht nur das im Zentrum stehende stylische Restaurant des Starkochs enthält, sondern auch einen Ort bietet, in dem alle möglichen Lebensmittel selbst angebaut und produziert werden. Slowiks Assistentin Elsa (Hong Chau) kümmert sich um die Gästeliste, die neben dem jungen Paar auch noch die Restaurantkritikerin Lillian Bloom (Janet McTeer) samt Redakteur (Paul Adelstein), einen Schauspieler (John Leguizamo) mit seiner Assistentin (Aimee Carrero), drei Mitarbeiter einer Tech-Firma (Arturo Castro, Rob Yang, Mark St. Cyr) sowie das Ehepaar Richard (Reed Birney) und Anne (Judith Light) umfasst. Das Dinner verspricht für alle Beteiligten ein besonderer Abend zu werden.

    „1250 Dollar pro Person?“ fragt Margot erstaunt, nachdem sie den Preis für Slowiks extravagantes Gänge-Menü erfährt. Schnell wird klar: Hawthorne ist exklusivem Besuch vorenthalten. Und wer kann diesen besser verkörpern, als ein beispielloser Cast, der einem das Gefühl vermittelt, keinen einzigen der Charakter missen zu wollen. Angefangen bei Ralph Fiennes, dem die Rolle des Slowik wie auf den Leib geschrieben zu sein scheint bis hin zu Anya Taylor-Joy, die die perfekte Leading Lady gibt: „The Menu“ kann mit einer stimmigen Besetzung punkten, die einen skurrilen Haufen an wild zusammengewürfelten Menschen in äußerst gewitzter Weise darstellt. Vor allem Janet McTeer als Restaurantkritikerin ist herrlich prätentiös.

    Gerade auch dank der zahlreichen Essensvariationen und kulinarischen Besonderheiten wird „The Menu“ zu einem regelrechten Augenschmaus. Der tadellosen Inszenierung mag zwar hin und wieder eine narrative Leerstelle entgegenwirken, allerdings pendelt sich dann vor allem gegen Ende ein effektiver Erzählrhythmus ein - Grand Finale inklusive. Der Humor kommt dabei auch nicht zu kurz – Nicholas Hoult trägt einen signifikanten Teil dazu bei – wobei der Film ohnehin ständig zwischen Spannung und Komik zu schwanken scheint. Genauso wie die Stimmung unter den Zuschauer*innen wohl zwischen Unbehagen und Neugier schwanken wird.

    Bereits im Trailer zu „The Menu“ erhielt man einen exquisiten Vorgeschmack auf die Richtung, die der Ensemblefilm ansteuern wird. Die kluge und gut durchinszenierte Satire erscheint für manche vielleicht in seiner Ausführung zu willkürlich, letztendlich liefert sie aber vor allem eines: gute Unterhaltung. Und demonstriert Mylods Inszenierungsgeschick, der die originellen Charaktere hier perfekt in Szene gesetzt hat. Slowiks „Nicht essen! Schmecken!“ hallt da sicherlich noch lange nach.
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    05.11.2022
    23:07 Uhr
  • Ein köstliches Filmmenü

    Mark Mylod serviert mit „The Menu“ besten Filmgenuss. Zur ausgeklügelten Inszenierung – mit mehreren Gängen – gehören:

    S’amuse: Eine einsame Insel mit Luxusrestaurant inklusive Schauküche, Räucherhütten, Mitarbeiterschlafsaal, für Gäste und Personal verbotenen Zimmern sowie wilder Fauna dient als Schauplatz für „The Menu“. Die Abgeschiedenheit und Exklusivität sind zentrale Elemente der Handlung. Sie liefern ebenso atemberaubende Bilder, schon bei der Erkundungstour zu Beginn.

    Erster Gang: Das titelspendende Menü kitzelt den Gaumen. Reiche Gäste zahlen horrende Preise, um einmal von Starkoch Chef Slowik bekocht und unterhalten zu werden. Was sie aufgetischt bekommen, ist eine Show, mit der sie nicht gerechnet haben.

    Zweiter Gang: Ein kulinarisch kreatives Menü wird zelebriert. Die Kamera folgt der Zubereitung. Das ist schon fast Food Porn im positiven Sinne.

    Dritter Gang: Ein erlesener Star-Cast rund um Ralph Fiennes und Anya Taylor-Joy schmeckt ebenfalls gut. Die Darsteller*innen schlüpfen in satirisch angelegte Rollen. Das Ensemble scheint wirklich in Spiellaune zu sein und gut miteinander zu harmonieren. Das verleiht dem bösen Humor noch mehr Biss.

    Vierter Gang: Ein Koch zwischen Genie und Wahnsinn, der alle Figuren führt. Er ist Geschichtenerzähler und Showman. Vielleicht aber auch ein verrückter Mastermind…

    Fünfter Gang: Das Spiel mit Inszenierung und Wahrheit während des Menüs macht es nicht nur für Teilnehmer*innen spannend. Filmfans kommen ebenfalls auf ihre Kosten.

    Dessert: Bissiger Humor und irre Einfälle sind das Sahnehäubchen.

    Kurz gesagt: „The Menu“ ist eine toll durchgeplante, spannend und theatralisch inszenierte Satire, die bestens unterhält.

    PS: Lieber nicht hungrig ins Kino gehen!
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    31.10.2022
    13:09 Uhr