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    Semibiografisches Regiedebüt über das Ankommen in Deutschland

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2020
    Der junge Regisseur Faraz Shariat bringt mit seinem semibiografischen Film „Futur Drei“ ein starkes Filmdebüt auf die Leinwand. Shariat, selbst als Sohn iranischer Eltern in Deutschland geboren, erzählt eine wunderschöne Geschichte über das Ankommen in Deutschland. Für den Protagonisten des Films, Parvis, gestaltete sich dieses leicht. Seine Eltern leben seit über 30 Jahren in Deutschland und haben hart gearbeitet, damit es ihre Kinder irgendwann mal gut haben. Trotzdem weiß Parvis nicht so recht, was er mit seinem Leben machen soll. Er vertreibt sich mit Grindr-Sexdates und nächtlichen Raves die Zeit, wie es die Generation Y eben so macht. Als er wegen eines Ladendiebstahls zu Sozialstunden in verdonnert wird, arbeitet er diese in einem Flüchtlingsheim ab. Als er dort die iranischen Geschwister Amon und Banafshet kennenlernt, bekommt er eine neue Perspektive auf seine Heimat, die leider nicht jedermanns Heimat sein kann.

    Shariats Film behandelt ein schweres Thema und entscheidet sich bewusst dafür, sich nicht dieser Schwere zu widmen, sondern versucht einen unbeschwerten Zugang zum Thema zu finden. Gleich zu Beginn des Films sieht man ein Home-Video, das einen iranischen Jungen beim Tanzen in einem Sailor Moon-Kostüm zeigt. Zweierlei Erkenntnis zieht das Publikum sofort daraus: der Junge wird bestimmt mal schwul und es werden unterhaltsame zwei Stunden. Dabei führt uns Shariat so leichtfüßig durch das Thema, wie es mit stylischen Platoo-Schuhen nur geht.

    Der Film erkundet verschiedene Identitäten. Dabei spielen Herkunft und Heimat eine zentrale Rolle. Aber auch Sexualität ist ein sehr wichtiges Thema. Ungezügelter Sex mit Fremden wird dabei wertfrei der zärtlichen Intimität zwischen Parvis und Amon gegenübergestellt, mit popkulturellen „Sailor Moon“-Referenzen wird ebenfalls nicht gegeizt. Daraus resultiert eine authentische und erfrischende Leinwand-Repräsentation davon, was es heißt im heutigen Deutschland jung und schwul zu sein.

    Vor allem ist aber „Futur Drei“ als Liebeserklärung Shariats an seine Eltern zu verstehen, deren harte Arbeit ihm ein unbeschwertes Leben ermöglicht haben. Die echten Eltern des Regisseurs spielen im Film auch Parvis Eltern. Ihre Szenen sind wahnsinnig berührend und verleihen dem Film sogar noch mehr Authentizität. Überdies lässt diese Geste den familiären Support tatsächlich grenzenlos erscheinen. Seine eigenen iranischen Eltern in einem Film zu casten, in dem auch freizügige Sexszenen zwischen Männern gezeigt werden, klingt nicht nur gewagt, sondern räumt auch mit Vorurteilen auf. Auch iranische Mütter und Väter können hinter ihren homosexuellen Kindern stehen. Leider können das nicht einmal alle westlichen Familien von sich behaupten.

    Shariat wirft einen Blick auf mehrere Generationen an Flüchtlingen. Seine Eltern stehen für die Vergangenheit. Sie hatten die Möglichkeit sich in Deutschland zu verwirklichen. Die Flüchtlinge der Gegenwart bekommen nicht alle eine Chance. Der Film ist ein wunderschönes Plädoyer dafür, dass auch diese Generation an Migranten nach den Sternen greifen dürfen soll, dass auch sie ihr Leben selbst entwerfen dürfen.

    Faraz Shariat ist mit „Futur Drei“ ein Film gelungen, der das Herz am rechten Fleck hat und einen sehr wertvollen Beitrag zum aktuellen Flüchtlings-Diskurs beiträgt. Dabei ist er erfrischend lustig, ungewohnt unbeschwert und verliert seine wichtige, anti-rassistische Message trotzdem nie aus dem Auge: die Zukunft gehört uns!
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    25.02.2020
    12:23 Uhr