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    Poetisch inszenierte Liebe in der Bretagne

    Exklusiv für Uncut vom Zurich Film Festival
    Die französische Regisseurin Céline Sciamma hat mit „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ nach „Girlhood“ und „Tomboy“ einen weiteren Film geschaffen, der seine dramatischen Elemente, seine kunstvolle Inszenierung und seinen elegant inszenierten Realismus zu einer der bewegendsten filmischen Erfahrungen des Jahres vereint.

    Frankreich um 1770: Marianne (Noémie Merlant) ist eine junge Malerin die unter der Schirmherrschaft ihres berühmten Vaters durchs Land reist, um Porträts wohlsituierter Leute zu malen. Zu Beginn des Films reist sie zum Anwesen einer verwitweten Gräfin (Valeria Golino) auf einer Insel in der Bretagne. Diese will, dass Marianne ihre Tochter Heloise (Adèle Haenel) malt, damit sie das Porträt einem reichen Mann aus Mailand schicken kann, den Heloise heiraten soll. Heloise wehrt sich jedoch gegen diese Ehe und hat bereits einen anderen Maler vergrault, als sie sich weigerte ihm Model zu stehen. Dies scheint auch auf den mysteriösen Tod der Schwester zurückzuführen, die ursprünglich für diese Ehe vorgesehen war und eines Tages von den Klippen stürzte.

    Die Gräfin bittet Marianne daher Heloise zu überlisten und engagiert sie als Gesellschaft für die nachmittäglichen Spaziergänge. Marianne soll daraufhin Heloise aus ihrer Erinnerung malen. Die beiden Frauen kommen sich dabei Schritt um Schritt näher und als das Porträt fertig ist, beichtet Marianne was ihre Rolle in dem Haus war. Heloise zeigt sich enttäuscht von dem fertigen Werk, was eine verletzte Marianne veranlasst, es zu zerstören. Als die Gräfin Marianne daraufhin wegschicken will, erklärt sich Heloise jedoch plötzlich bereit freiwillig Model zu sitzen. In Abwesenheit der Gräfin erleben die beiden Frauen über die nächsten paar Tage gemeinsam mit dem Dienstmädchen Sophie (Luana Bajrami) ein Refugium an weiblichen Zusammenhalt und Bedürfnissen.

    Sciamma gelingt es, die aufkeimenden Gefühle zwischen Marianne und Heloise mit Geduld und in kleinen, aber wichtigen Schritten zu inszenieren. Die Intimität der beiden ergibt sich nicht aus der körperlichen Interaktion die voyeuristisch wirken könnte. Vielmehr schafft Sciamma, diese Verbundenheit aus Spaziergängen, Konversationen und langen Blicken zwischen den Figuren zu erzeugen. Der Film blickt nicht mit einer sonst so männlich gepolten Linse lustvoll auf die Liebe der beiden. Er verleiht seinen Bildern etwas Feminines von Anerkennung und Verbundenheit. Die weiblichen Körper entfalten sich auf der Leinwand, sie werden nicht fetischierend geframed.

    Das Setting der Geschichte in einem einsamen Winkel an der atlantischen Küste ruft ebenfalls visuelle Verbindungen zu Kunst und Literatur der damaligen Romantik Periode hervor. Die Themen sind jedoch durchaus modern inspiriert. Nicht nur zeigt der Film das Erwachen einer Liebe zwischen zwei Frauen, auch die ungewollte Schwangerschaft Sophies wird zum Thema gemacht. Männliche Figuren bleiben den Film großteils fern. Sie sind der Schatten im Hintergrund, der Marianne in diese Oase einer weiblichen Gesellschaft bringt und sie sind auch das erste Zeichen gegen Schluss, dass damit bald vorbei sein wird.

    Die Literatur spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Marianen, Heloise und Sophie diskutieren lange und angeregt die Sage von Orpheus und Eurydike und verknüpfen so die realen Bedingungen der drei Frauen mit allgemeinen philosophischen Überlegungen. War Orpheus getrieben davon einen realen Eindruck seiner Geliebten zu erhalten als er sich umdrehte, statt einem billigen abgemalten Eindruck? Diese Frage wird sich rückwirkend auf das Verhältnis der Frauen auswirken. Eine leidenschaftliche Liebe, gefangen im Augenblick.
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    22.10.2019
    09:29 Uhr