Die Oscarnominierungen 2019 stehen fest.
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    Die Schweigeminute

    Ein Film, der jeden packt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Einigen Ex-Ossies kann er Schluckbeschwerden verursachen, die immer wieder mal mit der Ostalgie liebäugeln und behaupten ‘Es war ja nicht alles schlecht drüben‘. Andererseits verdeutlicht der Film mit welchen teils subtilen, teils menschenverachtenden Mitteln dieser Staat gearbeitet hat. Es wurde in der Vergangenheit der Bürger gegraben, um mit Erpressung und Denunziation Verrat zu erreichen auch und gerade im engsten Familienkreis. Misstrauen als Waffe gegen den Klassenfeind einzusetzen und das Ganze in einem gebrüllten Kasernenton verpackt, der allein schon akustisch die Bürger einschüchterte.
    Unter der Regie von einem Wessie! Schon erstaunlich. Sensibel und bewegend wurden die Möglichkeiten einer Diktatur dargestellt und die oftmals ausweglose Situation der Betroffenen. Als gnadenlose Staatsvertreter brillieren Jördis Triebel als Schulrätin und Burghart Klaußner als Minister. Bei ihrem Auftritt gefriert der Schweiß. Edgar, der sympathische Außenseiter – auch noch schwul – (Michael Gwisdek) muss für seine Offenheit bezahlen. Zwielichtig die Rolle von Direktor Schwarz (Florian Lukas), der als Emporkömmling aus der Arbeiterklasse die Schüler z.T. verstehen kann.
    Die Schüler, (Leonard Scheicher, Tomo Gramenz und auch Lena Klenke u.v.a.) denen man bei Nicht-Kooperieren das Abitur versagte, sind überzeugend gecastet. Sie schwanken zwischen dem Mut der Verzweiflung – besonders prekär, wenn auch noch die Liebe mit im Spiel ist (Lena und Paul (Isaiah Michalski) – und dem Staunen, ob des Ausmaßes ihrer an sich harmlosen Aktion (Schweigeminute aus Solidarität mit den Ungarn! (1956)).
    Auf Seite der Eltern rühren die Vertreter besonders, denn sie müssen sich ja zunächst noch vom Glauben an ihren Staat verabschieden. Man versteht, warum die sogenannte ‘Republikflucht‘ durchaus eine Option war.
    Eine spannende und bewegende Spielfilmhandlung. Diese Vergangenheitsbewältigung ist ein Muss, weil sie mit ihrem Realismus genau den Nerv der Zeit trifft.
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    06.03.2018
    17:49 Uhr
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    Figuren aus Pappmasche in wahrer Begebenheit

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2018
    „Dieser Film beruht auf wahren Ereignissen“ ist dem Titel vorgeblendet. Fast wie eine Warnung kommt das daher. Zumindest ich bin jedesmal skeptisch, wenn ein Film sich vornimmt Wirklichkeit authentisch und gültig vorzustellen. Aber diesem Teuferl auf der linken Schulter sitzt ein Engerl auf der rechten gegenüber, das mir das Lied singt von der Geschichte, die eben nur so zu erzählen ist. Stimmt schon: Um mit zeitgeschichtlichen Themen ein breites Publikum zu erreichen, hat man heutzutage offenbar nur zwei Möglichkeiten: man macht eine Doku die unter Umständen bald in der Nachtschiene eines Infokanals ein Zombieleben in ewigen Wiederholungen führt oder man versucht die Sache in Form eines bekömmlichen Spielfilmes schmackhaft zu machen.

    Letzteres war wohl hier der Plan. Aber auch wenn das junge Ensemble des Filmes ein wahrer Genuß ist (die allfälligen Hautunreinheiten tragen zur Glaubwürdigkeit bei), gelingt hier wie bei den meisten „Historienfilmen“ die Illusion nicht. Es gibt zwar offenkundig auch heute noch genug Drehorte, die nach „echter DDR“ aussehen, aber gerade im bemühten Anhäufen historischer Details schießt man hier oft übers Ziel hinaus. So stehen natürlich beim Feindsender hörenden Großonkel gut sichtbar Klaviernoten des ungarischen Nationalkomponisten Béla Bartok am Klavier, zu denen er sich bei der Nachricht von der Aufstandsniederschlagung bedeutungsschwanger umdreht; natürlich hört man im Treppenhaus der Schule einen Kinderchor den Pioniersuperhit „Unsere Heimat“ üben (noch dazu fehlerfrei!), während die verdächtigten Abiturienten einzeln zum Rektor gebeten werden. Und vieles mehr in dieser Art. Und zwischen diesen professionell-alltäglich drapierten Requisiten tun die Figuren Dienst und erfüllen ihre Rollen. Selbst das Personenverzeichnis scheint aus dem Lehrbuch zu stammen: der um seine Stelle besorgte Rektor, sein ehrgeiziger Lehrerkollege, der verhärmte Minister (Typ "Alter Kämpfer") und auch unter den Schülern sind alle Stereotypen vertreten: die besten Freunde samt dazwischenstehender Freundin, das schüchtern brave Zwillingspaar, der intellektuelle Freak, der obrigkeitshörige Pflichterfüller...
    Aber der Film hat auch seine beindruckenden Momente, besonders dann wenn die Schüler einzeln, ohne die schützende Klassengemeinschaft von der Kreisleiterin verhört werden. Kurz meint man zu fühlen, was es bedeutet einem Staat auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, wenn die Schüler nach allen Regeln der Kunst unter Druck gesetzt und gegeneinander ausgespielt werden. Dankenswerterweise schweigt in diesen Szenen endlich auch einmal die schwülstige Filmmusik.

    Man gab sich auch Mühe nicht all zu sehr schwarz-weiß zu malen: fast jeder der sozialistischen Helden hat eine leidvolle Vergangenheit im NS-Regime erlebt, die seine Härte den Schülern gegenüber erklärt, umgekehrt heisst's, dass nicht alle SS-Großväter böse gewesen wären. Trotzdem bleiben die Figuren etwas starr und stereotyp. Ja und eine melodramatische Rivalität der beiden Freunde um eine Klassenkameradin musste dann offenbar auch ins Drehbuch um Quote zu sichern.

    Wenn auch nicht so übertrieben zuckerlbunt und realitätsfern wie frühere Ansätze: „Das schweigende Klassenzimmer“ bringt einmal mehr DDR-Vergangenheit in Cinemascope. Streckenweise unterhaltsam, ja sogar bewegend. Künstlerisch kein großer Meilenstein, aber als Lehrfilm in Abschlussklassen durchaus noch zu empfehlen.
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    20.02.2018
    22:15 Uhr