Die Oscarnominierungen 2019 stehen fest.
Bilder: Constantin Film, Studio Canal Fotos: Constantin Film, Studio Canal
  • Bewertung

    Figuren aus Pappmasche in wahrer Begebenheit

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2018
    „Dieser Film beruht auf wahren Ereignissen“ ist dem Titel vorgeblendet. Fast wie eine Warnung kommt das daher. Zumindest ich bin jedesmal skeptisch, wenn ein Film sich vornimmt Wirklichkeit authentisch und gültig vorzustellen. Aber diesem Teuferl auf der linken Schulter sitzt ein Engerl auf der rechten gegenüber, das mir das Lied singt von der Geschichte, die eben nur so zu erzählen ist. Stimmt schon: Um mit zeitgeschichtlichen Themen ein breites Publikum zu erreichen, hat man heutzutage offenbar nur zwei Möglichkeiten: man macht eine Doku die unter Umständen bald in der Nachtschiene eines Infokanals ein Zombieleben in ewigen Wiederholungen führt oder man versucht die Sache in Form eines bekömmlichen Spielfilmes schmackhaft zu machen.

    Letzteres war wohl hier der Plan. Aber auch wenn das junge Ensemble des Filmes ein wahrer Genuß ist (die allfälligen Hautunreinheiten tragen zur Glaubwürdigkeit bei), gelingt hier wie bei den meisten „Historienfilmen“ die Illusion nicht. Es gibt zwar offenkundig auch heute noch genug Drehorte, die nach „echter DDR“ aussehen, aber gerade im bemühten Anhäufen historischer Details schießt man hier oft übers Ziel hinaus. So stehen natürlich beim Feindsender hörenden Großonkel gut sichtbar Klaviernoten des ungarischen Nationalkomponisten Béla Bartok am Klavier, zu denen er sich bei der Nachricht von der Aufstandsniederschlagung bedeutungsschwanger umdreht; natürlich hört man im Treppenhaus der Schule einen Kinderchor den Pioniersuperhit „Unsere Heimat“ üben (noch dazu fehlerfrei!), während die verdächtigten Abiturienten einzeln zum Rektor gebeten werden. Und vieles mehr in dieser Art. Und zwischen diesen professionell-alltäglich drapierten Requisiten tun die Figuren Dienst und erfüllen ihre Rollen. Selbst das Personenverzeichnis scheint aus dem Lehrbuch zu stammen: der um seine Stelle besorgte Rektor, sein ehrgeiziger Lehrerkollege, der verhärmte Minister (Typ "Alter Kämpfer") und auch unter den Schülern sind alle Stereotypen vertreten: die besten Freunde samt dazwischenstehender Freundin, das schüchtern brave Zwillingspaar, der intellektuelle Freak, der obrigkeitshörige Pflichterfüller...
    Aber der Film hat auch seine beindruckenden Momente, besonders dann wenn die Schüler einzeln, ohne die schützende Klassengemeinschaft von der Kreisleiterin verhört werden. Kurz meint man zu fühlen, was es bedeutet einem Staat auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, wenn die Schüler nach allen Regeln der Kunst unter Druck gesetzt und gegeneinander ausgespielt werden. Dankenswerterweise schweigt in diesen Szenen endlich auch einmal die schwülstige Filmmusik.

    Man gab sich auch Mühe nicht all zu sehr schwarz-weiß zu malen: fast jeder der sozialistischen Helden hat eine leidvolle Vergangenheit im NS-Regime erlebt, die seine Härte den Schülern gegenüber erklärt, umgekehrt heisst's, dass nicht alle SS-Großväter böse gewesen wären. Trotzdem bleiben die Figuren etwas starr und stereotyp. Ja und eine melodramatische Rivalität der beiden Freunde um eine Klassenkameradin musste dann offenbar auch ins Drehbuch um Quote zu sichern.

    Wenn auch nicht so übertrieben zuckerlbunt und realitätsfern wie frühere Ansätze: „Das schweigende Klassenzimmer“ bringt einmal mehr DDR-Vergangenheit in Cinemascope. Streckenweise unterhaltsam, ja sogar bewegend. Künstlerisch kein großer Meilenstein, aber als Lehrfilm in Abschlussklassen durchaus noch zu empfehlen.
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    (Michael Gegenhuber)
    20.02.2018
    22:15 Uhr