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70.6% Bewertung
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    Ein bisserl Blasphemie macht net hie.

    Wenn Gott den Menschen nach seinem Bildnis schuf - wie sieht dann dieser Gott wohl aus, und wie ist sein Charakter?

    Das Weltgeschehen und die Menschheitsgeschichte lassen für den Filmemacher Jaco Van Dormael nur den Schluss zu, dass Gott wohl ein patriarchaler Grantscherben mit sadistischen Neigungen sein muss. Im Film "Das Brandneue Testament" lebt genau dieser Gott in Brüssel und tyrannisiert neben der Menschheit auch seine Frau und Tochter mit seinen Launen. Die pubertierende Tochter Ea beschließt, sich so wie einst ihr Bruder "JC" gegen den Vater aufzulehnen und in das Schicksal der Menschen einzugreifen ...

    Sympathische Komödie rund um die Erkenntnis, dass heute der letzte Tag vom Rest Deines Lebens ist.
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    28.01.2016
    12:25 Uhr
  • Bewertung

    Catherine „Jane“ Deneuve in moralischer Komödie über Lebenssinn

    Sie warten auch schon lange auf die erlösende Nachricht mit ihrer zu erwartenden Lebenszeit?

    Die kleine Ea, Tochter von Gott (Benoît Poelvoorde), schreibt einfach jedem auf der Welt eine SMS mit seiner verbleibenden Zeit und schaut mal was passiert.

    Der belgische Regisseur Jaco van Dormael macht den Einstieg in die Geschichte leicht mit der Stimme der neunjährigen Ea (süss Pili Groyne) die fast durchgehend in der ersten Person erzählt.

    Nachdem Ea sich nicht mit ihrem Vater versteht, bricht sie aus der elterliche Wohnung voller Verbote, die sie noch nie verlassen durfte, aus. Aber nicht ohne Rache an ihrem Vater zu üben.
    Gott ist nämlich eigentlich böse! Als Patriarch bestimmt er die Regeln in seiner konservativen Kleinfamilie und wird der Tochter mit seinen gewalttätigen (und angedeutet pädophilen) Marotten zum Alptraum. Reflektiert wird auch die Schöpfungsgeschichte mit unerwarteten Bildern von Giraffen auf Großstadtkreuzungen, Straußen im Supermarkt (was offensichtlich nicht passt), und Adam und Eva, die als Eltern eine Menschheit erschaffen, die sich im Namen Gottes gegenseitig bekriegt.
    Damit trifft der Filmemacher ein brandaktuelles Thema: die Instrumentalisierung von Religion und ihre Auswirkungen in der globalisierten Welt.
    Ea macht den Computer von Gott, das Spielzeug, mit dem er sich seine Langeweile vertrieben hat und so die Menschenwelt erschaffen hat, unbrauchbar und nimmt ihm so alle Macht.
    Tipps gibt ihr dabei der coole große Bruder Jésus (David Murgia), der eigentlich schon tot ist, aber auf ihrem Regalbrett manchmal aus seinem Verbleib als Ministatue hervortritt um seiner Schwester Mut zu machen.
    Eine humorvolle Idee, wie er so auf Augenhöhe mit ihr redet, und doch auf skurrile Art klein ist.
    Das Ausbrechen aus der eigenen Familie in der man unglücklich ist, spricht sicher viele Teenager an und ist traumhaft dargestellt mit einem Tunnel in der Rückwand der Waschmaschine. Dieser enge Gang , durch den das Kind perfekt passt ist fast so mystisch wie in „Coraline“, bei dem es auch um ein Mädchen geht, das aus der eigenen Familie in eine bessere Welt flüchtet.
    In der Menschenwelt findet Ea, mit ihren glänzenden Kulleraugen und den naiven Fragen über Altwerden, Jungbleiben und Familie leicht Anschluss.
    Vor allem sucht und findet sie sechs Aposteln, deren Geschichten sie im „brandneuen Testament“ von ihrem Weggefährten, dem obdachlosen Victor aufschreiben lässt. Zum Beispiel die Geschichte der gelangweilten Martine (Catherine Deneuve), die zuerst mit einem Jungen von der Straße für Geld schläft und dann mit einem Gorilla aus dem Zoo (den sie sich einfach kauft).
    Durch die Begegnungen dieses Wunderkindes verändert sie nicht nur das Leben der Menschen mit denen sie redet, sondern auch ihr eigenes. Sie verliebt sich in Willy, den Jungen, der ein Mädchen sein will, als er erfährt, dass er bald stirbt. Die Liebe ist ein wichtiges Thema in diesem Film, bei Tieren wie bei Menschen, wirkt bei den Kindern doch etwas gestellt. Die beiden bauen sich ihre Wunderwelt in einem halb verfallenen Haus und tanzen kindlich zu Rock’n’Roll Musik. (Erinnert stark an die zwei kleinen Rebellen in Moonrise Kingdom von Wes Anderson).
    Doch vor Gott ist man nicht lange sicher, und da Brüssel nicht groß ist, hat Eas Vater sie bald gefunden und will Rache. Die einzige Lösung in der Not: einfach mal so über Wasser gehen. Sehr amüsant anzusehen, wie der nun machtlose Gott beim Nachahmungsversuch in den Fluss platscht.

    Hier werden massig visuelle Effekte, vor allem Unschärfen eingesetzt, um die Erzähler, die gefundenen Aposteln jeweils in den Vordergrund zu versetzen. Ist es heutzutage wirklich so schwer für den normalen Kinogeher, zu verstehen, wer im Bild der Erzähler ist? Viel Phantasie braucht man jedenfalls nicht, da einem alles haargenau erklärt und gezeigt wird.
 Diese Optik ist mir persönlich zu geschönt und kitschig, so dass ich den Film nicht ohne Zweifel, ob das wirklich nötig ist, betrachten konnte.
    Alles wird romantisiert und idyllisch gemacht, jeder (ausser Gott) ist eigentlich lieb, vor allem aber Ea, die sich sanft an die Schulter der Menschen legt um die Melodie des Herzens zu hören, und sogar als Übersetzerin von verliebten Tieren dient. 
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    15.01.2016
    17:04 Uhr
  • Bewertung

    Verweist in der Umkehr auf das Eigentliche

    In diesem Film ist einfach nichts so, wie es sein soll - in der Welt. Die Menschen fristen ein unglückliches Leben, weil Gott, von dem sie doch glauben (wenn sie an ihn glauben), dass er ihnen Gutes will und im Großen und Ganzen einen an sich positiven Plan verfolgt. Mitnichten. In einem verrauchten und düsteren Büro sitzt Gott hinter seinem PC Baujahr Sintflut, Betriebssystem Prä-PacMan und steuert mit seiner vom Nikotin gelb verfärbten Microsoft-Maus das Schicksal der Menschheit in den Abgrund. Kein Wunder, dass seine Tochter Ea davon und von seinen Zornausbrüchen die Schnauze voll hat. Wer nicht? Niemand kann an dieser göttlichen Figur etwas Sympathisches finden und das ist, wie auch der übrige Verlauf des Filmes, seinem Konzept verschuldet. In der konsequenten und über die Grenzen des Bizarren und Grotesken hinaus Umkehr aller Verhältnisse von Schwarz nach Weiß und von Gut nach Böse macht er den Gott im Film lächerlich - und das zu recht. Gleichzeitig verweist jede Umkehr ins Umgekehrte zugleich auf das Urbild, von dem die Verzerrung entstand und damit auf künstlerisch wertvolle und größtenteils faszinierende Weise auch auf die wahren Akteure des Glücks auf der Welt: auf uns selbst. Und nicht, weil wir Gott dabei nicht mehr brauchten oder weil wir ohne Transzendenzbezug besser dran wären. Das Gute und Schöne in der Welt kehrt durch Ea und durch ihre Mutter, die sich aus ihrer von Gott im Film verschuldeten Abgestumpftheit befreit haben, zurück. Aus dieser Perspektive heraus lohnt sich der Film ganz gewaltig, ohne entsprechende Auseinandersetzung geht seine Kritik aber ins Leere und sein Humor bleibt nur sehr oberflächlich und immer wieder sehr banal. Wir alle können es besser als ein Gott, den wir ohne selbst aktiv zu werden oder Haltung zu beziehen, schalten und walten lassen. Daran erinnert zu werden, ist zumindest ein guter Anfang.
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    14.01.2016
    23:12 Uhr
  • Bewertung

    Der böse Gott

    Gott existiert und lebt mit Frau und Tochter in Brüssel. Das ist der Ausgangspunkt für diese Groteske. Die Komik kommt von der Tatsache, dass hier alles ins Gegenteil verkehrt wird. Alles entwickelt sich anders als erwartet. Hier ist Gott (Benoit Poelvoorde) nicht ein Liebender sondern ein Hassender. Er säuft, randaliert und tyrannisiert seine Familie. Tochter Éa (Pili Groyne), die die ganze Geschichte erzählt, hält es zu Hause nicht aus und haut ab, nicht ohne vorher Gottes PC zu manipulieren. Sie begibt sich auf die Suche nach weiteren Aposteln (optische Ergänzungen zu Da Vincis Abendmahl). Viele nette Ideen – vor allem die vom cholerischen Gott – bieten amüsante Unterhaltung. Der Knaller ist natürlich Catherine Deneuve im Bett mit einem Riesengorilla. Daneben kommen aber auch schon mal zartfühlende Elemente zum Tragen, wenn die kleine Éa in die Menschen hineinhört. Außer der inneren Klassik bietet der Score sehr abwechslungsreiche Songs von Jacque Brel bis Adamo. Ein Pluspunkt dieses Films ist die Tatsache, dass er grenzenlose Überraschungen enthält, aber stets bei aller Absurdität mit einem Bein am Boden bleibt, Bibel her oder hin. Und das konsequent durchhält. Und am Ende wird sogar noch einer draufgesetzt, wenn Frau Gott (unglaublich Yolande Moreau) nicht nur den Stecker von Gotts PC zieht, weil sie staubsaugen muss, sondern auch noch alles neu und besser macht, als es unter ihrem Mann dem gemeingefährlichen Loser war.
    Ein intelligenter Spaß keineswegs für bibeltreue Christen, aber vielleicht für einen Auslands Oscar.
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    11.01.2016
    10:58 Uhr