Flee

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juliap (21.02.2021 20:10) Bewertung
Ein Leben mit der Lüge
Exklusiv für Uncut vom Sundance Film Festival
Im Rahmen des Sundance Film Festivals mit dem Grand Jury Prize in der Kategorie „World Cinema Documentary“ ausgezeichnet, erzählt der animierte Film „Flee“ die bewegende und zutiefst erschütternde Biografie des afghanischen Flüchtlings Amin, der ein alter Schulfreund des Regisseurs Jonas Poher Rasmussen ist. Bereits vor der Weltpremiere wurden Nikolaj Coster-Waldau und Riz Ahmed als ausführende Produzenten angekündigt, sie werden den beiden Figuren auch in der englischen Synchronisation ihre Stimmen leihen, die Rechte am Filmvertrieb hat sich Neon gesichert. In einer für eine Dokumentation sehr ungewöhnlichen Erzählweise und einer unvergleichlich innovativen Mischung zweier Animationsstile erzählt Protagonist Amin erstmals von der Lebenslüge, die er jeden Tag seines Lebens mit sich tragen muss.

Die Dokumentation folgt zunächst Regisseur Jonas, der sich nach langer Zeit wieder mit seinem Freund Amin trifft, welcher nach seiner Flucht aus Afghanistan in Dänemark Zuflucht fand und ein Klassenkollege von Jonas wurde. Anfangs zögerlich, begibt sich Amin auf eine gedankliche Reise zurück in seine frühe Kindheit, als er gemeinsam mit seiner Familie ein glückliches Leben in Afghanistan führte. Nachdem der Vater als möglicher politischer Dissident entführt wurde (und bis heute als verschwunden gilt) fühlt sich die Familie zunehmend unwohl. Als es für die Familie zu brenzlig wird und Amins großer Bruder in den Krieg eingezogen werden soll, beschließen sie schweren Herzens alles zurückzulassen und fliehen das Land. Die Familie landet in Russland, doch ohne Papiere ist es ihnen vorerst nicht möglich weiterzureisen und auch dort werden sie von der Exekutive als Menschen zweiter Klasse behandelt. Aber die Hoffnung auf ein Leben ohne Angst überwiegt und so gelingt es ihm schließlich nach mehreren gescheiterten Versuchen in Europa anzukommen, doch der Preis für die neu gewonnene Freiheit ist hoch. Amin, der mittlerweile ein erfolgreicher Wissenschaftler ist, steht kurz davor seinen Verlobten zu heiraten, doch die Schatten seiner Vergangenheit sind nur schwer überwindbar.

Animierte Dokumentationen gab es in jüngster Vergangenheit immer wieder mal (z.B. „Waltz with Bashir“), und auch wenn es bei „Flee“ primär darum geht auf diese Weise die wahre Identität von Amin geheim zu halten, so ist die visuelle Gestaltung des Films in vieler Hinsicht spektakulär und künstlerisch enorm aufwendig. Während Amins Alltag in einem dem Realismus nahen Stil dargestellt wird, werden emotional aufgeladene Momente, insbesondere eine besonders eindrückliche Szene am Flüchtlingsboot, beinahe expressionistisch mit wenigen Pinselstrichen dargestellt, die die enorme Wucht der Situation besonders immersiv und eindringlich machen. Durch diese innovative Herangehensweise fühlt sich „Flee“ weniger wie ein Dokumentarfilm und mehr wie ein Spielfilm mit besonderer Authentizität an, eine Tatsache die dem Werk eine großen Vorteil gegenüber konventionellen Dokumentarfilmen gibt.

Der Film beleuchtet nicht nur die Flucht selbst, sondern geht auch Fragen nach, die in diesem Zusammenhang nicht so oft gestellt werden: Wie fühlt sich ein junger, homosexueller Mann ganz allein in einem ihm völlig fremden Land? Wie kann es gelingen ein jahrelanges Trauma zu überwinden und nach neuem Glück zu suchen? Fragen, die Amin nur bedingt beantworten kann, zu lange hat er die damaligen Geschehnisse unterdrückt und geheim halten müssen. Selbst seinem Verlobten, mit dem er seit mehreren Jahren eine glückliche Beziehung führt, hat er einen großen Teil seines Lebens vorenthalten, zu groß ist seine Angst vor den Konsequenzen. Im Laufe des Films entsteht so das Bild von Amin als außergewöhnlich einfühlsamer, intelligenter Mann, der endlich mit der Vergangenheit abschließen möchte, um sein wohlverdientes schönes Leben im Diesseits endlich genießen zu können.

Dass man von „Flee“ noch sehr viel hören wird, scheint unumstritten, so groß war das internationale Echo nach der Premiere. Was für Preise Rasmussens Werk kommendes Jahr auch gewinnen sollte, der Film verdient sie auf alle Fälle. „Flee“ ist nicht einfach nur die Geschichte von Amin, sondern ein tief bewegendes Gesamtkunstwerk, das sich herausnimmt zu hinterfragen, wo die Grenzen des Dokumentationsgenres liegen und diese auch austestet. Klug, mitreißend und bemerkenswert – eine sensationelle Entdeckung am Sundance!
 
 

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