Filmkritik zu No Bears

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    Ein Dorf an der Grenze

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Panahi spielt wieder mal sich selbst. Der iranische Regisseur, der in der Vergangenheit bereits zahlreiche systemkritische Filme veröffentlichte, stellt auch in „No Bears“ politische und gesellschaftliche Fragen, die sich nicht Viele zu stellen trauen. Bereits 2010 wurde er deshalb unter dem Vorwurf, Propaganda gegen das iranische Regime zu betreiben, zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt, die er nun im Juli 2022 antreten musste – kurz bevor „No Bears“ seine Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig feierte.

    Jafar Panahi mietet in einem kleinen Dorf an der türkischen Grenze eine Hütte von dem zuvorkommenden Ghanbar (Vahid Mobaseri). Von dort aus versucht Panahi aus der Ferne einen Film zu drehen, in dem das Paar Zara (Mina Kavani) und Bakhtiyar (Bakhtiyar Panjeei) die gemeinsame Flucht nach Frankreich plant. Die schlechte Internetverbindung im Dorf macht dem Regisseur jedoch einen Strich durch die Rechnung, weshalb er sich direkt vor Ort auf die Suche nach interessanten Geschichten und Bildern begibt. Bald stößt er auf eine Tragödie, die aufgrund der dort herrschenden Heiratspolitik sowie alteingesessener Vorstellungen über das Dorf hereinzubrechen droht.

    Die erste Szene, mit der wir in „No Bears“ konfrontiert werden, ist ein Dialog zwischen dem augenscheinlichen Paar Zara und Bakhtiyar, die über die gefälschten Pässe für ihre Flucht diskutieren. Wenn allerdings plötzlich aus dem Off „Cut!“ zu hören ist, wird schnell klar, dass es sich um einen Filmdreh handelt. Die Spielerei mit der Perspektive findet hier aber noch lange nicht ihr Ende, da diesem fiktiven Filmdreh wiederum Jafar Panahi als Zuschauer dient, der als eine filmische Version seiner selbst über ein Videotelefonat zugeschaltet ist. Immer wieder werden metafiktionale Grenzen durchbrochen, die die Handlung zwischen fiktionalem Film und (zumindest vorgetäuschter) Dokumentation einpendeln.

    Panahis neuestes Werk erinnert in mancher Weise an seinen Vorgängerfilm „Drei Gesichter“, in dem der Regisseur ebenfalls Gast einer bestimmten, ihm fremden Gegend ist. Auf subtile und ruhige Weise lässt er dabei stets ein Bild von den Sitten und Bräuchen entstehen, ohne dabei allzu viel zu kommentieren. Viel eher lässt er die Bilder für sich selbst sprechen. Diese stammen, genauso wie in „Drei Gesichter“, von Kameramann Amin Jafar (der u.a. auch mit Jafar Panahis Sohn Panah Panahi „Hit the Road“ drehte), der es immer wieder schafft, Aufnahmen einzufangen, die besonders lange nachklingen. Der Film imitiert so auf äußerst effektive Weise die Realität, die in Panahis Geschichten stets greifbar ist. Genau hier übt Panahi aber auch Selbstkritik, indem er die Rolle von Regisseur*innen, die aus dramaturgischer Sicht stets Veränderungen an der Realität vornehmen können und somit oftmals eben nicht die schonungslose Wirklichkeit abbildet, hervorhebt.

    Zwischendurch gibt es in „No Bears“ aber auch amüsante Momente, vor allem in Zusammenhang mit der ulkigen, wenn auch liebenswürdigen Figur Ghanbar. Ein Highlight des Films macht die Szene aus, wenn ihm Jafar Panahi seine Kamera in die Hand drückt und ihn so den Hochzeitsbrauch der Fußwaschung filmen lässt. Auch hier scheint der angestrebte Authentizitätscharakter stark präsent. Und im Endeffekt beschreibt der Titel „Khers nist“ („Es ist kein Bär“) bereits alles, was man über den Film wissen muss: Damit die Bewohner*innen nachts nicht alleine herumwandern, wurde vor einer nicht vorhandenen Gefahr durch Bären gewarnt. Aber nicht die Bären stellen die größte Gefahr im Dorf dar, die Bedrohung liegt ganz woanders.

    Gerade aufgrund der politischen Lage im Iran sind Filmemacher*innen wie Jafar Panahi besonders wichtig. Dass er aufgrund seiner wichtigen filmischen Arbeiten nun eine Haftstrafe verbüßen muss, scheint unbegreiflich.
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    (Marion Schlosser)
    28.10.2022
    22:44 Uhr