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    Wenn die biologische Uhr tickt

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Wann ist man eine Mutter? Wenn man gebärt? Wenn man ein Kind erzieht? Wenn man es mit viel Liebe versorgt? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich Rebecca Zlotowskis „Other People’s Children“, ein Film, der das Muttersein aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Hochkarätig besetzt mit Stars des französischen Kinos (Virginie Efira, Roschdy Zem, Chiara Mastroianni) bietet er außerdem eine Bühne für die Kinderdarstellerin Callie Ferreira-Goncalves, die mit ihrer Performance geradezu entzückt!

    Die Lehrerin Rachel (Virginie Efira) lernt im Zuge eines Gitarrenkurses den Autodesigner Ali (Roschdy Zem) kennen. Die beiden verabreden sich und werden wenig später ein Paar. Nachdem ihr der Frauenarzt Druck mit dem Kinderkriegen macht, beginnt sich die Vierzigjährige schon bald eine mögliche Familie mit Ali vorzustellen. Dieser hat jedoch bereits ein Kind aus seiner gescheiterten Beziehung mit Alice (Chiara Mastroianni). Rachel kümmert sich fortan um die kleine Leila als wäre sie ihr eigenes Kind, holt sie vom Karatekurs ab oder fährt gemeinsam mit dem Vater-Tochter-Gespann auf Familienurlaub. Letztendlich scheint sie aber doch nur eine Außenseiterrolle in der neuen Familienstruktur einzunehmen.

    Die Probleme, die dabei auftreten, werden in „Other People’s Children“ stets unterschwellig behandelt. Nichts wird direkt angesprochen, jegliche Konfrontation ausgelassen. Bis das emotionale Limit erreicht ist. Oft auf Seiten Rachels, deren innere Zerrissenheit durch Efira phänomenal dargestellt wird. Ein verletzter Blick reicht, um die Ausmaße ihres Leids greifbar zu machen. Während die Schauspielerin mal wieder ihre Wandlungsfähigkeit beweist, fallen die vorgegebenen Dialoge jedoch eher flach aus. Es fallen Sätze, von denen man meint, sie schon tausendfach im Kino gehört zu haben. Die Szenen, gerade zwischen Ali und Rachel als frisch verliebtes Paar, wirken außerdem stark überzeichnet.

    Positiv hervorzuheben sind aber so manche erzählerischen Aspekte, vor allem wenn es um die Dynamiken zwischen den einzelnen Charakteren geht. Der Film verzichtet beispielsweise auf stereotype Streitereien zwischen der Ex-Frau und der neuen Freundin eines Mannes oder liefert eine realistische Reaktion eines Kindes auf die neue Partnerin seines Vaters. Callie Ferreira-Goncalves stellt sich dabei als regelrechter Szenendieb heraus. Schade ist nur, dass die Regisseurin dann doch wieder einem vorhersehbaren Ende den Vorrang gibt.

    Insgesamt wirkt „Other People’s Children“ ohnehin zu brav und wird seinem künstlerischen Anspruch nicht ganz gerecht. Zlotowski, die auch das Drehbuch geschrieben hat, geht sowohl dramaturgisch als auch gestalterisch eher auf Nummer sicher als dass sie das mögliche Potential des Films vollkommen ausnützt. Das erste Bild, mit dem wir beispielsweise konfrontiert werden, ist der Eiffelturm bei Nacht. Und da fragt man sich schon: kann ein französisches Drama generischer beginnen?

    Letztendlich ist „Other People’s Children“ ein ganz nettes Familiendrama, das sich, vor allem dank Virginie Efira nicht als völliger Reinfall entpuppt. Nicht mehr, nicht weniger.
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    (Marion Schlosser)
    31.10.2022
    23:16 Uhr