Filmkritik zu Holy Spider

Bilder: Alamode Film Fotos: Alamode Film
  • Bewertung

    Der Spinnenmörder von Maschhad

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Der im Iran aufgewachsene und heute in Dänemark lebende Ali Abbasi hat nach seinem internationalen Erfolgshit „Border“ einen Film gedreht, der sich mit einem bekannten iranischen Kriminalfall der frühen 2000er beschäftigt. In „Holy Spider“ steht allerdings nicht nur ein Gewaltverbrechen im Fokus, sondern auch eine Journalistin, die sich mit konservativen Gesellschaftsstrukturen konfrontiert sieht; in einem Land, in dem die Moralpolizei alles und jeden überwacht. Gerade im Hinblick auf die aktuellen Proteste rund um den Tod der jungen Iranerin Mahsa Amini scheint dies relevanter denn je.

    Maschhad, Anfang der 2000er: Die Journalistin Rahimi (Sahra Amir Ebrahimi) reist in die heilige islamische Stadt, um eine Reihe von Morden an jungen Prostituierten zu untersuchen. Die Polizei erweist sich hierbei als wenig hilfreich, der Kriminalreporter Sharifi (Arash Ashtiani) versorgt Rahimi jedoch mit nützlichen Hinweisen. Schon bald kommt die furchtlose Reporterin dem von der Presse als „Spinnenmörder“ bezeichneten Serienkiller (Mehdi Bajestani) auf die Spur - einem selbsternannten „heiligen Kämpfer gegen die Unmoral“.

    „Sie hat ein Zimmer reserviert, ist aber nicht verheiratet“: bereits die Ankunft in Maschhad birgt für Rahimi als alleinreisende junge Frau die ersten Hürden mit sich. Die Journalistin, die sich im Laufe der Handlung durchwegs gegen aufdringliche oder bevormundende Männer behaupten muss, weiß sich aber stets durchzusetzen und bildet vor allem aufgrund ihres taffen Charakters den hoffnungsvollen, festen Anker von „Holy Spider“. Die Gegebenheiten werden allerdings nicht nur aus ihrer Sicht erzählt, sondern auch aus der des Spinnenkillers selbst (und zu Beginn auch aus der eines Opfers). Der ständige Wechsel zwischen Hauptfigur und Antagonist trägt zu einer besonderen Atmosphäre bei, die bereits in der formidablen Eröffnungsszene etabliert wird. Gleich zu Beginn sieht man nämlich den ersten (expliziten) Mord - weitere sollen im Laufe der Handlung noch folgen - der von dem Spinnenkiller reuelos und geradezu mechanisch durchgeführt wird. Wenn der Mörder dann die Leiche seines Opfers, eingewickelt in einem Tschador, auf sein Motorrad bindet und auf dem Weg zu deren Entsorgung die Skyline Maschhads prominent im Fokus steht, während die Opening Credits eingeblendet werden, kann man jedenfalls von einer äußerst eindrucksvollen Titelsequenz sprechen.

    Hier hört man auch das erste Mal das unheilvolle Dröhnen, das den gesamten Film begleiten wird und vor allem in der ersten Hälfte für einen besonderen Spannungsaufbau sorgt. Die Handlung von „Holy Spider“ scheint generell auf zwei Parts aufgeteilt zu sein. Der erste ist eher als Thriller angelegt, in dem die Morde begangen werden, den zweiten könnte man ins Subgenre des Gerichtsdrama einordnen. Während man im ersten Teil vor allem mit direkter Gewalt konfrontiert wird, wird man im zweiten Zeuge von einem ganz anderen Horror: der Rechtfertigung der Taten eines Mörders unter dem Vorwand der Einhaltung der Moral. Ein erschreckendes Bild liefert Abbasi hier dann auch anhand des Umgangs der Bevölkerung mit dem Kriminalfall.

    Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb erscheint „Holy Spider“ etwas zerstückelt, da die Aufteilung des Films in Tätersuche/Gerichtsprozess einen inhomogenen Eindruck hinterlässt. Abbasi schafft es aber dennoch – gerade auch dank der großartigen Hauptdarstellerin Sahra Amir Ebrahimi, die für ihre Rolle sogar in Cannes ausgezeichnet wurde – einen bedrückenden Einblick in den bekannten iranischen Kriminalfall des „Spinnenmörders“ zu geben und liefert mit seinem Film ein eindrucksstarkes Bild einer patriarchalischen Gesellschaft, die sich immer stärker in Moralvorstellungen verliert.
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    (Marion Schlosser)
    04.10.2022
    19:09 Uhr