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  • Bewertung

    Eine marxistische Vampirkomödie

    Exklusiv für Uncut vom International Film Festival Rotterdam
    Egal ob „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ oder „Ein proletarisches Wintermärchen“: die Filme von Julian Radlmaier spalten aufgrund ihrer unkonventionellen Machart oftmals die Gemüter. Eine gewisse originelle Herangehensweise ist dem Regisseur dabei aber gewiss nie abzusprechen. Während er in seinem Kurzfilm „Ein Gespenst geht um in Europa“ beispielsweise die Idee der Geister aus dem „Kommunistischen Manifest“ verarbeitete, griff er in seinem neuesten Werk, „Blutsauger“, abermals auf eine marxistische Metapher zurück – und ließ dieses Mal die Vampire aus „Das Kapital“ auferstehen.

    An einem Dienstag im August 1928 kommt ein mysteriöser Baron (Alexandre Koberidze) in eine deutsche Küstenstadt. Das idyllische Örtchen wird u.a. von der reichen Gutserbin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg) bewohnt, die dem Fremden bei sich Unterschlupf gewährt – sehr zum Missfallen ihres Assistenten Jakob (Alexander Herbst), der unsterblich in seine Vorgesetzte verliebt ist. Der neue potentielle Konkurrent stellt sich jedoch schnell als Schwindler heraus und gibt sich als der Schauspieler Lyovuschka zu erkennen, der in seiner sowjetischen Heimat unter Stalins Führung in Ungnade gefallen war und deshalb nun davon träumt, in Hollywood Karriere zu machen. Während sich Octavia dazu entschließt, Lyovuschka bei seinem Unterfangen zu helfen, treibt sich in der Umgebung derweil ein Vampir herum, über den nicht nur der ortsansässige „marxkritische Marx-Lesekreis“ heftig debattiert.

    „Marx sagt ja schon direkt, dass der Kapitalist Blut saugt“. Der Einstieg in Julian Radlmaiers Vampirkomödie ist ebenso direkt wie der Verweis auf Marx selbst - auch in seinem Vorhaben, die der Handlung zugrundeliegende Vampir-Metapher möglichst frühzeitig zu erwähnen. Wenn der Beginn allerdings bereits so deutlich die Kernaussage des Films umreißt, fragt man sich vielleicht zu Recht, was denn da überhaupt noch alles kommen mag. Im Falle von „Blutsauger“ sei gesagt: so einiges!

    Während Marx‘ Aussage natürlich metaphorisch zu verstehen war, stellt sich Julian Radlmaier die Frage, was passiert, wenn man diese wortwörtlich umsetzt. Statt ausbeuterische Kapitalisten gibt es nun Vampir-Kapitalisten. Klingt spannend? Ist es auch. Der Regisseur spielt nämlich bewusst mit dramaturgischen Konventionen und bricht dabei gewohnte Erzählmuster, wobei das Ergebnis dann fast schon brechtsche Ausmaße annimmt. Manches funktioniert dabei gut, manches weniger. Sehr spannend erscheint so zum Beispiel die Verwendung von Anachronismen, die sicherlich eine der interessantesten Aspekte der Vampirkomödie ausmachen. So ist neben dem Setting der 1920er Jahre auch die ein oder andere Coca-Cola-Dose, eine Kawasaki oder moderne Sneaker zu finden, wodurch die verschiedenen Zeiten auf interessante Art und Weise miteinander verwoben werden.

    Der gezwungen hölzerne Schauspielstil mancher Personen wirkt mit der Zeit hingegen schnell ermüdend und fungiert eher als gut gemeintes Mittel zum Zweck. Insgesamt sprüht „Blutsauger“ zwar geradezu vor kreativen Ideen, diese gliedern sich allerdings nicht immer lückenlos ineinander ein, gerade auch in Anbetracht ihrer kapitelweisen Aufteilung. Der Film beginnt zwar äußerst vielversprechend, zieht sich mit der Zeit allerdings zunehmend und verliert sich gegen Ende dann in seiner eigens provozierten Unordnung. Der/die Kapitalist*in als Vampir*in – eine wahrgewordene Metapher, die dann vielleicht doch zu offensichtlich dargeboten wird?

    Vielleicht. Lilith Stangeberg glänzt allerdings in ihrer Rolle als extravagante Fabrikbesitzerin und Alexander Herbsts Assistent liefert einige famose Momente in puncto Situationskomik. Und auch der frivol schimpfende Kakadu namens Nebuchadnezzar stellt ein wahres, wenn auch flüchtiges Highlight dar. Ein spannendes Filmerlebnis ist „Blutsauger“ also allemal, wenngleich es sicherlich nichts für jede/n ist. Gerade als Ablehnungsstück klassischer Erzählmuster historischer Dramen funktioniert es aber immerhin recht gut. Und wann bekommt man sonst eine ungewöhnliche Ostsee-Romanze, verloren in den Zeiten, zwischen Dracula und Kapitalismuskritik geboten?
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    (Marion Schlosser)
    03.06.2021
    13:13 Uhr