Filmkritik zu Petite Maman

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Einfühlsames Generationendrama

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2021
    Céline Sciamma, die 2019 noch mit ihrem „Porträt einer Frau in Flammen“ für Begeisterung gesorgt hatte, kehrt mit einem einfühlsamen Generationendrama zwischen Mutter und Tochter zurück zur Berlinale. Dieser Wandel von der Kindheit ins Erwachsenenleben ist ein Thema, mit dem sich Sciamma schon öfters auseinandergesetzt hat und das sich fließend durch ihre Filmografie webt. Ähnlich wie „Water Lilies“ und „Tomboy“ wird die Geschichte aus der Perspektive eines Kindes erzählt. Kombiniert mit Sciammas erwachsener Melodik, die über dem Ganzen schwebt, verwandelt sich der Film in eine bittersüße Angelegenheit, eine Kombination aus kindlicher Neugier und erwachsener Melancholie.

    Ein achtjähriges Mädchen, Nelly (Joséphine Sanz), ist dabei sich von den Bewohnern eines Pflegeheims zu verabschieden, während ihre Eltern das Zimmer ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter ausräumen. Ihre Mutter Marion (Nina Meurisse) scheint mitgenommen und es fällt Nelly zu, sich mit ihrer kindlich ernsten, aber auch liebevollen Natur in dieser Zeit des Trauers aufzufangen. Das Band zwischen Mutter und Tochter, das Nelly und Marion verbindet, ist die Rettungsleine zu jenem, das gerade zwischen Marion und ihrer Mutter gekappt wurde.

    Als nächste Etappe landen Nelly, Marion und Nellys Vater (Stéphane Varupenne) in Marions Elternhaus, um die letzten Erinnerungen an die Großmutter einzupacken oder wegzuschmeißen. Die Erinnerungen werden zu viel für Marion, und sie verschwindet über Nacht, um Nelly und ihren Vater die Arbeit beenden zu lassen.

    Nelly hingegen nutzt die Zeit, um die vor dem Haus liegenden Wälder zu erkunden und den Platz zu suchen, an dem ihre Mutter als Kind vor einer wichtigen Operation eine Festung gebaut hatte. Im Wald trifft sie ein junges Mädchen, das genauso aussieht wie sie und sich Marion (Gabrielle Sanz) nennt. Die beiden verbindet sofort ein besonderes Verständnis. Doch die Parallelen gehen tiefer als das Aussehen. Die beiden interessieren sich für die gleichen Sachen, die gleichen Spiele, denken sogar ähnlich. Die Verbindung, von einer abstrakten Mutter-Tochter Beziehung hin zu einer Parallelität der Figuren.

    Sciamma verleiht diesen Momenten eine gewisse Märchenqualität, ein Idealismus zwischen kindlicher Reifung und erwachsener Nostalgie für vergangene Idylle. Die Umgebung, Sciammas ist selbst in der Nähe der Wälder aufgewachsen, verleiht dem ganzen einen zusätzlichen mythischen Charakter. Die Ruhe der Natur wird ein eigener Spieler in diesem magischen Spiel der Zeiten und verleiht dem ganzen die nötige Erdung in der Wirklichkeit. Es sind auch die natürlichen Geräusche der Umgebung, die warmen Farben und das Vertrauen auf das Charisma der Zwillinge in den Hauptrollen, die dem Film seine emotionale Intimität verleihen.

    „Petite Maman“ ist ein persönlicheres, kleineres Projekt Sciammas, das sich auch in der Laufzeit widerspiegelt. Nur 72 Minuten begleitet der Zuseher Nelly und Marion auf ihren Streifzügen durch die Wälder. Daher wird der Film auch nicht denselben kulturellen Einfluss wie „Porträt einer Frau in Flammen“ haben. Was der Film jedoch vermag, ist seine Zuschauer in einer Situation abzuholen, die so alltäglich und doch emotional aufwühlend ist.
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    (Susanne Gottlieb)
    04.05.2021
    23:24 Uhr
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