Filmkritik zu The Prom

Bilder: Netflix Fotos: Netflix
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    Ein Abschlussball der Extraklasse

    Exklusiv für Uncut
    Serien-affinen Menschen sollte der Name Ryan Murphy normalerweise geläufig sein. Der Kopf hinter populären Serien wie „Nip/Tuck“, „Glee“ oder „American Horror Story“ gilt als einer der erfolgreichsten und mächtigsten Fernsehproduzenten im Showgeschäft. Nach seinen beiden Kino-Ausflügen mit „Krass“ (2006) und „Eat, Pray, Love“ (2011) sowie dem für den US-Bezahlsender HBO realisierten Drama „The Normal Heart“ (2014), hat der Erfolgsproduzent mit „The Prom“ nun seine erst vierte Spielfilm-Arbeit inszeniert. Beim Film handelt es sich um eine Adaption des gleichnamigen Broadway-Musicals von Matthew Sklar und Chad Beguelin. Entstanden ist das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Streaming-Giganten Netflix, für den Murphy in den vergangenen Monaten bereits die beiden Miniserien „Hollywood“ und „Ratched“ in die Wege geleitet hatte.

    Die tragikomische Musical-Verfilmung widmet sich einer Gruppe aufgeblasener Broadway-Schauspieler*innen, die einem aufgrund ihrer Sexualität ausgrenzten Mädchen dazu verhelfen wollen, gemeinsam mit ihrer Freundin beim Abschlussball tanzen zu können. Die beiden divenhaften Theater-Darsteller*innen Dee Dee Allen (Meryl Streep) und Barry Glickman (James Corden), die in ihrem Fach einst als Superstars galten, glauben ihre ruhmreichen Tage bereits hinter sich zu haben. Nachdem ihr neuestes Stück fast ausschließlich Verrisse kassiert hat, begeben sich die beiden Narzissten auf die Suche nach einer neuen Aufgabe. Um ihr angekratztes Image aufzupolieren, entscheiden sie sich dazu, der lesbischen Teenagerin Emma (Jo Ellen Pellmann), der ihrer sexuellen Orientierung wegen Unrecht getan wurde, auszuhelfen. Da die im US-Bundesstaat Indiana beheimatete Highschool-Schülerin nämlich gemeinsam mit ihrer Freundin zum geplanten Abschlussball gehen wollte, wurde die Veranstaltung von der höchst konservativen Mrs. Greene (Kerry Washington), der Vorsitzenden des Elternbeirats, gleich gänzlich abgesagt. Das kann die abgewaschene Broadway-Besetzung, der auch die Sängerin Angie Dickinson (Nicole Kidman) und der ehemalige Sitcom-Star Trent Oliver (Andrew Rannells) angehören, in ihrem geheuchelten Gerechtigkeitssinn natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Kurzerhand nehmen die vier die Reise nach Indiana auf sich, um der jungen Frau als Publicity-Stunt trotzdem noch einen angemessenen Ball zu bescheren. Tatsächlich finden die selbstverliebten Theaterstars jedoch schon bald ehrliches Gefallen daran, die Schülerin aus ihrer Misere zu befreien und etwas wirklich Gutes zu tun. Ausgerechnet die eingebildete Broadway-Diva Dee Dee Allen entwickelt gar romantische Gefühle für den charismatischen Schulrektor Mr. Hawkins (Keegan-Michael Key), der selbst großer Theater-Liebhaber ist. In der Zwischenzeit muss Emma realisieren, dass ihre Freundin Alyssa (Ariana DeBose), die die Tochter der erzkonservativen Mrs. Green ist, im Gegensatz zu ihr selbst noch nicht ganz dazu bereit ist, der Öffentlichkeit ihr wahres Ich zu zeigen…

    Wie schon das bisherige Schaffen Ryan Murphys, behandelt auch „The Prom“ vordergründig jugendliche Themen wie Herzschmerz, soziale Ausgrenzung und das Zurechtkommen mit der eigenen Sexualität. Der selbst offen schwule Regisseur nähert sich der im Zentrum stehenden Teenie-Romanze und dem sich anbahnenden Konflikt auf einfühlsame Weise an, mit der die Probleme und Sorgen der beiden Schülerinnen durchaus ernst genommen werden. Für die eigentlichen Charakterisierungen wurde jedoch tief in den Topf der High-School-Klischees und –Stereotypen gegriffen. In Anbetracht dessen, dass der Film ein ohnehin künstlich aufgebauschtes Gute-Laune-Musical sein möchte, sollte dies eigentlich kein großes Problem darstellen. Nur leider ist es genau diese Künstlichkeit, die in Kombination mit dem inkonsequenten Inszenierungsstil den ernsteren und intimeren Momenten emotionale Tragweite entzieht. Am unterhaltsamsten ist „The Prom“ dann, wenn er der aufgeplusterten Broadway-Riege und ihrem gekünstelten Aktivismus auf satirisch-überspitzte Art und Weise den Spiegel vorhält. Der Großteil der Starbesetzung kann in ihren Rollen auch voll und ganz überzeugen.

    Die große Meryl Streep beweist einmal mehr ihr komödiantisches Können, denn die Figur der selbstbeweihräuchernden Broadway-Diva Dee Dee Allen ist der dreifachen Oscar-Preisträgerin wie auf den Leib geschrieben. Der vielen eher als nerviger Talkshow-Moderator bekannte James Corden zeigt hier, dass in ihm auch noch ein durchaus talentierter Schauspieler mit waschechter Broadway-Erfahrung schlummert. Die Rolle des homosexuellen Musical-Stars Barry Glickman, dessen traurige Vergangenheit später via Flashbacks thematisiert wird, zählt zu den konstant lustigsten Charakteren im Film. Newcomerin Jo Ellen Pellman kann mit ihrer Darstellung der wegen ihrer Homosexualität diskriminierten Schülerin Emma ebenfalls überzeugen und die Chemie zwischen ihr und ihrer Filmpartnerin Ariana DeBose ist durchaus glaubhaft. Auch Comedian Keegan-Michael Key gibt als Rektor mit Gerechtigkeitssinn eine gute Figur ab. Nicole Kidman wird zwar weniger Screentime geboten als erwartet, jedoch bekommt sie immerhin zum ersten Mal seit Langem wieder die Gelegenheit, ihre eindrucksvolle Gesangstimme der Öffentlichkeit zu präsentieren. Lediglich Kerry Washingtons Darstellung der boshaft konservativen Mrs. Greene wirkt zu karikaturenhaft, um einen glaubhaften Eindruck zu hinterlassen.

    Die erinnerungswürdige Ästhetik gehört gleichzeitig zu den großen Stärken und Schwächen des Films. Der in Glitzer und kunterbunte Farben getränkte Look sieht zwar an sich schick aus, nach einer Zeit kann einem als Zuschauer durch den ganzen visuellen Zuckerguss aber auch schlecht werden. Murphy ist sichtlich daran bemüht das Publikum mit bombastischen Schauwerten zu überwältigen, erzeugt aber genau dadurch eine Ästhetik, deren Wirkkraft sich schnell abträgt und zur puren Reizüberflutung führt. Die eigentlichen Tanz- und Musical-Einlagen sind solide durchchoreographiert und werden von der Darstellerriege schwungvoll performt – so richtig in Erinnerung bleibt jedoch kaum ein Song.

    Auch auf narrativer Ebene fühlt sich die Musical-Verfilmung nicht immer stimmig an. Man versucht viel zu viele Themen und Handlungsstränge auf einmal durchzukauen und verliert dadurch oft an Fokus. Mit 131 Minuten Spielzeit ist der Film auch spürbar zu lang geraten.

    Unterm Stricht ist Ryan Murphys Filmadaption von „The Prom“ zu einem zuckersüßen Kitsch-Musical mit stylisher Aufmachung und groß aufspielenden Schauspieler*innen geworden, in das ein schönes Plädoyer für mehr Toleranz für die LGBTQ+-Community verpackt wurde. Schade nur, dass der Gute-Laune-Film zu viele Zutaten auf einmal in den Mix wirft und somit trotz all der gelungenen Aspekte ein bitterer Beigeschmack übrigbleibt. Weniger wäre in diesem Fall mit Sicherheit mehr gewesen.