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    Faszinierendes Doku-Porträt eines deutschen Ausnahmekünstlers

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Er war einer der umstrittensten Künstler aus dem deutschsprachigen Raum – wenngleich auch einer der einzigartigsten: Christoph Schlingensief.

    Die einen hassten alles, wofür er und sein Werk standen – die anderen verehrten sein Schaffen. Der Universalkünstler hat sich in erster Linie als Filmemacher hinter trashig anmutenden und zumeist kontroversiell diskutierten Werken wie „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) oder „United Trash“ (1996) einen Namen gemacht. Neben seiner filmischen Beiträge, wandte sich der Eigenbrötler später auch der Theaterregie zu, verfasste ein paar Bücher und sorgte mit seinem Aktionismus für mediale Furore. Im August 2010 verstarb Schlingensief im Alter von nur 49 Jahren an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung. Ihm mag für sein künstlerisches Schaffen zwar der Ruf eines Provokateurs nachgeeilt sein, aber ein Enfant Terrible im klassischen Sinne war der Apothekersohn nie. Nein, dafür galt Schlingensief als viel zu umgänglicher und freundlicher Mensch, der für seine Kunst brannte, ohne dafür andere schikanieren oder gar gefährden zu müssen. Die deutsche Editorin Bettina Böhler, die sich unter anderem als regelmäßige Cutterin für Regisseur Christian Petzold einen Namen gemacht hat, früher aber auch eng mit Schlingensief zusammengearbeitet hatte, hat das viel zu früh verstorbene Genie für ein dokumentarisches Porträt wiederauferstehen lassen. Die Spielfilm-Doku trägt den schönen Titel „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ und gibt einen ausführlichen Überblick über dessen künstlerisches Schaffen, gewährt aber auch intime Einblicke in dessen Privatleben.

    Böhler hat Interviews, in denen Schlingensief einst über seinen Werdegang sprach, so aneinandergereiht, dass es den Eindruck erweckt, als wäre er selbst der Erzähler seiner eigenen Doku. Von seinen ersten filmischen Gehversuchen im frühen Kindesalter über seine ersten großen Spielfilmprojekten (und die Kontroversen, die sich rundherum abspielten) hin zu seiner finalen Theaterarbeit, mit der er seine Krebserkrankung verarbeitete: Böhlers Doku lässt kaum einen Höhepunkt in seinem Œuvre außen vor und geht dabei in chronologischer Reihenfolge vor. Egal ob man nun vorher schon bis ins Detail mit dem Schaffen Schlingensiefs vertraut war oder mit dem Schauen der Doku einen Sprung ins kalte Wasser wagt: es dürfte nicht lange dauern, bis die meisten Zuschauer*innen dem unwiderstehlichen Charme des exzentrisch-sympathischen und sichtlich hochintelligenten Regisseurs erlegen sein werden. Besonders unterhaltsam wird es, wenn Schlingensief Anekdoten seiner ersten Filmprojekte erzählt und schildert wie schnell sich am Anfang seiner Karriere die Festivalvorstellungen leerten oder zum auch vom ersten Treffen mit seinem langjährigen Kollaborateur Udo Kier spricht.

    Jedoch auch dem Aktionismus und dem Showtalent des multifunktionalen Künstlers wird in der Doku genügend Zeit geschenkt. So werden beispielsweise Aufnahmen von Schlingensiefs medial reichlich dokumentierter Kunstinstallation in Wien gezeigt. Zu Beginn des neuen Millenniums ließ er dort einen Container aufstellen, in dem sich Asylsuchende befanden. Unter dem Titel „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ überließ der Provokateur bei seinem Projekt Passanten die Entscheidung, „Teilnehmer“ aus dem Container und somit auch dem Land rauszuschmeißen – angelehnt an das befremdliche Votingsystem der Reality-Show „Big Brother“. Mit der Aktion wollte Schlingensief als Antwort auf das damals starke Ergebnis der FPÖ bei der Nationalsratswahl 1999 der Fremdenfeindlichkeit der österreichischen Bevölkerung den Spiegel vorhalten. In Folge werden ebenso Ausschnitte von schrägen wie auch offen provokanten Unterhaltungssendungen, die er für MTV und VIVA moderierte, eingeblendet.

    In seinen letzten Momenten wird die hervorragende Dokumentation besonders persönlich und auch unerwartet melancholisch. Aufnahmen von Schlingensiefs letzter Theateraufführungen, mit denen er sich geistig schon auf sein eigenes Ableben vorbereitete, kreieren eine nahezu jenseitige Präsenz und verleihen dem Ganzen einen elegischen Beigeschmack. Die vom deutschen Dada-Komiker Helge Schneider, der Schlingensief ebenfalls nahestand, eigens für den Film komponierte Musik tut dafür das Übrige. Der finale Abschied fällt dann umso schwerer.

    Bettina Böhler hat mit „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ eine bemerkenswerte Künstlerdokumentation geschaffen, die einen detaillierten Blick auf das aufregende Leben und Schaffen eines außergewöhnlichen Künstlers wirft, der sowohl unterhaltsam als auch wehmütig ausgefallen ist. Sehenswert nicht für Schlingensief-Fans, sondern auch für die, die es noch werden wollen beziehungsweise es nach Sehen dieses Films sowieso sein werden!