Filmkritik zu Frühling in Paris

Bilder: MFA+ Fotos: MFA+
  • Bewertung

    Bonjour Tristesse

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Mit 15 ein Drehbuch schreiben und mit 20 dieses verfilmen? Für Suzanne Lindon kein Problem! Die Tochter des Schauspielerpaares Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon demonstriert anhand von „Frühling in Paris“ (Seize printemps) dass ihr das Filmemachen wahrlich im Blut liegt: mit dem Debütfilm beweist sie allerdings nicht nur ihr Talent hinter der Kamera, sondern auch davor – die Hauptrolle hat sie nämlich auch noch übernommen.

    Die 16-jährige Suzanne (Suzanne Lindon) langweilt sich. Der Schulalltag sorgt nicht wirklich für Abwechslung, unter den Gleichaltrigen hat sie schon längst den Anschluss verloren. Wenn die Mädchen in ihrer Klasse am Schulhof miteinander rege Gespräche führen, liest sie lieber in ihrem Buch.
    Auftritt Raphaël (Arnaud Valois). Der Schauspieler zieht Suzannes Aufmerksamkeit auf sich, da sich das örtliche Theater auf ihrem täglichen Schulweg befindet. Zu Beginn werfen sich die beiden lediglich verstohlene Blicke zu, letztendlich spricht Raphaël Suzanne jedoch an. Für das Mädchen scheint dies der Ausweg aus ihrem langweiligen Alltag zu sein – wäre Raphaël nur nicht 19 Jahre älter.

    Die Handlung des Films wirkt zugegebenermaßen wie etwas, was man schon unzählige Male im Kino gesehen hat: Ein junges Mädchen verliebt sich in einen mysteriösen älteren Mann. Die Regisseurin schafft es allerdings, diesem altbekannten Plot neues Leben einzuhauchen. Mit romantischen Tanzeinlagen und einer gehörigen Portion Humor gelingt Lindon die perfekte Balance zwischen verschmitztem Liebesdrama und aktueller Coming-of-Age-Story.

    Die durchwegs passend eingesetzte Situationskomik zählt wohl zu den größten Stärken des Debütwerks der jungen Regisseurin. Egal ob am familiären Frühstückstisch, wenn Suzanne plötzlich starkes Interesse an den Theaterbesuchen ihrer Eltern zeigt oder wenn sie ebenjene mitten in der Nacht aufweckt, nur um sie zu fragen, wie es ihnen denn so geht, kann man sich das ein oder andere Schmunzeln nicht verkneifen.

    Leider kommt es dann aber auch zu ein paar Leerstellen während des Films, manche Szenen wirken wie regelrechte Lückenfüller. Auch das ziemlich abrupte Ende wirkt etwas unausgereift. Und die Tanzeinlagen, die zwar allesamt originell choreographiert sind, werden durch ihren übermäßigen Einsatz etwas überstrapaziert. Auch die für Coming-of-Age-Filme obligatorische Disco/Home-Party Szene darf natürlich nicht fehlen, bei der dieses Mal „Family Affair“ von Mary J. Blige aus den Lautsprechern dröhnt. Im Film kommen darüber hinaus verschiedene Lieder des französischen Kultsängers Christophe zum Einsatz, am eindrucksvollsten erscheint hier wohl der Tanz zwischen Suzanne und Raphaël zu dessen „La Dolce Vita“, der sehr sentimental anmutet.

    Bei all dem Witz und Humor gibt es in „Frühling in Paris“ nämlich auch ruhigere Momente, die teilweise sehr stimmig wirken, teilweise dann aber auch nicht ganz so gut funktionieren, vor allem da der Film eigentlich von seiner Leichtigkeit lebt.
    Die Begegnungen mit Raphaël scheinen Suzanne jedenfalls regelrecht Energie zu verleihen – und diese Energie merkt man auch dem Debütwerk von Lindon an. Wenngleich der Film auch kleine Schwächen aufweist, darf man jedenfalls schon sehr gespannt auf ihre zukünftigen Projekte sein!
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    (Marion Schlosser)
    01.11.2020
    20:47 Uhr