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  • Bewertung

    Auf die Kuh gekommen

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2020
    Die bisherigen Filme der respektierten US-Indie-Regisseurin Kelly Reichardt waren stets durch eine gewisse Verbundenheit zur Natur gekennzeichnet. Diese wird auch in ihrem neuesten Werk, dem vom Prestige-Indie-Studio A24 produzierten „First Cow“, wieder deutlich spürbar.

    Reichardt befördert uns hier auf eine Zeitreise ins Oregon des 19. Jahrhunderts. Zuschauer folgen dabei dem Koch Otis Figowitz (John Magaro), der aber immer unter seinem Spitznamen Cookie angesprochen wird und für eine Gruppe Pelzfänger arbeitet. Eines Tages entdeckt Cookie im Wald plötzlich einen nackten Mann, den er zunächst für einen Ureinwohner hält, sich dann aber später als der chinesische Einwohner King-Lu (Orion Lee) entpuppt. Der chinesische Seemann versteckt sich vor einer Gruppe Russen, die es auf ihn abgesehen haben. Nach und nach entwickelt sich zwischen den Männern, die beide einsam vor sich hinleben, eine ungewöhnliche Freundschaft. Um Cookies Kochkünste für brauchbare Zwecke einzusetzen, kommen die beiden auf die Idee selbstgebackene Kekse am Markt zu verkaufen. Das Problem nur: Für den Backprozess wird Milch benötigt und in der Nähe gibt es nur eine einzige Kuh, die dem wohlhabenden britischen Grundbesitzer Chief Factor (ein wundervoll schrulliger Toby Jones) gehört. So schleichen sich die beiden in regelmäßigen Abständen nachts auf dessen Anwesen, um die Kuh zu melken und die Kekse, die sie als ‚Ölbrot‘ ausgeben, aller Schwierigkeiten zum Trotz backen zu können.

    Wer sich hier einen Plot in klassischer 3-Akt-Struktur erhofft, geht mit den völlig falschen Erwartungen an den Film heran und dürfte wohl eher enttäuscht sein. Tatsächlich handelt es sich bei „First Cow“ nämlich vielmehr um einen Film, der von seinen Beobachtungen und den Beziehungen zwischen den Figuren, die den dargestellten Mikrokosmos bevölkern, lebt. Obwohl Reichardt sich hier einer schon längst vergangenen Epoche widmet, ist es ihr gelungen diese auf sehr glaubwürdigem Wege wiederauferstehen zu lassen. Das Rascheln der Blätter im Walde, die Kostüme der Pelzfänger, das Verhalten der beheimateten Tiere (allen voran der für den Plot zentralen und enorm liebenswerten Kuh) oder auch die Konversationen zwischen den Figuren: alles hier fühlt sich so echt und authentisch an, dass man als Zuschauer das Gefühl bekommt, man wäre in die gezeigte Zeit zurücktransportiert worden. Was den Film aber neben dem außerordentlich detailreichen Aufbau seiner Welt, in der man sich wunderbar verlieren kann, so gut funktionieren lässt, das ist die herzerwärmende Männerfreundschaft im Vordergrund. Es ist unerwartet wohltuend dabei zuzuschauen wie zwei einsame Seelen, die in ihrem Typus nicht den damals dominanten Geschlechterbildern entsprechen, sich Schritt für Schritt zu unzertrennlichen Freunden entwickeln, die gemeinsam ihren eigenen Weg gehen. Einen großen Teil leisten dafür auch die beiden Hauptdarsteller John Magaro und Orion Lee, die mit ihrem ausdrucksstarken Spiel viel zur melancholischen Grundstimmung des Films beitragen und mit alleinigen Blicken mehr aussagen, als es 1000 Worte könnten. „First Cow“ ist aber kein rein tieftragisches Drama, das vor Herzschmerz und Wehmut trieft. Nein, tatsächlich entstehen aus der Situation heraus auch des Öfteren äußert unterhaltsame Szenen, die sich wunderbar in das Geschehen einreihen, ohne fehl am Platz zu wirken. Hinzu kommen stimmungsvolle Bilder und eine authentische Geräuschkulisse, die in der Detailverliebtheit auch viel zum Realismus des Films beisteuern.

    Schlussendlich lässt sich jetzt schon sagen, dass Kelly Reichardt mit „First Cow“ ohne den geringsten Zweifel eines der Highlights der diesjährigen Berlinale gelungen ist. Ein wunderbar warmherziges, angenehm ruhig erzähltes und auch spirituell angehauchtes Werk, das Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle mitnimmt.

    Filmische Südstaaten-Poesie vom feinsten!