Filmkritik zu Babyteeth

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Leben als ob es kein Morgen gäbe

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Teenie-Romanzen, in denen zumindest einer der Beteiligten an einer lebensgefährlichen Krankheit leidet, sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Im Gegenteil: Als sich die Verfilmung von John Greenes Jugendroman „ Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ (The Fault in Our Stars), der sich ebendieser Thematik widmete, als riesiger Erfolg entpuppte, schien plötzlich ein neuer Trend Einzug ins Coming-of-Age-Genre gefunden zu haben. Dies zeichnete sich in den vergangenen Jahren beispielsweise anhand von Filmen wie „Me and Earl and the Dying Girl“ oder dem erst kürzlich erschienenen „ Drei Schritte zu dir“ ab. Auch die australische Tragikomödie „Babyteeth“, mit der Regisseurin Shannon Murphy ihr Spielfilmdebüt abliefert, dreht sich um ein jugendliches Mädchen, das mit einer schweren Erkrankung zu kämpfen hat.

    Die 16-jährige Milla (Eliza Scanlen) leidet an Krebs im Endstadium und möchte ihre finale Lebenszeit auf Erden umso mehr in vollsten Zügen genießen können. Als sich die Teenagerin in den bereits Anfang 20-jährigen Drogenjunkie Moses (Toby Wallace) verliebt, der sich mit dem sporadischen Dealen illegaler Substanzen über Wasser hält, zeigen sich ihre sorgsamen Eltern (Essie Davis und Ben Mendelsohn) zunächst fassungslos. Besonders kompliziert wird die Situation dann jedoch als Milla - um neue Lebenskraft zu gewinnen – damit anfängt, ihre eigenen Grenzen auszutesten und durch ihren neuen Freund in schäbige Gefilde gerät. Unterdessen zeichnet sich auch die Zerrissenheit innerhalb ihrer eigenen dysfunktionalen Familie ab, wobei auch ihre Eltern mit inneren Dämonen zu kämpfen haben. Da Milla sich durch ihren neuen Lebensstil jedoch so sehr entfalten kann wie nie zuvor, zeigt sie ihrem sozialen Umfeld damit schon bald, dass man wohl am meisten Freude verspürt, wenn man versucht so zu leben, als hätte man nichts mehr zu verlieren.

    Im Gegensatz zu einigen anderen Jugendfilm-Vertretern, die ähnliche Themen verwendeten, legt Shannon Murphy in ihrem Debüt nicht allzu viel Wert auf Genre-Klischees, stattdessen aber umso mehr auf Authentizität. Über den Großteil der Laufzeit hinweg versprüht die Tragikomödie einen Sinn für Realismus, der rau und unbeschönigt daherkommt, aber dennoch genug Lebensfreude in sich trägt, um einen schwerelos ins Geschehen eintauchen zu lassen. Dabei gelingt dem Film, dem übrigens ursprünglich einem Theaterstück zu Grunde liegt, ein Balanceakt zwischen Tragik und Komik, der selten sein Gleichgewicht verliert. Somit fängt das Werk sowohl die erfreulichen, glückseligen Momente im Leben von Eliza und ihrem sozialen wie auch familiären Umfeld als auch deren von Schmerz gezeichneten Tiefpunkte realitätsnah und ergreifend ein. Besonders lobenswert ist zudem mit welch einer seltenen Empathie sich Murphy ihren Charakteren annähert und dabei jegliche schwarzweiße Gut-Böse-Konstellationen umgeht. Keiner unserer Figuren hat eine völlig weiße Weste an und zu dieser Fehlerhaftigkeit, die mehr Humanität und Tiefe zulässt, steht die Regisseurin.
    Zusätzliches Leben wird den bereits ausgewogenen Figuren dann noch vom ehrwürdigen Schauspielensemble eingehaucht. Hauptdarstellerin Eliza Scanlen, die in wenigen Monaten eine große Rolle in Greta Gerwigs heißerwarteten Zweitwerk „Little Women“ übernehmen wird, begeistert mit einer phänomenalen Schauspielleistung, die sowohl die ansteckende Lebensfreude als auch den seelischen (wie körperlichen) Schmerz von Protagonistin Milla eindrucksvoll mimt. Auch Toby Wallace schafft es die zerrissene Figur des Moses authentisch und mit einer breiten Palette an Emotionen darzustellen. Besonders hervorzuheben sind jedoch Essie Davis („The Babadook“) und Ben Mendelsohn („Ready Player One“, „Rogue One“), die sich als ungleiches Elternpaar autoritär, aber gleichzeitig auch feinfühlig geben.

    Leider lässt die Tragikomödie seinen zuvor etablierten Realismus im letzten Drittel links liegen und tauscht diesen durch aufgeplustertes Melodrama aus. Trotz einer rührenden Finalszene trägt der Film gegen Ende also etwas zu dick auf und verliert dabei ein wenig seiner vorangegangen Magie.

    Dennoch handelt es sich bei Shannon Murphys „Babyteeth“ um ein absolut empfehlenswertes und inszenatorisch überraschend ausgereiftes Regiedebüt, das auf sympathische und zumindest weitestgehend authentische Art und Weise dazu motiviert, selbst in den dunkelsten Stunden noch schöne Momente im Leben zu finden.
    chrostv_39178447dd.jpg
    (Christian Pogatetz)
    05.09.2019
    22:02 Uhr