Das große Uncut-Special von der Viennale 2018
Bilder: Polyfilm Fotos: Polyfilm
  • Bewertung

    Es ist nichts passiert

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    „Alles ist gut“. Alles ist gut? Nein, nichts ist gut. Denn Eva Trobisch behandelt in ihrem Regiedebüt, das gleichzeitig ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Fernsehen und Film München darstellt, die Folgen einer Vergewaltigung. Verdrängung und generell das Weiterleben nach so einem einschneidenden Erlebnis werden genauer unter die Lupe genommen, wenn auch nicht immer so, wie man es erwarten würde. Das Filmdrama beschäftigt sich darüber hinaus nicht nur mit der individuellen Aufarbeitung eines Gewaltverbrechens, sondern kritisiert auch Aspekte einer Gesellschaft, die immer rücksichtsloser und ichbezogener zu werden scheint.

    Nach einem Klassentreffen bietet Janne (Aenne Schwarz) den ihr unbekannten, jedoch sympathischen Martin (Hans Löw) an, bei ihr zu übernachten. Als dieser dann gegen ihren Willen Sex mit Janne hat, tut die junge Frau so, als wäre nichts passiert.
    Der Vergewaltiger spielt die Tat herunter und stellt sich wenig später als Schwager ihres alten Bekannten Robert (Tilo Nest) heraus, in dessen Verlag sie eine Stelle als Cheflektorin erhält. Martin ist auch für die Firma tätig, weshalb sie sich täglich mit den Geschehnissen der besagten Nacht konfrontiert sieht. Ihr jähzorniger Freund Piet (Andreas Döhler) macht die ganze Situation auch nicht gerade besser.

    Die Verhaltensweisen, die die Menschen in „Alles ist gut“ an den Tag legen, strotzen nur so von fragwürdiger Moral: Ein Mann drängt eine Frau zum Sex und findet daran nichts Verwerfliches. Eine Frau schlägt ihren Ehemann, weil dieser nicht mit ihr schlafen will. Ein weiterer Mann ist nur auf seinen Vorteil bedacht und ignoriert dabei die Ansichten seiner Freundin, was die gemeinsamen Lebensentscheidungen betrifft, komplett. Trobisch zeichnet in „Alles ist gut“ das Bild einer Gesellschaft, das nicht gerade optimistisch ist.

    Janne wird zu Beginn der Handlung als selbstbestimmte Frau dargestellt. Nach dem Missbrauch spielt sie die Tat herunter, anstatt die Geschehnisse aufzuarbeiten. Allerdings stellt nicht nur der sexuelle Übergriff ein Problem dar, sondern auch ihre nähere Umgebung. Diese gibt ihr gar nicht erst die Möglichkeit, das Ereignis der besagten Nacht zu verarbeiten. Man könnte jetzt meinen, wenn sie niemandem davon erzählt, kann ihr auch keiner helfen. Die Ignoranz und Selbstbezogenheit ihres Umfeldes führt allerdings zur Annahme, dass dies ohnehin nichts gebracht hätte.

    An Trobischs Drehbuch fällt vor allem die besondere Herangehensweise an eine ernste Thematik auf: Teilweise humorvoll, zweifellos aber immer sehr ehrlich, werden die Geschehnisse von Janne kommentiert. Darüber hinaus ergeben sich zahlreiche komisch anmutende Situationen. Geradezu absurd erscheint Jannes Teilnahme an Martins Geburtstagsfeier auf einer Bowlingbahn, zu der auch Piet mitkommt. Janne spricht in Gegenwart Martins klar aus, was sie von ihm denkt und konfrontiert ihn mit seinem Benehmen. Die Komik, die dem Gezeigten inhärent ist, gelingt vor allem aufgrund der Schauspieler: Burgschauspielerin Aenne Schwarz und Hans Löw meistern die Darstellung ihrer Figuren sehr souverän, wobei vor allem erstere nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

    Eva Trobischs Debütfilm überzeugt gerade dank des klugen Drehbuchs, das es versteht, die zugrundeliegende Problematik subtil aber doch auf den Punkt gebracht anzusprechen. Es handelt sich dabei um eine nachvollziehbare Charakterstudie einer jungen Frau, die nicht als Opfer abgestempelt werden will - zeigt aber auch, wie gefährlich Verdrängung sein kann.
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    (Marion Schlosser)
    08.11.2018
    23:53 Uhr