Das große Uncut-Special von der Viennale 2018
Bilder: Warner Bros Fotos: Warner Bros
  • Bewertung

    A real Hollywood movie. No Mickey Mouse stuff!

    Exklusiv für Uncut
    Wir schreiben das Jahr 1998. Der damals 19-jährige Greg Sestero besucht in San Francisco einen Schauspielkurs – jedoch nur mit wenig Erfolg. Eines Tages lernt er im Zuge dessen den mysteriösen Tommy Wiseau kennen. Wiseau, der aussieht wie eine Kreuzung zwischen Ozzy Osbourne und einem Jahrhunderte alten Vampir verschreckte mit seinem exzentrischen Auftreten sowie seinem grauenvollen Over-the-Top-Schauspiel die meisten Teilnehmer des Kurses. Sestero war jedoch angetan von dessen furchtlosen Auftreten auf der Bühne und baut schon bald eine enge Freundschaft zum verschlossenen Tommy auf. Obwohl die beiden kaum unterschiedlicher sein können, verbindet sie ein gemeinsames Ziel: als Schauspieler in der Industrie Fuß zu fassen.

    Um ihren Traum Schritt für Schritt näher zu kommen, ziehen die beiden Freunde nur wenige Jahre später nach Los Angeles, die Stadt der Traumfabrik Hollywood. Während Greg es schafft ein paar kleinere Rollenangebote zu bekommen, wird Tommy langsam aber sicher bewusst gemacht, dass er lediglich Spott und Hohn auf sich ziehen kann. Um es der Welt zu zeigen, beschließt Tommy kurzerhand seinen vollends eigenständig finanzierten Film zu drehen, in dem er auch selbst die Hauptrolle übernehmen sollte. Mit tatkräftiger Unterstützung seines besten Freundes Greg, der ebenfalls eine große Rolle zugewiesen bekommt, und einem Produktionsbudget von sage und schreibe 5 Millionen US-Dollar (!) gelingt es Tommy im Jahre 2003 unter dem seltsamen Titel „The Room“ tatsächlich sein erstes Spielfilmprojekt zu realisieren. Der skurrile Streifen rund um Johnny (Wiseau), der von seinem besten Freund Mark (Sestero) und seiner Verlobten Lisa hintergangen wird, ist nur so gespickt mit Handlungssträngen, die nirgendwo hinführen, grauenhaft übertriebenen Schauspieldarbietungen und qualvoll langen Sex-Sequenzen. Eben diese unglaubliche Schlechtigkeit von „The Room“ sorgt wiederum für ein gewaltiges Maß an unfreiwilliger Komik. Bereits kurz nach der Premiere wird der Film deshalb mittels Mundpropaganda immer einem breiteren Spektrum an Trash-Liebhabern geläufig. Der Rest ist Geschichte.

    Es dauerte nicht lange und schon bald wurden immer mehr Vorstellungen von „The Room“ verlangt. Man begann US-weit Midnight-Screenings im Stile der „Rocky Horror Picture Show“ einzuführen, bei der Liebhaber des Films anfingen kultverdächtige Zitate laut mitzuschreien oder gar eigene Fan-Rituale wie das Werfen von Plastiklöffeln auf die Leinwand kreierten. Im Laufe der Jahre erwies sich „The Room“ weltweit als eines der größten Kultphänomene des 21. Jahrhunderts und als vermutlich der populärste Vertreter des „So bad, it’s good“-Films.

    Basierend auf dem gleichnamigen semi-autobiographischen Roman von Greg Sestero widmet sich nun „The Disaster Artist“ eben dieser ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte. Inszeniert wurde die biographische Verfilmung von Schauspieler James Franco, der gleichzeitig auch selbst in die Hauptrolle des einzigartigen Tommy Wiseau schlüpfte. Für dessen Counterpart Greg Sestero hat Franco seinen eigenen Bruder Dave auserkoren, der hiermit erstmals gemeinsam mit seinem älteren Bruder in einem Film zu sehen ist.

    Als fast schon obsessiver „The Room“-Fan und begeisterter Leser von „The Disaster Artist“ war ich zunächst ein wenig skeptisch, ob es denn überhaupt möglich sein würde, einer derart speziellen Thematik filmisch gerecht zu werden. Es fällt mir nach Sichtung des Films nun aber ein großer Stein von Herzen, wenn ich schreibe, dass meine Skepsis vollkommen unangebracht war. Franco ist hier nämlich ein ebenso urkomisches wie zugleich auch überraschend emotional tiefgreifendes Portrait über die Freundschaft zweier ungleicher Künstler gelungen, die sämtlichen Konventionen der Traumfabrik Hollywood strotzen, um ihren Traum zu verwirklichen.

    Dass der Film derart gut funktioniert ist in erster Linie dem großartigen Drehbuch vom Autoren-Duo Scott Neustadter und Michael H. Weber (u.A. „500 Days of Summer“) zu verdanken. Deren Skript ist prall gefüllt mit liebevollen Anspielungen und detailgetreuen Hintergrundinformationen über die Entstehung von „The Room“, woraus sich besonders viel Situationskomik beziehen lässt. Wenn denn nun beispielsweise Tommy auf die Frage hin, warum er denn ein ganzes Set einer Gasse bauen lassen würde, anstatt eine echte Gasse, die zu Verfügung gestanden wäre, zu verwenden, damit erwidert, dass er ja einen echten Hollywood-Film machen wolle und „no Mickey Mouse stuff“, dann funktioniert das gleichzeitig als herrlich pointierter Gag wie auch als passend platzierte Hommage an die realen Geschehnisse. Sämtliche Informationen, die Details über die Dreharbeiten offenbaren, wurden allesamt in Form von clever geschriebenen Pointen verpackt und fügen sich so organisch dem Dialog des Films hinzu, ohne lieblos heran getuckert zu wirken. Somit kann auch verziehen werden, dass ein paar relevante Hintergrunddetails wie beispielsweise, dass der Darsteller des Peter im letzten Drittel des Films durch einen anderen Schauspieler ersetzt wurde, außen vor gelassen wurden. Dies hätte der komprimierten Dynamik des Films vermutlich auch nicht gut getan.

    Besonders lobenswert ist zudem die Charakterzeichnung des Tommy Wiseau. Anstatt den einfachen Weg zu gehen und Tommy und dessen Schaffenswerk als reine Lachnummer zu verkaufen, nimmt man dessen komplexe Persona ernst und porträtiert ihn – ähnlich wie es Tim Burton 1994 im fantastischen „Ed Wood“ machte – als verletzliches und missverstandenes Individuum, dessen sehnlichster Wunsch es ist, seinen Traum zu verwirklichen.

    Die Komplexität die der Figur des Tommy obliegt würde nicht gut zum Tragen kommen, wäre da nicht die vielschichtige schauspielerische Darbietung von James Franco. Auf der einen Seite gelang es Franco Wiseaus Eigenheiten auf den Punkt zu bringen. Von seiner starren Mimik über seine skurrilen Gestiken bis hin zu Wiseaus kaum identifizierbaren Akzent – eine jede Facette sitzt. Andererseits ließ er seine Darstellung aber auch nicht zur einfachen Imitation Wiseaus verkommen. Franco gelang es ausgerechnet dem Mann, der wegen seines Verhaltens des Öfteren mit einem Alien verglichen wird, ein Level an Menschlichkeit zu verleihen, das uns Zuschauer ermöglicht mit Tommys Scheitern mitzufühlen. Überraschend ist auch wie gut die Dynamik zwischen James und seinem jüngeren Bruder Dave Franco als Greg Sestero funktioniert und trotz der geringen optischen Ähnlichkeit mit den realen Vorbildern, die Freundschaft der Beiden sowie dessen Streitigkeiten authentisch wiederspiegelt.

    Es sei allgemein zu sagen, dass der Streifen bis in die kleinste Cameo-Rolle bestens besetzt wurde. Ob nun Josh Hutcherson mit Scheitelperücke als Denny-Darsteller Philip Haldiman, Seth Rogen als von Tommys Verhalten verdutzter Script-Supervisor Sandy Schklair oder gar ein Bryan Cranston in einem passend dem Plot angepassten Cameo-Auftritt – ein jeder Darsteller fügt dem Film sein A-Game hinzu.

    An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass nach dem Abspann des Films noch ein besonders erfreulicher Gastauftritt als After-Credit-Scene hinzugefügt, die besonders für Fans von „The Room“ ein Schmankerl sein wird. Sitzenbleiben lohnt sich also!

    Als einziger Kritikpunkt meinerseits lässt sich eventuell anbringen, dass Tommys beleidigendes Auftreten gegenüber sämtlichen Crew-Mitgliedern an „The Room“ – um ihn in ein besseres Licht zu rücken - nur bedingt angeschnitten wird.

    Abseits dessen muss ich aber zugeben, dass James Franco mit „The Disaster Artist“ eine wahrlich wundervolle Tragikomödie gelungen ist, die die Realereignisse der Entstehungsgeschichte hinter „The Room“ detailverliebt wiedergibt, sich erfreulicherweise aber über das Endergebnis nicht just lustig macht, sondern Tommys alleinigen Willen, sein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen, vollends zelebriert.

    Um mir ein von Tommy Wiseau in Interviews häufig verwendetes Zitat, das meinen Konsens zum Film widerspiegelt, auszuleihen: „You can laugh, you can cry, you can express yourself – but please don’t hurt each other!“
    chros
    (Christian Pogatetz)
    19.01.2018
    16:46 Uhr