Araby - Arábia

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Forumseintrag zu „Araby - Arábia“ von Reinderl

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Reinderl (29.10.2017 12:56) Bewertung
Unterdrückung ist kein Ort, sondern ein sozialer Zustand
Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Ein Junge auf einem Fahrrad, der eine Bergstraße entlangfährt. Der Wind zaust in den Haaren, die Füße treten, unterlegt von dunkler Musik und einer Stimme, die vom Ausziehen, vom Wegfahren singt, von der Liebe, die man nicht verlässt. Der Junge radelt die Serpentinen entlang, Auf, Ab, folgt der Kamera. Eine einzige Totale, vorbei ziehen die Eröffnungscredits.

Andre (Murilo Caliari) lebt mit seinem jüngeren Bruder in Ouro Preto, in einem Stadtteil, wo eine Aluminiumfabrik den Rhythmus des Lebens mitbestimmt. Er kümmert sich um den kranken Bruder. In der Wohnung der Brüder herrscht Chaos. Zigaretten, Müll, Bücher liegen herum. Die Tante, eine Krankenschwester, kommt zum Aufräumen und versorgt die beiden mit Medikamenten. Andre streift durch die Straßen. Er ist rastlos, zeichnet. Er ist auf der Suche. Bei einem Krankenbesuch trifft er auf Cristiano (Aristides de Sousa), einen Fabrikarbeiter, der kurz darauf selbst ins Krankenhaus gebracht werden muss. Andre, den die Tante in dessen Wohnung schickt, findet dort ein Notizbuch und beginnt darin zu lesen. Vielleicht ist er auf der Suche nach Cristianos Vorleben und möglichen Verwandten, vielleicht aber auch nach etwas, das er selbst noch nicht kennt. Cristianos Leben entfaltet sich mit dem gesprochenen Text vor den Augen der Zuschauer.

Der Titel Arábia ist sowohl an die „Arabian nights“, also die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, einer Geschichte, die sich aus vielen Einzelepisoden zusammensetzt, als auch an die Kurzgeschichte „Araby“ von James Joyce, in dem ein Junge keine Worte für die Zuneigung zu einer Frau findet, angelehnt. Die beiden Regisseure und Autoren Affonso Uchoa und Joăo Dumans haben lange am Drehbuch und am Offtext gefeilt, damit Cristianos Gedanken möglichst direkt beim Zuschauer ankommen. Das hat sich bezahlt gemacht.

„Alles, was wir haben, ist das, woran wir uns erinnern.“ So beginnt die Geschichte eines herumreisenden Arbeiters der Unterschicht, der wenig Worte macht und dessen Gefühle sich noch am ehesten in den Liedern ausdrücken, die er abends mit den Kollegen, mit denen er trinkt und raucht, teilt. Als er schreibt, ist er allein, aber die Liebe hat er in Ana (Renata Cabral) kennengelernt und sie ist es, was zählt und wovon er erzählen will.
Uchoa und Dumans schicken ihren Protagonisten Cristiano in die unterschiedlichsten Gegenden Brasiliens, zur Mandarinenernte, als Arbeiter in den Straßenbau, als Ablader von Lastwagen auf die Straße, als Ausbesserer in Bordells, und immer wieder in Fabriken. Dabei erlebt er Kameraderie, Armut, Leichtigkeit, Schwere, Musik, Witz, Geborgenheit und Einsamkeit, und anhand all dessen entfaltet sich eine Geschichte der Arbeiter in Brasilien, die gleichzeitig eine Geschichte der Ausbeutung ist. Dialoge über mögliche und unmögliche Arten zu schlafen und gute und schlechte Lasten beschreiben eindrücklicher als jedes Bild Ausbeutung als sozialen Umstand.

Die Musik spielt im Film eine wichtige Rolle. Sie trägt das Innere der Protagonisten nach außen, und drückt gleichzeitig die Realität der brasilianischen Arbeiter und estradadores, der Herumziehenden, aus.

Kein Road Movie, sondern ein Porträt von Menschen, die sich ihrer selbst bewusst werden könnten, aber an ihrer Umgebung und sich selbst scheitern. Ein leiser großer Film.
 
 

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