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Kurzfilme auf der Diagonale 2016

Kurz und gut. Sumaiya hat sich für Uncut auf der Diagonale einige Kurzfilmprogramme angeschaut.
Mein persönliches Lieblingsprogramm auf der Diagonale sind immer die Kurzfilme, auf die freue ich mich schon das ganze Jahr über. Denn Spielfilme wird man mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann später einmal im Kino sehen können, aber die Kurzfilme, die präsentiert werden leider so gut wie nicht. Außerdem bin ich immer wieder von den kreativen und einzigarten Einfällen von zukünftigen Filmemachern beeindruckt und inspiriert zugleich.

Dieses Jahr gab es auf der Diagonale gleich sechs Kurzfilmprogramme, was mich unglaublich erfreut hat, da dies bedeutet, dass es immer mehr talentierte Nachwuchsfilmschaffende in Österreich gibt. Drei Kurzfilmprogramme unter denen auch der Siegerfilm war, standen heuer auf meinem Programm.

Kurzspielfilmprogramm 3

Kurzfilmprogramm 3

Der Film „For Whom I Might Die“ war sehr experimentell und handelte von eine metaphorische Reflexion über den Tod und über das Abschiednehmen aus der Sicht einer alten Frau. „Boat People“ beschäftigt sich mit der aktuellen Flüchtlingsthematik. Hier treffen zwei grundverschiedene Welten aufeinander: Moussa ist der einzige Überlebende eines gekenterten Flüchtlingsbootes und rettet sich auf ein Luxusschiff, wo er auf das reiche Ehepaar Gerlinde und Hannes trifft. Der dritte Film des Programms, „Alles wird gut“ hat seine Oscarnominierung völlig zu Recht erhalten. Er beginnt völlig harmlos mit einer Vater-Tochter Geschichte, die aber ziemlich bald eine unglaubliche Kehrt­wen­de macht: Emotionale Erpressung, Manipulation und Lügen, um nur ein paar Schlagwörter zu nennen. Dieses Sammelprogramm hat mir äußerst gut gefallen, vor allem jedoch die letzteren beiden Filme: „Boat People“ zeigt sehr schön die Intoleranz und den Egoismus von Menschen und wirft ein realistisches Bild auf die momentan sehr präsente Flüchtlingsproblematik. Der flotte Erzählrhythmus und die innere Zerrissenheit der Protagonisten in „Alles wird gut“ überträgt sich auf die Kinozuschauer, man fühlt sich unwohl, verängstigt und beklemmt.

Kurzspielfilmprogramm 4

Kurzfilmprogramm 4

Das Programm besteht aus „Fragmente einer Trauerarbeit“, „Las Meninas“ und den Siegerfilm „Wald der Echos“. Die ersten zwei Filme konnten mich leider gar nicht begeistern. „Fragmente einer Trauerarbeit“ begleitet drei Freunde, die den Tod des Vierten im Bunde versuchen zu verarbeiten. Es war unglaublich schwer in die Geschichte einzutauchen und insgesamt wirkte der Film relativ unordentlich und verwirrend. Außerdem ist er mit seinen 40 Minuten auch einen Tick zu lang. „Las Meninas“ war auch ein sehr experimenteller Film, in dem sich ein junger Mann in den unterirdischen Gängen des Mueso del Prado in Madrid verirrt und sich als Figur im titelgebenden Bild von Diego Veláquez wiederfindet. Optisch ist der Film sehr schön gemacht, aber mir persönlich ist er nicht wirklich in Erinnerung geblieben. Umso besser war aber „Wald der Echos“, der mich unglaublich fasziniert hat. Er war ein Mysterium an sich. Man ist sich nach Verlassen des Kinosaals noch immer nicht hundertprozentig sicher, was man sich gerade angeschaut hat, aber dieses Gefühl der Ungewissheit war sehr zufriedenstellend. Eine Jugendliche entdeckt im Wald die Leichen dreier ertrunkener Mädchen, die sogleich wieder zum Leben erwachen. Drei kleine Mädchen finden im Waldsee die Leiche einer Jugendlichen, die wie durch ein Wunder ihre Augen öffnet. Es passiert konstant etwas in diesem Film, man wird von einem unerklärbaren Ereignis in das nächste geworfen, die eigene Imagination ist gefragt und man ist während des Zusehens sehr involviert, weil man als Zuschauer herausfinden will, was jetzt eigentlich passiert. „Wald der Echos“ hat durchaus verdient den Preis für „besten Kurzspielfilm“ auf der diesjährigen Diagonale gewonnen.

Kurzspielfilmprogramm 6

Kurzfilmprogramm 6

Während „Rhythmus 59“ mich nicht wirklich begeistern konnte, fand ich „Die Hochzeit“ äußerst gelungen. „Rhythmus 59“ handelt von einem Geschäftsmann Laurent, der das Herz seiner Affäre Milena gewinnen will, aber sein Nebenbuhler Slavor macht ihm einen ordentlichen Strich durch die Rechnung. Milena hingegen will mit keinem der beiden Männer etwas zu tun haben. Beim Publikumsgespräch sagten die Regisseure Aleksey Lapin und Markus Zizenbacher, dass all diese Figuren auf Charakteren aus ihrem Leben basieren, die sie bei ihrem einjährigen Aufenthalt in Excalibur City kennengelernt haben. Auf mich wirkte der Film sehr eintönig und somit auch etwas langweilig. In „Die Hochzeit“ steht der dreißigjährige Mark im Mittelpunkt. Er ist Single, hat sein Studium geschmissen und hält sich mit einem Job im Burgerladen über Wasser. Von seiner Leidenschaft, der Fotografie, kann er leider nicht leben. Auf der Hochzeit seiner Schwester muss er unangenehme Gespräche mit Freunden und Verwandten führen, die alle einen lückenlosen Lebenslauf vorzuweisen haben: Familie, Kinder, feste Jobs etc. Und zu allem Überfluss trifft er auch noch auf seine Ex-Freundin und deren neuen Freund. Sehr realistisch zeigt der Film die Peinlichkeit von großen Familienzusammenkommen: jeder tut so, als würde er sich für den anderen interessieren, aber es ist nichts als belangloser oberflächlicher Smalltalk. Regisseur Sebastian Mayr hat solche Feierlichkeiten beim Publikumsgespräch sehr treffend als „Laufsteg der Eitelkeit“ bezeichnet.

In Kurzfilmprogramm 5 lief übrigens der Film „Esiod 2015“ von Clemens von Wedemeyer, den sich Lucy schon während seiner Aufführung auf der Berlinale angesehen hat. Auch dazu gibt es jetzt eine ausführliche Kritik auf Uncut nachzulesen.
Die Autorin
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Movies Are My Jam

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