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    Nicolas Cage: Genie und Wahnsinn

    Exklusiv für Uncut
    Nicolas Cage: sein Gesicht ziert Hunderte von Online-Memes, sein Schauspiel kippt oft ins Overacting, vielerorts ist er bekannt für wildeste Mimiken und Gestikulierungen. Dass sich hinter all den exzentrischen Qualitäten unglaubliches Talent verbirgt, war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Der Oscarpreisträger, der in der Vergangenheit mit vielen renommierten Filmemachern arbeiten durfte und von Starkritiker Roger Ebert einst sogar als einer der besten Schauspieler seine Generation bezeichnet wurde, war auf einmal zur Witzfigur verkommen. Die Gründe dafür waren teils berechtigst, teils an den Haaren herbeigezogen. So mies ein Projekt, an dem sich Cage im Laufe seiner langen Karriere beteiligte, auch sein sollte (und gerade in den 2000ern war dies des Öfteren der Fall): er selbst gab stets 100%. Aber die Kunstfigur Nicolas Cage hat den Menschen und Mimen dahinter schon lange überholt. Es war daher lediglich eine Frage der Zeit, bis dem aufgebauschten Kult um den lebendigen Internetmeme ein filmisches Denkmal verpasst werden würde. Unter dem überaus passend gewählten Titel „The Unbearable Weight of Massive Talent“ (hierzulande auf „Massive Talent“ runtergekürzt) hat dieses ewig prognostizierte Kuriosum nun endlich die deutschsprachigen Kinos erreicht.

    Nicolas Cage spielt darin - wie sollte es auch anders sein- eine überzeichnete Version seiner selbst. Früher war er ein gefeierte Actionstar, mittlerweile jagt ein Flop den nächsten. Als Cage für eine heiß ersehnte Rolle eine Absage erteilt bekommt, muss er sich eingestehen: die ruhmreichen Tage sind wohl tatsächlich vorüber. Das schwierige Verhältnis zu Ex-Frau Olivia (Sharon Horgan) und der eigenen Teenie-Tochter (Lily Sheen) macht das Karrieretief nicht gerade einfacher. Er liebäugelt sogar mit der Idee, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen und sich zur Ruhe zu setzen. Als Cage für eine Geburtstagsfeier angeheuert wird, scheint seine Misere ein vorzeitiges Ende gefunden zu haben. Was zunächst nämlich wie ein banales Angebot klingen mag, entpuppt sich für den Berufsexzentriker als gewinnbringender Deal. Gastgeber Javi Gutierrez (Pedro Pascal) ist nicht nur ein Riesenfan des Darstellers, sondern zudem auch noch stinkreich. Die Feierlichkeiten sollen im spanischen Anwesen des Millardärs über die Bühne gehen. Dort angekommen, wird Cage von Javi mit offenen Armen empfangen - der Schauspieler und der wohlhabende Playboy verstehen sich auf Anhieb wunderbar. Doch kurz vor seiner Ankunft in Spanien wurde Cage von Mitarbeitern der CIA (Tiffany Haddish und Ike Barinholtz) in ein scheinbar gut behütetes Geheimnis eingeweiht: bei Javi soll es sich um einen weltweit berüchtigten Kriminellen handeln. Der Hollywood-Star wird dazu beauftragt, dem vermeintlich gefährlichen Schwerverbrecher als Undercover-Agent das Handwerk zu legen. Die langsam reifende Freundschaft zum vermeintlichen Gansgterboss erschwert das Vorhaben jedoch massiv.

    Der Film hätte an kaum einen besseren Zeitpunkt in der vielseitigen Karriere des Oscarpreisträgers erscheinen können. In den vergangenen Jahren schien Cage mit surrealen Genre-Beiträgen wie „Mandy“ oder „Die Farbe aus dem All“ eine neue Nische für sich entdeckt zu haben. Spätestens mit seiner ungewohnt ruhigen, wehmütigen Darbietung im letztjährigen Charakterdrama „Pig" hat der Coppola-Neffe bestens bewiesen, dass er auch immer noch leise Töne anschlagen kann. Die theatralische Natur seines 'nouveau shamanic'-Schauspielstils ist meist eine bewusste Entscheidung. Seit geraumer Zeit befindet sich Cage wieder auf dem aufsteigenden Ast. Nun ist die Zeit gekommen, dass der Comicsammler seinen geschädigten Ruf auch in den Augen des Massenpublikums repariert. Ob nun aber gerade ein Film, der eben auf den Memes, die Cages Karriere zu Unrecht ins Lächerliche gezogen haben, basiert, die ideale Wahl dafür ist, darf gerne hinterfragt werden.

    Ein Glück, dass „Massive Talent“ den Großteil der Laufzeit über verweigert, den einfachen Weg zu gehen. Seiner reichhaltigen Filmografie wird unterhaltsam und respektvoll Tribut gezollt, zynische Seitenhiebe auf fragwürdige Karriereentscheidungen bleiben aus. Verwunderlich ist hierbei, wie spezifisch die Anspielungen zum Teil sind. Selbst Cages ausgeprägte Liebe für den deutschen Expressionismus wird mit der Erwähnung des Stummfilmklassikers „Das Kabinett des Dr. Caligari“ gekonnt mit eingebracht. Am besten funktioniert die Komödie aber gerade in den Momenten, in denen sie zur leichtfüßigen Buddy-Comedy wird. Die Chemie zwischen Cage und Pedro Pascal stimmt, die zwei spielen sich als ungleiches Freundespaar mit reichlich Leidenschaft fürs Kino gegenseitig an die Wand. Einziger gröberer Störfaktor ist der aufgebauschte Krimi-Plot, der gerade in der zweiten Hälfte sehr präsent wird. Zwar möchte man so - ähnlich wie es Spike Jonzes „Adaption“ einst (ebenfalls mit Nicolas Cage!) besser gelungen war - gängige Klischees von überdramatisieren Hollywood-Filmen auf die Schippe nehmen, dieses Vorhaben geht aber nur bedingt auf. Eine weitere Gemeinsamkeit mit „Adaption“: auch hier tritt Cage in einer Doppelrolle auf. In ein paar der surrealeren Szenen wird der Schauspielstar von seinem Alter Ego 'Nicky' heimgesucht, der mit zugekokster Energie das schrullige Abziehbild von Cage personifiziert, mit dem ihn die Allgemeinheit asoziiert. Zwar gelingt auch „Massive Talent“ nicht zur Gänze dieses Image zu dekonstruieren, doch als liebevoll durchdachte Hommage an den lange verkannten Schauspielgott funktioniert der Meta-Spaß allemal. Und das ist das doch immerhin ein sehr guter Anfang.