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    Aus dem Leben einer Mittzwanzigerin

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Joachim Trier gehört dank Filmen wie „Louder Than Bombs“ und „Thelma“ zu den renommiertesten norwegischen Filmemachern der Gegenwart. Mit seinem neuesten Werk, „The Worst Person in the World“, hat er nun den Abschlussfilm für seine Oslo-Trilogie (zu der außerdem noch „Auf Anfang – Reprise“ und „Oslo, 31. August“ gehören) geliefert. In Cannes feierte die spritzige Tragikomödie ihre Premiere, wo Renate Reinsve den Preis für die „Beste Darstellerin“ verliehen bekam.

    Julie (Renate Reinsve) weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll: Medizin, Psychologie, Fotografie - nichts scheint das Richtige zu sein. Eines Tages lernt sie auf einer Party den um fünfzehn Jahre älteren Comiczeichner Aksel (Anders Danielsen Lie) kennen und verliebt sich in ihn. Das frischverliebte Paar zieht schnell zusammen, die gemeinsamen Jahre vergehen. Um dem Alltagstrott zu entfliehen, mischt sich Julie eines Abends nach einer von Aksels Buchpräsentationen unter die Gäste einer fremden Hochzeit. Und trifft auf Eivind (Herbert Nordrum), mit dem sie, obwohl ebenfalls in einer festen Beziehung, eine wilde Partynacht verbringt.

    „Wir haben niemanden betrogen.“
    „Nein, haben wir nicht.“
    „Nein, haben wir nicht...“

    Julie und Eivind sind sich zwar einig, dass es zu keinem aktiven Akt der Untreue gekommen ist, jedoch scheint das Aufeinandertreffen der beiden etwas fundamental geändert zu haben. Die gegenseitige Anziehung wird aber schnell unterbunden und bevor es dann doch noch zu einem Seitensprung kommen kann, trennen sich ihre Wege. Zunächst jedenfalls. Denn ein paar Kapitel weiter sollen Julie und Eivind erneut aufeinandertreffen.

    Wie, Kapitel? Bei „The Worst Person in the World“ handelt es sich doch nicht um einen Roman? Nein, das könnte man aber fast meinen, wenn man sich die Struktur des Films ansieht. Anhand von zwölf Kapiteln, die mehr oder weniger miteinander zusammenhängen, jedoch auch allesamt in sich geschlossen funktionieren, wird ein rasanter Einblick in die Freuden und Leiden einer Mittzwanzigerin (später Endzwanzigerin, noch später Anfangdreißigerin) gegeben, was nochmals von Prolog und Epilog umrahmt wird. Manche Episoden sind dabei humorvoll angelegt, manche funktionieren eher auf der emotionalen Ebene, alle geben einen signifikanten Einblick in das Leben der Hauptperson. Flott erzählt und filmtechnisch durch einige kreative Einfälle bereichert, wird es jedenfalls nie langweilig.

    Die ziemlich geradlinige Erzählung wird nämlich ein paar Mal von Momenten unterbrochen, in denen die filmischen Möglichkeiten geradezu ausgereizt werden: Einmal, nachdem Julie halluzinogene Pilze verzehrt, wird ihr buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen (was sogar ein wenig an die Hypnose-Szene aus „Get Out“ erinnert). Ein anderes Mal wird Julies komplette Umgebung eingefroren (und somit auch die Zeit angehalten), damit sie sich mit Eivind treffen kann: ein einfaches, jedoch effektives Mittel, um die Gefühlswelt und vor allem den Zwiespalt der Hauptperson darzustellen.

    Auch anhand der Dramaturgie lässt sich Julies charakterliche Entwicklung gut nachvollziehen. Die ersten Kapitel bieten einen lockeren Einstieg in die Handlung, die oftmals von Musik begleitet werden, gerade zum Ende hin wird das Gezeigte dann immer ernster – Julie wird älter, die Themen werden erwachsener. Und obwohl das Gesamtwerk aufgrund der Unterteilung in verschiedene Kapitel eigentlich relativ zerstückelt wirkt, schafft es Joachim Trier trotzdem äußerst überzeugend, ein rundes Bild einer Frau abzuliefern, die immer mehr zu sich selbst findet.

    Die Figur der Julie ist dabei natürlich immer von zentraler Bedeutung. Ihre Liebesbeziehungen stehen zwar im Fokus und die Geschehnisse rund um ihr Arbeitsleben werden eher subtil in die Handlung eingeflochten, gerade dieser Zugang demonstriert aber in äußerst nachvollziehbarer Weise ihren Weg zur emanzipatorischen Selbstfindung. Dafür braucht es oft nur zufällige Momente, wie ein Nachmittag im gemeinsamen Arbeitszimmer von Julie und Aksel. Die Kamera gleitet dabei häufig von einer Person zur nächsten, es braucht keine Dialoge, gerade Renate Reinsves Mimik sagt alles.

    Das Ende wirkt dann aber leider doch etwas überstürzt. Gerade aufgrund der exzellenten Vorarbeit stellt der Abschluss einen der wenigen Schwachpunkte dar, die dem modernen Gesamtkunstwerk, das Joachim Trier mit seinem neuesten Film erschaffen hat, aber trotzdem nicht viel anhaben kann.

    „The Worst Person in the World“ ist Julie sicherlich nicht. Sie ist eine komplexe Persönlichkeit, mit Ecken und Kanten, aber gerade das macht ihre Figur auch so nachvollziehbar. Sie mag sprunghaft sein, aber auch herzlich. Sie verzagt manchmal an den schwierigen Momenten, die die Phase „Mitte Zwanzig bis Mitte Dreißig“ bereithält, aber erfreut sich auch an den schönen Seiten des Lebens. Wenn sie sich nicht vollkommen sicher ist, ob das, was sie hat – sowohl was ihren Beruf als auch ihren Partner betrifft – das Richtige ist, dann ändert sie dies. Eigentlich kann man Julie nur bewundern. Und auch Joachim Trier kann man nur bewundern, liefert er mit dieser bittersüßen Tragikomödie, die alles andere als eine weitere 08/15-RomCom darstellt, erfrischende Ideen und eine atemberaubend gute Hauptdarstellerin. Und vor allem auch genau die richtige Prise Humor!
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    (Marion Schlosser)
    05.11.2021
    13:15 Uhr